Der Kirchentag war in seiner 60-jährigen Geschichte erstmals in Bremen zu Gast. Premiere hatten auch Schiffs-Veranstaltungen, etwa auf der "Cap San Diego". Das grösste fahrbereite Museums-Frachtschiff der Welt hatte in der neu entstehenden Überseestadt festgemacht und viele Kirchentagsbesucher in seinen Bann zog. Schon zu Beginn, am "Abend der Begegnung", hatte ein Lichtermeer mit 150.000 Kerzen und ein Schiffsballett auf der Weser die etwa 300.000 Besucher begeistert, die zu diesem Auftakt am Mittwoch gekommen waren.
Dass für die vielen Gäste aus Deutschland und aller Welt die fragende Losung der Grossveranstaltung "Mensch, wo bist du?" in das gute Gefühl mündete "Mensch, ich war dabei", das war auch die Hoffnung des leitenden Theologen der gastgebenden Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms. Neben den inhaltlichen Debatten mit politischer Prominenz wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) habe sich Bremen zu einem grossen Glaubensfest entwickelt. "Der Kirchentag war eine wunderbare Mischung aus hervorragender Organisation und gelingender Improvisation."
Dafür sorgten vor allem die etwa 4.500 zumeist jugendlichen Helferinnen und Helfer. Höhepunkte waren die Konzerte, zu denen unter anderen Popsängerin Stefanie Heinzmann, der Rapper Thomas D. ("Die Fantastischen 4") und die Kölner A-capella-Gruppe "Wise Guys" gekommen waren. Der Kirchentag hat sich in Bremen abermals als Jugendereignis präsentiert: Von den 100.000 Dauerteilnehmern waren gut 40 Prozent jünger als 30 Jahre.
60.000 Fans liessen allein beim Open-Air-Programm der "Wise Guys" La-Ola-Wellen über die Bürgerweide branden, die just zu diesem Zeitpunkt von einem bunt-schillernden Regenbogen überspannt wurde. Viele nahmen dieses Bild symbolisch als Hoffnungszeichen für die Auseinandersetzung mit so brennenden Problemen wie Finanzkrise und Klimawandel mit, die in vielen Kirchentags-Veranstaltungen bedacht wurden.
Gemeinsamen Auswegen 
Buchstabiert wurde das alles anhand der Kirchentagslosung "Mensch, wo bist du?". Deren Appell zu persönlicher Verantwortung des Einzelnen blieb nicht die einzige Botschaft. Genauso seien auch gesellschaftliche und politische Konsequenzen gefragt, forderte Renke Brahms, der Leitende Theologe der Bremischen Evangelischen Kirche.
Auch die politische Prominenz, die den Bremer Kirchentag besuchte, mahnte eine neue Werteorientierung an. Botschaften für mehr Bürgerbeteiligung und gegen Allmachtsfantasien oder Egoismus fanden in den Hallen und Zelten des Bremer Kirchentages überwiegend Beifall. Bei den Spitzenpolitikern habe sich eine "neue Nachdenklichkeit" gezeigt, so die Beobachtung von Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär. "Es war kein kämpferischer Kirchentag", steht für sie fest. Statt Protest und Zorn habe ihn die gemeinsame Suche nach Wegen aus der Krise geprägt. Ein wenig aufmüpfiger dürfe das Kirchentagspublikum ruhig sein, erklärte etwa Tilman Jens, Sohn des Rhetorikprofessors Walter Jens und Filmemacher, der die Geschichte des Laientreffens umfassend dokumentiert hat.
Der Umweltwissenschaftler Ernst-Ulrich von Weizsäcker analysierte jedoch in aller Schärfe den "neokonservativen Frontalangriff auf das Recht der Schwächeren". Er beklagte die "Verherrlichung des Marktes", die nach dem Scheitern des Sozialismus zur "Weltreligion" geworden sei. Nach 1989 seien alle "Schamgrenzen" gefallen, "sozialer Ausgleich galt nur noch als Kostenfaktor". Der Markt sei "das Heilige, der Staat das Verspottete" geworden.
Das Kapital habe als "scheues Reh" gegolten, Mitbestimmung und Umweltschutz seien als "unerträgliche Geräusche" dargestellt worden. Deregulierung bedeute nichts anderes als die Abschaffung von Rechten, sagte von Weizsäcker. Er rief dazu auf, "die Balance zwischen Markt und Staat wiederherzustellen", internationale Arbeitsnormen durchzusetzen, den Kapitaltransfer zu besteuern und aus den Erträgen den Aufbau von Rechtsstrukturen in den armen Ländern zu finanzieren.
Freundlichkeit und RespektDer Abschlussgottesdienst unter freiem Himmel markierte das Ende des fünftägigen Kirchentages. Insgesamt waren 99 500 Dauerteilnehmer sowie zahlreiche Tagesgäste zu den 2500 Veranstaltungen in die Hansestadt gekommen. "Christen haben eine Verantwortung für die Gesellschaft!, sagte der römische Theologe Daniele Garrone in seiner Predigt über den Ausspruch "Vergeltet nicht Böses mit Bösem" aus dem ersten Petrusbrief. Seine Frage "Mensch, wo bist Du?" beantworteten Tausende Besucher mit einem lauten "Hier!".
Für die musikalische Gestaltung sorgten 4000 Blechbläser. Einige Teilnehmer hatten während des Gottesdienst kurze Bibeltexte von der Bürgerweide getwittert. Bei der Abschlusspredigt hat der Theologe Garrone einen Bedeutungsverlust der christlichen Kirche eingeräumt. "Das Christentum ist nicht mehr die beherrschende Kultur Europas. Wir sind eine Minderheit geworden - nicht bedrängt, aber oft einfach unbeachtet", sagte der Römer.
Garrone warnte die Christen vor christlicher Besserwisserei. Die christliche Stimme dürfe nie "moralistisches Belehren" sein. "Freundlichkeit und Respekt weisen uns einen Weg, auf den Gott uns mitnimmt, ohne dass wir selber Regie führen", sagte er. Er verwies darauf, dass "Absolutheitsansprüche der Christen" viel "Intoleranz und Blut" in der Geschichte verursacht hätten.
Es sei ein "Kirchentag der Suche nach gemeinsamen Auswegen" gewesen, sagte Generalsekretärin Ellen Ueberschär. "Wer Sit-ins wie zu 68er Zeiten erwartet hatte, muss enttäuscht gewesen sein." Das liege aber weniger am Kirchentag selber, als an der Zeit, "in der wir leben". Schliesslich sei "die Zeit der klaren Fronten und Antworten vorbei."
Ähnlich äusserte sich Kirchentagspräsidentin Karin von Welck beim Abschlussgottesdienst: "Wer sagt, der Kirchentag sei zu zahm geworden, der verkennt, dass die komplexen Probleme unserer Zeit nicht durch plakative Antworten gelöst werden können." Der Kirchentag sei ein "Ort der Ermutigung" gewesen, um "auch in Zeiten von Krisen, Bedrohungen und Schwierigkeiten nicht den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, sondern als Christen Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen."
Es liege an den Menschen, die gegenwärtige Krise zu einer "Stunde Null", zu einem "wichtigen Neuanfang" zu machen, betonte die parteilose Hamburger Kultursenatorin. "Wir dürfen uns gerade jetzt nicht in die eigene Gruppe der Gleichgesinnten zurückziehen, sondern müssen auch auf die Menschen anderer Gesinnung zugehen und das Gespräch suchen."
Zum ersten Mal in der 60-jährigen Kirchentags-Geschichte diskutierten am Samstag Christen, Muslime und Juden in einem offiziellen "Trialog"-Forum über gemeinsame Weltverantwortung. Bei der Diskussion zum Thema "Sitzen wir alle im gleichen Boot?" waren sich alle Teilnehmer darin einig, dass gegenseitige Toleranz und Gleichrangigkeit der Religionen Grundlage des Miteinanders sein müssen. Der Trialog sei unverzichtbar angesichts der Weltprobleme und könne nur als langer Prozess erfolgreich sein.
Beitrag der GekommenenNahezu störungsfrei verlief die Grossveranstaltung "Deutscher Evangelischer Kirchentag" aus polizeilicher Sicht. Der Schwerpunkt polizeilichen Tätigwerdens lag darin, den Gästen Auskunft zu geben und Hilfe zu leisten. Trotz der hohen Zahl von Besuchern der Veranstaltung kam es zu keinen nennenswerten Verkehrsbehinderungen.
Auf vereinzelte Störversuche politisch anders Denkender wurde mit grosser Gelassenheit und Freundlichkeit reagiert, so dass ein polizeiliches Einschreiten entbehrlich war. "Es war eine Freude, diese Menschen als Gäste in unserer Stadt gehabt zu haben," erklärte der Polizeiführer Stefan Kiprowski nach Ende der Veranstaltung.
Der Oldenburger Bischof Jan Jnassen hat die Kirche trotz sinkender Mitgliederzahlen zum Optimismus animiert. "Wer nur auf alle aus ist, übersieht den Beitrag der Gekommenen", sagte Janssen auf einer Veranstaltung. Die Kirche müsse auf Veränderungen der Gesellschaft reagieren. Aktive in der Gemeinde sollten sich das "Gerede von der Erosion" nicht gefallen lassen und nicht müde werden, Menschen in die Gemeinde einzuladen. Er kritisierte die Fantasielosigkeit der Kirche in Zeiten knapper werdender Kassen. Man dürfe weder bei der alten Heimat noch bei der neuen Homepage stehen bleiben.
Für den Ökumenischen Kirchentag 2010 äusserten die Veranstalter den Wunsch, ein "deutliches Signal" für die Ökumene zu geben. Das müsse aber nicht zwangsläufig ein "gemeinsames Abendmahl" sein, sagte der Bremer Pastor Renke Brahms. Der Kirchentag habe gezeigt, dass die "Zukunft mit anderen Glaubensgemeinschaften weiter gemeinsam gestaltet werden müsse. Auch mit mehr Tempo als bisher". Garrone sprach im Bezug auf die Ökumene von "Frustration" und "Zurückhaltung".
Auch der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, dämpfte die Hoffnungen auf ein gemeinsames Abendmahl in München. "Dies scheint nicht der beste Weg zur Einheit zu sein." Meyer rief dazu auf, die Spannungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche "positiv zu verstehen", um den richtigen Weg zu mehr Gemeinsamkeit zu finden.
Der evangelische bayerische Landesbischof Johannes Friedrich warb bei der Veranstaltung für eine "Ökumene der kleinen Schritte". So stehe hinter der umstrittenen katholischen Abendmahlsauffassung in Wirklichkeit die grundsätzliche Frage nach dem Amtsverständnis der katholischen Kirche. "Das kann nicht in München geklärt werden", betonte auch er. Ökumene dürfe auch keine "Gleichmacherei" sein, sondern müsse dazu befähigen, den anderen zu akzeptieren. "Ich will den Papst auch nicht evangelisch machen", sagte Friedrich.
Einen Boykott des Zweiten Ökumenischen Kirchentags 2010 in München drohte der evangelische Pfarrer und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer an. Er werde nicht kommen, wenn es dort nicht "ein Zeichen eucharistischer Gastbereitschaft" gebe. Dabei steht der wackere Prediger aus der Lutherstadt nicht allein: Auch der Theologe Fulbert Steffensky, einst Benediktinermönch in Maria Laach, dann evangelischer Professor und einer der Kirchentags-Matadoren, will "nicht darauf warten, bis die letzten fusskranken Mitglieder von Kirchenleitungen angekommen sind und das Mahl für erlaubt halten", formulierte er bei einer Bibelarbeit. Es gebe auch die "Tugend des Ungehorsams".
Die Zeit leidenschaftlicher Proteste wie einst gegen Nachrüstung, Apartheid und Globalisierung scheint zwar vorbei. Doch ein neues Netzwerk will am Ökumenischen Kirchentag daran anknüpfen: Ohne Rücksicht auf Ausgewogenheit müssten die "tatsächlichen Probleme" und die Not von 2,5 Milliarden Armen in Entwicklungs- und reichen Ländern angeprangert werden, fordert ein Bündnis um die katholische Arbeitnehmerbewegung und ruft zu einer klaren Abrechnung mit dem Neoliberalismus auf. Wie der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentages, Eckhard Nagel, am Samstag sagte, seien "erkennbare Symbole" nötig, die den Zweiten Ökumenischen Kirchentag zu einem Fortschritt machten.
Für das kommende Jahr brauche man spür- und sichtbare gemeinsame Symbole. Daran arbeite man. Allen Unkenrufen zum Trotz seien die Laienbewegungen "wichtige stärkende Bewegungen in unserer Kirche". Die habe auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, in Bremen bekräftigt.
Die Vorbereitungen für den zweiten Ökumenischen Kirchentag in München 2010 haben längst begonnen - und mit ihnen ein zähes Ringen. Denn ein blosses Zelebrieren des Stillstands wäre für die Laienbewegungen auf beiden Seiten ein deprimierender Rückschlag. "Wir werden klare Symbole brauchen und entwickeln müssen", so der Bayreuther Medizinprofessor Eckhard Nagel, der in der Doppelspitze des Christentreffens 2010 die evangelische Seite vertritt.
Im nächsten Jahr findet also der zweite Ökumenische Kirchentag statt, der nächste Evangelische Kirchentag 2011 in Dresden. Danach folgen Hamburg (2013), vermutlich Stuttgart (2015) und - im Lutherjahr 2017 - ein ostdeutscher Standort.