In seinem dunklen, korrekten Anzug wirkt Volker Jung wie ein Fremdkörper unter den rund 700 freizeitlich gekleideten demonstrierenden Kirchenmitarbeitern. Er beweist Mut, der neue Kirchenpräsident. Andere Arbeitgeber würden sich dem Volkszorn entziehen. Pfiffe und Trillerpfeifengekreisch schallen ihm entgegen, als er ans Mikrofon des Verdi-Rednerwagens vor seinem Amtssitz, der Kirchenverwaltung am Paulusplatz, tritt. Nicht nur in den Jugendkirchen macht sich verschiedentlich eine Unterbezahlung bemerkbar.
Nicht alles, was man sich wünsche, sei auch machbar, beklagt Jung. Und zeigt Verständnis dafür, dass die Erzieherinnen, Krankenhausmitarbeiter, Berater von diakonischen Einrichtungen und Altenpfleger lautstark bis schrill für ihre Lohn-Interessen eintreten. Verständnis auch für den Unmut der stark belasteten Erzieherinnen. Das dämpft die aggressive Stimmung ein bisschen.
Aber als der höchste Repräsentant der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau der Menge versichert, die Kirche wolle ein attraktiver Arbeitgeber bleiben, schallt ihm vielstimmig die Wortkorrektur "werden" entgegen.
Jungs Wunsch "Gottes Segen bei der Erfüllung Ihres Auftrages" provoziert zum Kommentar "das reicht aber nicht". Die rote Laterne, die dem Kirchenpräsidenten überreicht wird, soll ihm signalisieren, dass Hessen-Nassau das Schlusslicht bei der Bezahlung ist.
Denn die Gehälter sind niedrig, weil für sie nicht das deutsche Arbeits-, sondern kirchliches Sonderrecht gilt. Betriebsräte dürfen sie nicht wählen und nicht streiken. Sowas hält die Löhne unten. Das wäre eigentlich eine SMS bzw. 'twitter' an den Kirchentag wert gewesen: "Du sollst dem Dürftigen und Armen seinen Lohn nicht vorenthalten" (5. Buch Mose, Kapitel 24, Vers 14).
Das würde doch einen hübschen Tweet abgeben. Auch das geht rein, einschliesslich der Quellenangabe. Na ja, vielleicht nimmt die Kirchenbürokratie sich ja die 110-Byte-Message aus dem Hebräer-Brief, Kapitel 13, Vers 22 zu Herzen: "Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, haltet das Wort der Ermahnung zugute; denn ich habe euch kurz geschrieben." Ewige Wahrheiten gibt's eben auch im SMS-Format.
Volker Jung, der erst im Februar in sein neues Amt eingeführt worden war, musste den Groll von Beschäftigten aus den kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Südhessens demütig ertragen. Gegenüber ihren Kollegen von Caritas und Öffentlichem Dienst halten sie sich für unterbezahlt.
Die Differenz zu den Löhnen vergleichbarer Berufsgruppen bei anderen Einrichtungen beträgt nach den Angaben von Verdi zehn Prozent - zwischen 100 und 200 Euro. Die Demonstranten verlangen von der am Mittwoch in der Kirchenverwaltung tagenden Arbeitsrechtlichen Kommission einen Festbetrag in Höhe von fünfzig Euro und zusätzlich fünf Prozent.
Der Festbetrag dürfe nicht auf den Besitzstand angerechnet werden. Die Kommission ist für die Entgelte von rund 36 000 Angestellten in Kirche und Diakonie zuständig.
Am Eingang zur Kirchenverwaltung wurden Transparente mit dem schnell erfundenen elften und zwölften Gebot aufgestellt: Du sollst den Lohn nicht kürzen. Und: Du sollst deinen Arbeitnehmer lieben wie dich selbst.
Die Demonstranten, die zum Teil mit Bussen gekommen waren, hatten sich zuvor auf dem Luisenplatz versammelt. Auf beschriebenen Papptellerchen forderten sie einen "Nachschlag" und begründeten dies individuell:
"...weil die Monatskarte immer teurer wird". "...weil ich meiner Familie und mir wieder etwas gönnen möchte". "...weil das Helfersyndrom nicht sattmacht". "...weil Schraubensortieren bei Opel besser bezahlt wird als Krankenpflege". Nach einem von Trommlern begleiteten Umzug durch die Stadt wurde die Eingangszone vor der Kirchenverwaltung mit den Papptellern dekoriert.
Erhard Schleitzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen des Diakonischen Werkes, erklärte, wie es zu der Lohn-Schieflage gekommen war. Die Kirchensynode habe 1979 eine Arbeitsrechtliche Kommission eingesetzt.
Fair und als gleichberechtigte Partner sollten Arbeitnehmervertreter und kirchliche Arbeitgeber miteinander verhandeln und sich an den Gehaltstarifen des Öffentlichen Dienstes orientieren. Doch 2005 sei mit der Kirchlich-Diakonischen Arbeitsvertragsordnung die Abkopplung von der Tarifentwicklung im Öffentlichen Dienst vollzogen worden.
Die schlechtere Bezahlung führe dazu, dass es immer schwerer werde, junge gute Mitarbeiter für die kirchlichen und diakonischen Betriebe zu finden. Die Folge sei Personalmangel in den Einrichtungen - und damit eine weitere Arbeitsverdichtung für die Beschäftigten.
Oberkirchenrätin Sigrid Bernhardt-Müller teilte in einer Presseerklärung mit, dass die heute tagende Arbeitsrechtliche Kommission einen Tarifvergleich diskutieren wolle. "Dabei wird sich herausstellen, ob die von Verdi verschiedentlich aufgestellte Behauptung stimmt, dass Beschäftigte in Kirche und Diakonie zehn Prozent weniger verdienen."
Kirche und Diakonie gingen nicht von einem Interessengegensatz zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite aus, "sondern von dem christlich geprägten Gedanken einer Dienstgemeinschaft aller Beschäftigten".
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