 Wer die Kirchengemeinden Schenefeld oder Haselau bekommt, hat schon mal schlechte Karten. Wer richtig punkten will, braucht Niendorf, Ottensen oder Rellingen. Die Rede ist vom bundesweit ersten evangelischen "Kirchen-Quartett" - ein Kartenspiel, mit dem der neue Gross-Kirchenkreis "Hamburg-West/Südholstein" seine Gemeinden bekanntmachen will. 1.000 Spiele wurden erst einmal produziert.
Quartetts gehörten einst zu den Standardspielen der Kinder, seit 1952 das erste Auto-Quartett herauskam. Generationen von Jungen lernten auf diese Weise schon früh, dass man mit einem VW-Käfer oder einer BMW-Isetta gegen Jaguar oder Ferrari nur verlieren kann. Jetzt wird um Kirchen gerungen: Nur 800 Kirchenmitglieder hat die Stephansgemeinde Schenefeld zu bieten, während Niendorf es auf stolze 14.055 bringt. Auch mit ihrem Baujahr 1953, 16 Meter Turmhöhe und 760 Orgelpfeifen hat Schenefeld gegen die Niendorfer Marktkirche nicht den Hauch einer Chance: Sie wurde 1770 gebaut, mit 33 Meter Turmhöhe und 2.007 Orgelpfeifen.
Die Kirchenkreise Altona, Blankenese, Niendorf und Pinnenberg haben sich am 1. Mai zu "Hamburg-West/Südholstein" zusammengeschlossen und als die neue Synode erstmals zusammentraf, bekamen alle 110 Kirchenparlamentarier ein Quartett geschenkt. Damit können sie sich ein Bild von den 74 Kirchen und zwei Gemeindezentren machen, für die sie künftig verantwortlich sind.
Entwickelt wurde das Spiel vom Team der mobilen Wiedereintrittsstelle, das in den Gemeinden vor Ort mit kreativen Ideen neue Mitglieder sucht. Dass bei den Angaben über Turmhöhe und Orgelpfeifen ein bisschen gemogelt wurde, sei nicht auszuschliessen, sagt Pastor Tobias Woydack aus Hamburg-Osdorf. Auch wusste die Gemeinde Schnelsen nicht, wieviele Mitglieder sie hat. Ob das Fragezeichen bei Schnelsen nun als "Null" zu werten ist, sei aber noch ungeklärt. Ganz offiziell ohne Mitglieder ist die neue Jugendkirche, deren Besucher aus anderen Teilen Hamburgs nach Gross-Flottbek kommen.
Ein halbwegs ausgeglichenes Quartett-Spiel ergibt sich dadurch, dass die fünf altehrwürdigen City-Hauptkirchen nicht zu Hamburg-West zählen. Mit Alter, Grösse und Orgelpracht würden sie die kleineren Stadtkirchen allemal ausstechen. "Joker" in der Rubrik Baujahr ist die St. Gabriel-Kirche in Haseldorf von 1195, während die Martin-Luther-Kirche Quickborn von 1985 hier immer verlieren wird. Die meisten Sitzplätze hat mit 900 die Rellinger Kirche. Die neu eröffnete "Kirche der Stille" in Altona dagegen hat offiziell gar keine Sitzplätze, weil man hier meist auf dem Fussboden sitzt.
Mit einer Turmhöhe von 83 Metern und sechs Eingängen gehört die Kreuzkirche in Hamburg-Othmarschen zu den Favoriten des Quartetts, während das Gemeindezentrum Holm mit fünf Metern Höhe und einem einzigen Eingang hier nur verlieren kann. Die Rubrik "Stufen zum Altar" bietet für manche "Verlierer-Kirche" dagegen ungewohnte Chancen: So hat die Stephanskirche Schenefeld immerhin eine Altarstufe, während die sonst so siegesgewisse Niendorfer Marktkirche mit ihrem stufenlosen Altar hier klein beigeben muss.
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