Flexibilität sowie soziale und virtuelle Vernetzung entscheidend. Gleichzeitig gibt es aber auch Gegenströmungen zum Internet-Hype: Den Prozess der Entschleunigung. Wo das Internet dominiert, wird Papier wieder interessanter, was der Erfolg postmoderner Magazine belegt. Ästhetik, das Streben nach dem Schönen, spielt in allen Milieus eine entscheidende Rolle: Schönheit ist alles, das Outfit entscheidet. Übergreifend erkennbar ist auch eine ausgeprägte pragmatische, zielgerichtete Lebens-Perspektive.
Seit 1995 kann man bereits den Segen "Urbi et orbi" des Papstes im Internet anschauen. Es werde nun von den christlichen Kirchen versucht, Menschen anzusprechen, die nicht so nahe bei der Kirche seien. Zum Beispiel mit wöchentlichen Videos und man wolle auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter aktiver werden. Web 2.0 somit durchaus ein Thema für gläubige Christen. Das Problem sei, dass man dies auf den offiziellen Webportalen zu wenig sehe, während junge Menschen Netzwerk- und Multimediaplattformen im Internet einer neuen Studie zufolge häufiger nutzen als bislang gedacht und zudem vermehrt ausschliesslich im Internet beichten.
Der Besuch im Beichtstuhl einer katholischen Kirche ist für viele nicht mehr zeitgemäss. Doch das Bedürfnis, Schandtaten und Sorgen mitzuteilen, bleibt. Die Beichte im Internet wird immer populärer, beweisen aktuelle statistische Erhebungen. Hunderte Beichten gehen mittlerweile pro Tag auf Beicht-Webseiten online. Manche sind ernst gemeint, viele als Spass. "Über 11'000 Sünden online!" wirbt www.sinr.de. Dazu die Einladung "Befreie Deine Seele!"
Auf www.istdasnormal.com überwiegen wahrscheinlich die witzig gemeinten "Beichten". Veröffentlicht werden nicht nur Sünden, sondern auch Eigentümlichkeiten. "Ich liebe den Saft im Gurkenglas. Ist das normal?", schreibt einer, ein anderer: "Ich rede oft mit mir selbst. Vor allem wenn ich meine Haare föhne. Dabei erfinde ich mir ein neues Leben. Ist das normal?" Aber auch ernst gemeinte Beiträge finden sich darunter. "Ich gebe meinen ganzen Lohn für Alkohol aus", beichtet einer. Die anderen Besucher der Seite können abstimmen und die Frage beantworten, ob das wirklich normal ist.
Ein Insider: "Gestanden wird alles, dessen sich Menschen schuldig machen können. Von skurrilen Kleinigkeiten wie 'Ich gebe in Bewerbungen immer an, Swahili sprechen zu können', bis hin zu grosskalibrigen Straftaten: 'Dann war da auf einmal diese Radfahrerin. Sie hatte Vorfahrt, doch ich habe sie total übersehen. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich hatte 1,2 Promille Alkohol im Blut.'"
Eine Konkurrenz zur Kirche möchte Robert Neuendorff, der verschiedene Beicht-Webseiten betreibt, nicht sein. "Die Beichte im Internet kann ein persönliches Gespräch mit einem Priester nur schwer ersetzen. Für die meisten User sind jedoch die Meinungen anderer Menschen wichtig. Viele können oft hilfreichere Ratschläge liefern, als eine einzelne Person bei der traditionellen Beichte in der Kirche."
Die katholische Kirche sieht das anders, denn im Netz seine Sünden zu gestehen, ist kein Akt, der Zeit, Mühe oder Überwindung kostet. Bei den meisten Angeboten reicht es, sein Fehlverhalten in ein Formularfeld zu schreiben und abzuschicken. Ausserdem fehlt meistens ein ernstgemeinter Wunsch, sich zu bessern. "Sünden werden da garantiert nicht vergeben.
Bei vielen dieser Dinge fehlt die Reue, und die ist bei der Beichte das Wichtigste", sagt Christian Sieberer, katholischer Pfarrer aus Österreich. Dennoch: "Es tut gut, sich das hier einmal von der Seele zu schreiben", beendet eine Userin ihre Beichte. Die Webseite formuliert es nach getaner Beichte jedoch selbst eher vorsichtig: "Wenn Sie Ihre Verfehlungen wirklich bereuen, wird Ihnen wahrscheinlich vergeben", heisst es da.
Oftmals schwach besuchte Gottesdienste, aber neuer Zulauf im Internet: Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) freut sich über gute Resonanz auf ihre neuen Online-Angebote. Dies sagte die Leiterin des neuen Portals evangelisch.de, Melanie Huber, am Freitag auf der EKD-Synode in Würzburg. "Wir haben ein absolut positives Feedback." Das neue Internetportal solle eine evangelische Sichtweise auf Deutschland und die Welt bieten und richte sich an Menschen zwischen 30 und 55 Jahren. Mit oftmals kirchenfernen Menschen entspinne sich im Internet ein Dialog über den evangelischen Glauben. "Auch Menschen, die nicht in die Kirche gehen, beschäftigen sich mit Glaubensfragen."
"Es entsteht eine neue Form von Gemeinschaft, die vielleicht noch enger ist als jene in der Kirchengemeinde", so Huber. "Kirche macht eben mehr aus, als das Gebäude zu besuchen." Dabei strahle die virtuelle Gemeinschaft zurück ins reale Leben. "Was wir im Web beobachten ist, dass sich die Menschen von Angesicht zu Angesicht treffen wollen." Seit einiger Zeit hat die evangelische Kirche ihre Präsenz im Internet verstärkt.
"Wir sind mit einem Blog, bei Facebook und Twitter aktiv", sagte Huber. Das neue Internetportal, das nach einem Vorlauf am 24. September komplett an den Start geht, solle der Information und dem Austausch von all jenen dienen, die "mehr wissen, diskutieren und bewegen wollen". Zugleich ist es als Plattform für publizistische Beiträge aus den 22 Landeskirchen und den evangelischen Werken und Einrichtungen gedacht.
Mehr als 85 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 24 Jahren verbringen durchschnittlich zwei Stunden täglich im Internet, wie die Landesanstalt für Medien (LfM) Nordrhein-Westfalen am Mittwoch in Düsseldorf mitteilte. Für die repräsentative Studie hatten Wissenschaftler der Universität Salzburg und des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung in Hamburg 650 Jugendliche befragt. Zu den Lieblings-Webseiten der Jugendlichen gehören die Netzwerkplattform Schüler- bzw. Studi-VZ, das Videoportal YouTube und der Infodienst Wikipedia.
Einen Höhepunkt der Internetnutzung stellten die Wissenschaftler bei Jugendlichen im Alter von 16 Jahren fest. "85 Prozent der befragten Schüler haben in diesem Alter ein eigenes Profil bei mindestens einer Online-Community eingestellt", sagte Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut der Uni Hamburg. Dies gelte für Jungen wie für Mädchen. In der Gruppe der 15- bis 17-Jährigen seien 41 Prozent der männlichen und 37 Prozent der weiblichen Jugendlichen bei Schüler VZ registriert.
Die Wissenschaftler unterscheiden sechs verschiedene Handlungstypen. Sie reichen vom Jugendlichen, der das "Social Web" kreativ-engagiert, selbstbewusst und neugierig-kompetent nutzt, bis zum jungen Erwachsenen, der vor allem zur Bewältigung sozialer Probleme ins Netz geht. "Die weitaus meisten Jugendlichen nutzen das Social-Web freundschaftsbezogen", sagte Ingrid Paus-Hasebrink von der Universität Salzburg.
Nur wenige, meist höher gebildete junge Menschen gingen kreativ damit um, indem sie selbst gedrehte Videos drehten oder Blogs erstellten. Mädchen zeigten insgesamt eine stärkere Tendenz zu soziale Netzwerken und neigten weniger zur Selbstdarstellung als Jungen.
"Wir twittern die Bibel" Mit diesem Projekt (→
In der JuKi wird getwittert) will das neue Internetportal auf dem evangelischen Kirchentag in Bremen (20.-24. Mai) für sich werben. Für die Aktion haben Theologen die Bibel in rund 3000 Abschnitte aufgeteilt. Diese Bibelstellen werden an Besucher verteilt, die die Passagen twitter-typisch mit nicht mehr als 140 Zeichen zusammenfassen sollen. Der Weltrekordversuch, die gesamte Bibel in Kurzform zu bringen, brächte Menschen auf unkonventionelle Weise dazu, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen, glaubt zumindest Huber.