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Sowohl Jugendkirche als auch Schützenverein ... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Mittwoch, 8. April 2009
"Auf Menschen anzulegen, egal womit, da hört der Sport auf", äussert sich der Oberschütze eines Schützenvereins. Es ist ruhiger geworden um die Bluttat von Winnenden. Bessere Bedingungen vielleicht, um in Ruhe zu fragen, was der Schießsport damit zu tun haben könnte, dass eine derartige Tat möglich wurde - und nach der Faszination des Schiessens. "Junge Leute auffangen", ihnen eine Beschäftigung geben, eine Perspektive - das wolle sowohl die Jugendkirche als auch der Schützenverein, wird geäussert.

Dem Raum fehlt jede Gemütlichkeit. Kein Fenster, kein Bild an der Wand, die Decke bedrohlich nah über den Köpfen. Tack. Ein Knall, kurz und trocken, gar nicht sehr laut. Es wird nicht gesprochen, ein Dutzend Jugendliche blicken stumm in eine Richtung, einen Arm ausgestreckt, Ohrschützer über dem Ohr. Tack. Langsam senken sich einzelne Arme. Tack. Hinten hebt sich einer. Tack. An einer Leine wird aus zehn Metern Entfernung eine Zielscheibe herangezogen und schweigend begutachtet. Tack. Das Stakkato folgt keinem Rhythmus. Tack. Andere sehen sich das Ergebnis ihrer Bemühungen auf dem Laptop an. Tack. Tack. Die Jugendabteilung der Schützengesellschaft Hauingen trainiert.

Andreas Francke legt ein neues Bleikügelchen in seine Luftpistole ein, streckt den rechten Arm, senkt ihn ganz langsam, fixiert durch das kleine Sehloch in dem Brillengestell vor seinem Auge das Ziel, der Zeigefinger seiner rechten Hand biegt sich leicht, alles verharrt für Sekunden in scheinbarer Unbeweglichkeit - dann zieht er den Finger ganz heran und drückt ab. Tack. Es war der zehnte Schuss, 86 von 100 möglichen Ringen hat er geschossen in dieser Serie. Nichts Besonderes für den 18-Jährigen, der gerade Abitur macht. Aber dafür, dass er am Abzug seiner Waffe etwas verändert hat, ist er zufrieden.

Andreas ist ein schlaksiger junger Mann, besonnen und nachdenklich und dabei offen und freimütig. "Ich finde es traurig, dass ich immer wieder auf solche Situationen wie Erfurt oder Winnenden angesprochen werde", sagt er ohne lange Vorrede. Wer sonst muss sich so häufig und ausgiebig für sein Hobby, seinen Sport, rechtfertigen? "Ich fühle mich oft mit meinem Hobby infrage gestellt, ich spüre einen gewissen Rechtfertigungsdruck. Und es nervt, wenn man das fünfzehnmal am Tag erklären muss." Andererseits spürt er auch die Verunsicherung, die das Geschehen von Winnenden ausgelöst hat. Und er versteht die Fragen, die es aufwirft. Also stellt er sich diesen Fragen - vor Freunden, Klassenkameraden, Lehrern.

Als er zehn war, hat ihn der Nachbar des Grossvaters mit auf einen Schießstand genommen. Er durfte abdrücken mit dem Luftgewehr, traf, schoss noch einmal und traf wieder. Er habe Talent, meinte der Freund des Opas und Andreas gibt ihm heute recht. Der Lörracher Sportschütze gehört zu den besten im Land, trainiert im Landeskader.

Als er anfing, brauchte er eine Sondergenehmigung, er war noch zu jung. Und er brauchte die Zustimmung seiner Eltern, die ihm klarmachten: Sobald er ein einziges Mal mit seinem Sport prahle, sobald er vor Gleichaltrigen erzähle, dass er eine Waffe zu Hause hat, würden sie ihm diesen Sport verbieten. Und sie schauten sich an, welchem Verein er sich anschloss. "Sie waren einige Mal beim Training, dann fassten sie Vertrauen." Er findet, er habe Glück gehabt mit seinem Trainer. "Der merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt, der befasst sich sehr intensiv mit seinen Jugendlichen."

Das Besondere am Schiessen sei die Konzentration. "Man geht nicht an den Schießstand und trifft", sagt Andreas. "Man muss mit sich selbst im Reinen sein, um gute Ergebnisse zu erzielen." Er hört  viel in seinen Körper hinein, die    Hand muss ruhig sein, der Zeigefinger den Abzugshebel bis zum Druckpunkt spannen, der Schuss muss genau in jener Tausendstelsekunde ausgelöst werden, in der der Lauf exakt auf das Zentrum der Zielscheibe gerichtet ist.

Konzentration ist anstrengend. "Ich hätte früher nie gedacht, wie erschöpft man sein kann nach einem Wettkampf." Diese Fähigkeit, alles auszublenden, sich voll und ganz zu konzentrieren, komme ihm im übrigen auch in der Schule zugute.

Der Trainer

Aus dem Hintergrund tritt Helmut Becker zu den jungen Schützen. Er spricht ruhig. Tack, Tack. Auf dem Bildschirm eines Laptops ist eine Linie zu sehen, gelb, grün, rot, wirr wie ein Wollknäuel. Tack. Die Linie zeigt die Bewegung in der letzten Sekunde vor dem Schuss. Neun Zehntel in Gelb, das letzte Zehntel in Grün, das Zehntel nach dem Schuss in Rot. Tack. Helmut Becker, Jugendtrainer der Schützengesellschaft Hauingen, geht der Linie nach. Auch wenn die Zahl der Ringe passabel ist, Becker gefällt die Vor-   bereitung des Schusses noch nicht, das Heranführen ans Ziel erscheint im willkürlich, zufällig. Tack.

"Es wäre schlimm, wenn wir nicht über den Vorfall von Winnenden reden würden", sagt Becker. "Wir Schützen sind sensibilisiert." Becker sagt zugleich, dass auch er sich ärgert, wie sein Sport auf die Anklagebank gebracht wird. Becker ist sich klar, dass er keine jungen Tischtennisspieler trainiert. Hier wird mit einer Waffe hantiert. "Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber der Familie", sagt er. Deshalb hat er am Tag von Winnenden seine Schützlinge beiseite genommen und mit ihnen gesprochen. Weniger über die Bestimmungen zur Aufbewahrung der Waffen, denn die meisten sind ohnehin noch minderjährig. Da sind die Eltern und der Verein in der Pflicht. Er hat mit ihnen über das Schiessen gesprochen, was sie daran fasziniert und warum sie diesen Sport ausüben und wie es ist, zu zielen und zu schiessen.

Becker sagt, er kenne alle seine Schützlinge. Er halte Kontakt zu den Eltern, um zu erfahren, was die Jugendlichen sonst noch treiben, ob sie noch einem anderen Sport nachgehen, viel am Computer sitzen, wie es in der Schule läuft, wenn etwas Besonderes passiere. Oft aber erfährt er dies als Erster, denn ohne innere Ruhe und Ausgeglichenheit könne man diesen Sport nicht erfolgreich betreiben. "Wenn etwas nicht stimmt, sind sie auch nicht ruhig, dann treffen sie auch nicht." Und da ist er der Erste, der sieht, wenn ein junger Mensch die innere Balance verliert. "Wir haben auch schon das Training abgebrochen und sind zum Fussballspielen rausgegangen oder haben einen Waldlauf gemacht." Dann, wenn er einen Bewegungsdrang spürte, wenn die Anspannung zu gross war.

Aber Becker ist auch nachdenklich geworden, weniger was den Sport angeht, sondern in einem viel weiter gefassten Sinn. "Man macht sich so seine Gedanken, was man von den Jugendlichen eigentlich weiss."

Der Entwaffnete

"Wenn was passiert - das könnte ich mir ja nie verzeihen." Herr S. ist einer von den Menschen, die "nach Winnenden" ihre Waffe zurückgegeben haben. "Eigentlich wollte ich das schon längst." Der Amoklauf von Tim K. sei der Anstoss gewesen, der "Anschugger", den es noch gebraucht hat. Im Kleiderschrank hatte S. die Waffe aufbewahrt, in einer Geldkassette verschlossen. "Absoluter Leichtsinn", sagt er heute. Wenn er die Winter- gegen die Sommerpullover tauschte, immer dann kam ihm die Geldkassette in die Hand und die Waffe wieder in den Sinn.
"Ein ungutes Gefühl." Und doch hat er es immer wieder verdrängen können.

S. ist 67, ein gemütlicher Mann mit Schnauzbart und lächelnden Augen. Grossvater ist er - und die Enkel sind es, um die er sich sorgt. Zwischen zehn und 14 Jahren sind sie. Man muss die Kinder doch vor negativen Einflüssen schützen. Vor Gewaltdarstellungen, vor gewaltverherrlichenden Filmen, Spielen - und auch vor Waffen. Diese Gefahrenquelle jedenfalls hat S. jetzt beseitigt. "Was, wenn die Enkel beim Spielen auf die Waffe gestossen wären", sagt er. Pause. "Ich wäre doch nicht mehr froh geworden." S. sitzt an seinem schweren Schreibtisch, Blick auf das Bücherregal, Romane stehen da, Kochbücher, Spielzeugautos.

Gekauft hat S. seine Waffe vor 33 Jahren. Er leitete eine Bank damals. Weil es immer wieder Entführungen und Überfälle auf Menschen in seiner Position gab, hatte er Angst, man könne auch ihn überfallen - zu Hause oder auf dem Weg dorthin. "Das war reine Überheblichkeit", sagt S. heute, "eine völlige Überschätzung der eigenen Wichtigkeit."

Als Jugendlicher hat er mal bei den örtlichen Schützen geschossen. "Gut war ich nicht, ich hab’s halt probiert und mal rechts, mal links daneben geschossen." Die Faszination Schiessen? Hat es für S. nie gegeben.

Die Faszination Waffe schon. "Natürlich war das eine schöne Waffe." Die Augen blitzen - Begeisterung und gleichzeitig ein bisschen Scham zeigen sie. "Ein Revolver, wie die Cowboys ihn hatten, eine Smith & Wesson." Jetzt wird sie in einer Presse zerquetscht. S. hat sich im Fernsehen angeschaut, wie die Polizei Waffen unbrauchbar macht. "Das ist genau das, was ich will. Meine Waffe kann kein Unheil mehr anrichten."

Die Sportschützin

Anne-Kathrin Mäder, 20, ist das, was man sich unter einer sozial engagierten jungen Frau vorstellt. Sie will Realschullehrerin werden, studiert Deutsch, Chemie und Theologie, engagiert sich in der evangelischen Kirche. Und Anne-Kathrin Mäder schiesst. Sie ist Mitglied im Schützenverein Endenburg, ihrem Heimatort. "Für mich ist Schiessen ein Sport", sagt die junge Frau. "Ein total ruhiger Sport." Viele Sportarten seien aggressiv, findet sie. Schiessen nicht.

Mit wem sie auch redet in diesen Tagen - an der Uni, im Wohnheim, unter Freunden -, immer wird sie angesprochen auf Winnenden und Waffen, oft muss sie sich für ihren Sport rechtfertigen. Verständlich. Nur eines regt sie auf: "Wenn so getan wird, als hätte der Täter im Schützenverein gelernt, wie man Menschen umbringt." Nichts kann die junge Frau aus der Ruhe bringen. Selbst jetzt, da sie sich ärgert, bleiben die Augen freundlich, nur die gehobenen Brauen verraten Anspannung.

"Unsere Waffen sind nicht im Ansatz darauf ausgerichtet, auf etwas Lebendiges zu schiessen", sagt sie. Zehn bis fünfzehn Minuten dauert es, bis sie sich auf einen Schuss vorbereitet hat, um dann in entspanntem Zustand ins Schwarze zu treffen. Anne-Kathrin Mäder schiesst mit Kleinkaliber und Luftgewehr. Am Halskettchen trägt sie ein filigranes silbernes Kreuz.

"Zu so etwas wie Winnenden gehört viel mehr. Wie weit muss ein Jugendlicher getrieben werden, der so etwas tut?", fragt sie. "Als Letztes würde ich die Gründe dafür im Schützenverein suchen." Ja sicher, es war eine Waffe im Spiel, das mahne auch die Schützen, darauf zu achten, wie sie mit ihren Waffen umgehen. "Das sind Sportgeräte, vor denen ich Respekt habe und mit denen ich mit Respekt umgehe", sagt sie. "Genauso wie ein Rennfahrer, der sich mit seinem Fahrzeug in den Tod fahren kann." Man hört es den Argumenten der jungen Frau an, dass sie schon häufiger herhalten mussten.

Unter der Woche lebt sie in Freiburg, studiert. Am Wochenende fährt sie nach Hause, nach Endenburg mit seinen 420 Einwohnern, wo die Freundinnen und Freunde auch Sportschützen sind und der Schützenverein sozialer Angelpunkt ist. Mäder kümmert sich auch hier um die Jugendarbeit. Engagement hier und in der Kirche - das sind für Mäder keine Gegensätze. "Junge Leute auffangen", ihnen eine Beschäftigung geben, eine Perspektive - das wolle sowohl die Jugendkirche als auch der Schützenverein.

Schaut man jetzt aufmerksamer auf die Jungen im Verein? "Ganz klar", sagt Mäder. Aber die hätten schon immer im Blickpunkt gestanden. Das seien aber auch keine waffennärrischen, ballernden Jungs, die da im Schießstand übten. Die könnte man für den Schießsport gar nicht begeistern. "Konzentration, Körperbeherrschung, vollkommene Ruhe", das mache den Schießsport aus - und für Anne-Kathrin Mäder attraktiv. Eher ein Sport für Mädchen als Jungen also? "Absolut."

Der Jäger

Jawohl, es gibt sie, sagt der Jäger, mit Bedauern in der Stimme. Ja, es sind nicht alle in der grünen Zunft so besonnen und charakterfest, wie er das von einem Jäger erwartet. "Es gibt auch bei uns die mit dem schnellen Finger." Das sind die, die mit Promille im Blut auf die Pirsch wanken, oder Choleriker, die schon, wenn sie "im Gebüsch was wackeln sehen", es krachen lassen. Deshalb, sagt er, sind auch Jagdunfälle keine Schauermärchen, sondern immer wieder tödliche Realität.

Er ist 69, einer der erfahrensten Revierjäger im Freiburger Umland und ein knorriger, freundlicher Typ. Er hat etwas zu sagen, allerdings kein Interesse, seinen Namen in der Zeitung zu lesen. Sagen will er vor allem dies: "Die Jagd besteht nicht aus Schiessen." Jedenfalls nicht in erster Linie. Sondern aus Lernen, viel und lange Lernen, über das Wild, den Wald und die Zusammenhänge. Wer bloss schiessen will, ist hier fehl am Platz. Und Jäger, die aus Waffenfetischismus Jäger werden, kennt er nicht. Nicht persönlich.

Doch Vorsicht ist auch beim Jäger heutzutage die Mutter der Waffenkiste. "Früher", schmunzelt er, "da hingen die Jagdwaffen hier drüben am Garderobenhaken, ganz offen zugänglich." Heute denkt er an seine Enkel, 12 und 15 Jahre alt, und ist froh, dass das Gesetz ihm einen Stahlschrank vorschreibt. Nicht, dass er ihnen misstraut. Aber man soll die Jugend nicht in Versuchung bringen. Überhaupt, man muss sich mehr kümmern, findet er. "Was machen die Buben eigentlich so den ganzen Tag", davon sollten Eltern durchaus eine leise Ahnung haben. Und Kurzwaffen wie die von Winnenden? Da hat der Jäger eine Meinung, die vielen Waidgenossen nicht schmeckt: "Die sind für die Jagd ungeeignet. Wenn ich ihr damit komme, schüttelt die Sau nur kurz den Kopf."

Der Präsident

Er weiss aus Erfahrung, was Jugendliche wollen. Manchen sagt er es auf den Kopf zu. Wie den beiden damals mit dem osteuropäischen Akzent. Die kamen in sein Schützenhaus, fragten, was man tun muss, um an eine Waffenbesitzkarte zu kommen und wirkten sehr ungeduldig. Ekkehard Mayer wusste: "Das sind nicht die Richtigen für uns." Er hat sie abgewimmelt. Ein Schützenverein, findet Mayer, ist keine Combat-Schule, erst recht nicht im beschaulichen Hexental, südlich von Freiburg. "Das ist noch eine Insel der Seligen hier", sagt der 52-Jährige, der dem Sportschützenverein Merzhausen-Au seit zwölf Jahren vorsitzt. Hier zählen andere Werte: Geselligkeit, Tradition, Sportsgeist.

Er selbst ist ohne Schiessgerät aufgewachsen. Sein Vater war Kriegsteilnehmer und hatte einen Widerwillen gegen alles, was nach Waffe aussah. Bei einem Schüleraustausch in Frankreich hat Ekkehard Mayer seinen ersten Schuss abgegeben. Heute trainiert er als Oberschütze die Vereinsjugend, "richtig nette Jungs". Aber der Rechtsanwalt und dreifache Vater hält sich zugute, genau hinzusehen. Wenn jemand mit der Waffe den starken Maxe spielt und sich für unverwundbar hält, dann ist Aussprache fällig. "Zur Not muss man sich trennen."

Aber was ist das, Sportsgeist? Wo ist die Grenze? Für Mayer steht fest: "Auf Menschen anzulegen, egal womit, da hört der Sport auf." Silhouetten als Schießscheiben, Kampfspiele wie Gotcha oder Paintball, ob im Gelände oder am PC, das lehnt Mayer strikt ab. Mehr denn je. Das, was passiert ist, bekennt der Oberschütze, "beschäftigt einen gewaltig". Für dieses Wochenende hat er seine Nachwuchsschützen zusammengerufen, nicht zum Training, sondern zur Aussprache. Über Waffen und Winnenden.
 
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