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Jugendkirche ist missionarische Kirche PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Montag, 30. März 2009
Europa hat nach Ansicht von Bischof Gebhard Fürst nur dann eine gute Zukunft, wenn es sich nicht von seinem christlichen Erbe abkoppelt. Ohne Verwurzelung im christlichen Wertgefüge hätten die Menschen "keine Gegengewichte gegen die neue Religion des Marktes", erklärt Fürst. Die Zeit der flächendeckenden Volkskirche ist vorbei, deshalb sieht Bischof Gebhard Fürst die Zukunft in einer "missionarischen Kirche im Volk". Wie unterschiedlich diese pastoralen Leitgedanken in die Tat umgesetzt werden, zeigte eine Journalistenfahrt mit ihm durch Oberschwaben und an den Bodensee.

Die angereisten Presseleute logierten im Kloster Reute, also dicht bei jener lebensspendenden Quelle der seligen Guten Beth. Seit ihren Erdentagen vor rund 600 Jahren sind viele Stürme über Land und Kirche hinweggefegt, und viel Negatives hat sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegraben. Dazu zählt auch die aggressive Missionierung rund um den Globus. Deshalb formuliert Bischof Fürst seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer "missionarischen Kirche" nach wie vor behutsam, und dennoch: Ob Christentum, Islam, Buddhismus - der Deutsche reflektiert wieder über Glaubensfragen. Magazine wie der "Stern" setzen daher auf spirituelle Themen und steigern so ihre Auflage. Religiöse Publikationen können von dem neuen Boom jedoch selten profitieren.

Es geht nicht darum, die Schäflein mit aller Gewalt in den Schoss der Mutter Kirche zu treiben. Vielmehr sollen die Gemeinden vor Ort mit ihren Talenten wuchern, ihre Ressourcen neu entdecken und aus ihren reichen Erfahrungen an Spiritualität, Seelsorge und Caritas ein auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnittenes Angebot machen, denn lauf Fürst ist "eine Suche da nach Spiritualität, eine Suche nach Grundorientierung in einer sich stark pluralisierenden, ganz unübersichtlich gewordenen Welt, und da müssen wir uns diesem Bedürfnis der Menschen stellen und möglichst zeigen, was im christlichen Glauben, in der christlichen Religion, in den Kirchen da für Antworten da sind."

Wie das geht, zeigt das Beispiel Jugendkirche "Joel" in der Kirche "St. Jodok" in Ravensburg. Sie ist eines der Topmodelle unter den Jugendkirchen in Deutschland, wenn man auf die Besucherzahlen schaut. Einmal im Monat und zu besonderen Ereignissen wird Gottesdienst gefeiert. Da werden schon mal über 600 Jugendliche gezählt. Den Schlüssel zum Erfolg sieht Jugendpfarrer Bernd Hillebrand in einer geglückten Verbindung von Ästhetik, Authentizität und Atmosphäre. Beleuchtung, Musik, Sprache und Thematik sind auf die Jugend zugeschnitten. Dennoch soll nicht jeder Gottesdienst zum Event ausarten.

Ganz im Gegenteil: "Viele Jugendliche wollen hier einmal zur Ruhe kommen", sagt Hillebrand und sieht sich und sein meditativ-spirituelles Konzept voll bestätigt. Natürlich stemmt er diese Arbeit nicht allein. Erst zusammen mit einem grossen Mitarbeiterstab von jungen Menschen und dem Verein Jugendkirche wird "Joel" lebendig und lebensnah. Besonders spannend: Impulse der Jugendkirche springen auch auf den Gemeindegottesdienst über.

"Heilige Unruh" stiften will dagegen ein zweijährliches Kunst-Projekt in der Ravensburger Liebfrauenkirche. "Nicht aus Frust, sondern aus Lust, in der Kirche mitzuwirken", ist es aus der Frauenarbeit entstanden. Seit einigen Jahren beauftragen das Bildungswerk und die Diözese eine Künstlerin der Region mit einer Ausstellung zu einer Frauengestalt der Bibel. Das gibt dann regelmässig Anlass zu vielen Diskussionen, sowohl unter den Gemeindemitgliedern als auch unter Frauen, die sonst die Kirche selten besuchen. Am 22. Juni wird Brigitte Meßmer aus Friedrichshafen ihre Werke zum Thema "Maria" präsentieren.

Dass Kunst ein sehr guter Verkünder der christlichen Botschaft ist, gehört zu den alten Weisheiten, die immer wieder neu entdeckt werden. Diese Erfahrung macht man auch in der Friedrichshafener Kirche St. Nikolaus dicht an der Uferpromenade. Ob besondere Kirchenkonzerte, Musik am Markttag oder eine literarisch-musikalische Weihnacht, solche Angebote füllen das Kirchenschiff, genauso wie besondere Gottesdienste. Mit ihrer "Offenen Kirche", die das benachbarte Gemeindehaus mit einschliesst, hat sich die Gemeinde ebenfalls auf den Weg zur "missionarischen Kirche" gemacht. Dazu gehört nach Auffassung von Pfarrer Markus Hirlinger "eine Zuwendung zu den heutigen Lebenswelten und Lebensentwürfen".

Fremde Lebenswelten forderten dazu heraus, das Göttliche in den fremden Menschen zu entdecken. Damit die Gemeinde überhaupt wusste, mit welchen Lebenswelten sie es zu tun hat, erforschte sie zunächst einmal sehr gründlich ihre Umgebung und formulierte dann ihre Ziele - laut Bischof Fürst, seit kurzem Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz,  eine sehr gute Vorgehensweise und zeigt sich gegenüber einer Erneuerung der kirchlichen Medien durchaus aufgeschlossen.

Den Vorwurf, die Entwicklung der neuen Medien gehe am Klerus vorbei, weist Bischof Fürst daher vehement zurück. Das Internet beispielsweise sei für die Kirchen längst kein Fremdwort mehr. "Jede Kirchengemeinde bei mir in der Diozöse hat eine Homepage. Unsere Hauptabteilungen im bischöflichen Ordinariat präsentieren sich über die einzelnen Internet-Foren. Die Frage ist nur auch hier die Qualität. Es muss klare Botschaften haben und in einer Ästhetik präsentiert werden, die zeigt: Kirche ist auf der Höhe der Zeit, ohne im Zeitgeist aufzugehen."

So will man über die normale Gemeindearbeit hinaus mit den religiös Suchenden in Kontakt kommen. Die Begeisterung über die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst, der enorme Publikumserfolg von Hape Kerkelings Pilgertagebuch - für den katholischen Bischof Gebhard Fürst sind diese Erscheinungen trotz ihres Event-Charakters auch Ausdruck eines neu erwachten Interesses an werteorientierten Themen. Die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz Anfang diesen Jahres eine Studie in Auftrag gegeben, die die Chancen eines Katholisches Internet-Spartenfernsehens ausloten soll. Ein Zwischenergebnis wird im nächsten Frühjahr vorliegen. Nicht nur Gottes Mühlen mahlen langsam.
 
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