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Jugendkirche konfrontiert mit christlichen Kultformen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Dienstag, 3. März 2009
Der Konfirmandenunterricht friste in der öffentlichen Wahrnehmung im Zusammenhang mit Bildung eher ein Schattendasein, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Dabei werde seine zentrale Bedeutung unterschätzt. In Deutschland werden jedes Jahr um Ostern rund 30 Prozent aller Jungen und Mädchen eines Jahrgangs konfirmiert. Die Zahl der Konfirmanden liegt seit zehn Jahren stabil bei 250.000. Dies entspricht mehr als 90 Prozent aller evangelischen Jugendlichen eines Jahrgangs.

Entscheidendes über den christlichen Glauben zu erfahren - das erwarten viele Jugendliche von ihrer Konfirmandenzeit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie zur Konfirmandenarbeit in Deutschland, die die Universität Tübingen und das Comenius-Institut Münster in Kooperation mit dem Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erarbeitet haben. So empfinden 60 Prozent der Konfirmanden im Rückblick, dass die Konfirmandenzeit ihnen wichtige Grundlagen gegeben hat, um über ihren Glauben entscheiden zu können.

"Mit der vorliegenden Studie gibt die evangelische Kirche Rechenschaft über ein grosses Handlungsfeld kirchlicher Bildungsarbeit, das keineswegs nur eine binnenkirchliche Bedeutung hat," erklärte Bischof Huber, bei der Vorstellung der Studie am 2. März in Berlin. Huber bekräftigte, dass die Konfirmation in Ost und West für viele Jugendliche ein Weg zur Taufe sei, da ihnen die Konfirmandenzeit Gewissheit im christlichen Glauben gebe.

Wertebildung und ethische Urteilsfähigkeit sind der Studie zufolge wesentliche Ergebnisse der Konfirmandenarbeit. Gerechtigkeit, Verantwortung und Frieden würden darin als Themen vertieft. "Der Konfirmandenunterricht lässt sich in hohem Masse auf soziale Themen ein, das sollte auch anerkannt werden", sagte einer der Autoren der Studie, Friedrich Schweitzer von der Universität Tübingen. Nicht nur in der Schule könne so etwas wie "ethische Alltagskompetenz" gelernt werden.

"Konfirmandenarbeit ist ein Erfolgsmodell, für die Kirche nicht weniger als für die Jugendlichen, für die Familien nicht weniger als für die gesamte Gesellschaft", so Schweitzer bei der Präsentation der Studie in der Evangelischen Akademie zu Berlin. Es sei wichtig zu erfahren und zu dokumentieren, wie religiöse Bildungsprozesse gelingen, so Huber. "Ich sage das ganz bewusst auch vor dem Hintergrund des anstehenden Volksentscheides für eine freie Wahl zwischen Religion und Ethik an den Schulen Berlins. Jeder, der es wissen will und sich um Objektivität bemüht, kann anhand der Studie sehen: Kirchliche Bildungsarbeit steht im Zeichen der Freiheit und nicht der Indoktrination."

Die Autoren der ersten flächendeckenden empirischen Erhebung zu diesem Thema kommen zu dem Schluss, dass die gesellschaftliche Bedeutung dieser Bildungsarbeit vielfach unterschätzt ist. Die Konfirmandenarbeit fördere das ehrenamtliche Engagement und helfe  Jugendliche in der Ausbildung von Werten und von ethischer Urteilsfähigkeit. So habe die Konfirmandenzeit erheblichen Einfluss im Blick auf die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialer Kompetenz von Jugendlichen.

Für die Studie wurden 11.000 Konfirmanden aus den 22 Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) befragt. An der Befragung nahmen zudem 1.500 Pfarrer und ehrenamtliche Mitarbeiter sowie 5.700 Konfirmanden-Eltern teil. Die Studie wurde vom Lehrstuhl für Evangelische Religionspädagogik der Universität Tübingen und dem Comenius-Institut Münster zusammen mit dem Kirchenamt der EKD erstellt.

Mehr als die Hälfte der Konfirmanden meldeten sich aus eigenem Antrieb für den Kurs an, ergibt sich aus der Erhebung. Bei knapp 40 Prozent war die Familie der Motor, bei acht Prozent Freunde und Bekannte. Als Motive für die Teilnahme werden Familienfest, Geschenke und Erfahrung mit dem christlichen Glauben genannt. Sechs von zehn der befragten Konfirmanden gaben an, dass sie durch die Konfirmandenarbeit in Glaubensfragen entscheidungsfähiger geworden seien.

Die Konfirmation von evangelischen Jugendlichen im Alter von 13 oder 14 Jahren bekräftigt das Sakrament der Taufe. In der katholischen Kirche wird die Taufe durch die Firmung vollendet. Für die nächsten Jahre rechnet die Studie mit einem Rückgang der Teilnehmerzahlen aufgrund der demografischen Entwicklung. Für ein nachlassendes Interesse an der Konfirmation gebe es jedoch keine Anzeichen, heisst es.

Zwei Drittel waren mit der Konfirmandenarbeit zufrieden, insbesondere mit Angeboten für gemeinsame Freizeiten, der Gruppengemeinschaft und den haupt- und ehrenamtlichen Helfern. Von den Kirchengemeinden boten 92 Prozent Camps, Freizeiten und Ausflüge für die Jugendlichen im Konfirmandenalter an. Dennoch gelingt es den Kirchen nicht, die in die Gesellschaft Hineinwachsenden an sich zu binden. Das mag daran liegen, dass religiöse Deutungsmuster in zunehmendem Masse nicht mehr durch institutionelle Vorgaben oder durch eingefahrene Traditionen bestimmt werden, sondern durch individuelle Wahl aber auch:
Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen waren am Ende der Konfirmandenzeit der Meinung, dass die "normalen" Gottesdienste "meistens langweilig" seien.
Zu Beginn der Vorbereitungszeit waren es deutlich weniger. Huber regte an, Jugendliche aktiver an der Gestaltung des Gottesdienstes teilhaben zu lassen. Auch Schweitzer unterstrich, die Kirchen sollten mehr auf Jugendliche hören und ihnen etwas zutrauen: "Auch Jugendliche haben theologisch gehaltvolle Fragen."

Hier setzt die aufstrebende Jugendkirchenbewegung an, indem sie das Gemeindeangebote den Jugendlichen anpasst, die für die traditionellen Formen nicht mehr erreichbar sind. Konstitutiv ist dabei, dass junge Menschen an der Gestaltung selbst beteiligt sind, während die traditionelle Gemeindearbeit zum Ziel hat, Menschen in vorhandene und vorgeprägte Gegebenheiten zu integrieren.

Die JuKi braucht, neben anderen Angeboten und trotz allen Experimentierens auch mit liturgischen Ausdrucksmitteln, zwingend den regelmässigen Gottesdienst, der von den Jugendlichen auch gewünscht und  überwiegend positiv eingestuft wird. Kontinuität statt Eventkultur wirkt prägend und schafft erst die Möglichkeiten der Entwicklung von funktionierenden Jugendkirchen (JuKis), die eine längerfristige Bindung Jugendlicher an die Kirche gewährleisten kann. Die Zentren der JuKi-Projekte sind jugendgemäss gestaltete regelmässig stattfindende Gottesdienste, die Gleichaltrige planen und gestalten.

Hier können sie eigene Formen entwickeln, Gott zu dienen und zu feiern. Das Bestreben der JuKis ist es u.a., Jugendliche aktiv und selbständig mit christlichen Ritualen und Kultformen zu konfrontieren, um so das Verständnis für Kirche an sich zu erhöhen. Rituale und Traditionen sind nur lebendig, wenn sie immer wieder aufs neue hinterfragt und adaptiert werden können. Diese Möglichkeit verschafft die JuKi, die den Versuch unternimmt, mit einem engagierten und verantwortlichen Team, neue Formen kirchlichen Lebens zu entwickeln und geistliches Zentrum sowie Beheimatungsort für Jugendliche zu sein.

Neben den JuGodis besteht oft eine Vielfalt an Angeboten:
- Sportangebote
- Jugendbildung
- Café
- Theater- oder Musikprojekte
- Jugendsozialarbeit
- Workshops
- eine ausgewogene Eventkultur
Die Zahl aller Lutheraner ist im vergangenen Jahr weltweit geringfügig um gut 0,2 Prozent auf rund 72 Millionen gestiegen. Das ist vor allem dem Kirchenwachstum in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verdanken, während in Nordamerika und Europa ein leichtes Minus zu verzeichnen war.

Das geht aus der jüngsten Statistik des Lutherischen Weltbunds (LWB) mit Sitz in Genf hervor. Den 140 LWB-Mitgliedskirchen in 79 Ländern gehörten 2008 knapp 68,5 Millionen Mitglieder an, das waren 161.800 mehr als 2007.

 
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