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Jugendkirche sollte nicht für Kirchenkritik herhalten PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Freitag, 19. Dezember 2008
Probeaufbau in der JugendkircheDie Leitung der evangelischen Landeskirche Bayern geriet kürzlich unter Beschuss aus den eigenen Reihen. Gegen Zentralismus und Gängelung von Oben haben sich rund 150 Teilnehmer eines Aktionstages in Nürnberg gewandt. Kritische Pfarrer hatten Kirchenvorsteher aus ganz Franken zu dem Forum "Aufbruch Gemeinde" eingeladen. Sie forderten mehr Rechte für die Ortsgemeinden in Finanz- und Personalangelegenheiten. In der vor zwei Monaten ausgebrochenen Kontroverse um die Stellung der einzelnen Gemeinden in der evangelischen Landeskirche und deren Finanzausstattung bahnt sich nach einem offiziellen Besuch von Landesbischof Johannes Friedrich in Nürnberg zumindest eine Teillösung an.

Während die Ortsgemeinden von der Kirchenleitung immer weniger Geld und Personal zugewiesen bekämen, sei für teuere Events und Grossprojekte wie den Neubau des Landeskirchlichen Archivs für 20 Millionen Euro genug Geld da, wehklagten die Kritiker. Trotz gegenteiliger Beteuerungen nehme die Kirchenleitung die Gemeinden immer weniger wichtig, sagte der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer. Am Rande der Diskussion wurde auch durch einige wenige Unzufriedene die Jugendkirche Nürnberg genannt, die allerdings als Projektionsfläche für Kritik gänzlich ungeeignet ist. Hier wird mit dem größten Teil der Sanierungskosten eine vernünftige Dämmung und Heizung für die Kirche hergestellt und das Gebäude für eine zukünftig sehr intensive Nutzung ertüchtigt.

Heimat der Jugendkirche soll ein Gotteshaus am Nordostbahnhof in Nürnberg werden. Für dessen Umbau werden 1,5 Millionen Euro von der evangelischen Landeskirche zur Verfügung gestellt, die auch die Personal- und Sachkosten für die ersten fünf Jahre trägt. "Die Landeskirche schlägt mit der Finanzierung einen neuen Weg ein, um zu versuchen, jungen Menschen einen adäquaten Platz in der Kirche zu bieten", sagt Albert Schweiger vom Landeskirchenamt. Nach dem Fünf-Jahres-Zeitraum müssen das Dekanat Nürnberg und die evangelische Jugend Nürnberg die weitere Finanzierung aus eigener Kraft leisten.

Bis das komplette Kirchengebäude mit Café, Bühne, Licht- und Tontechnik ausgestattet ist, wird es noch bis zum Herbst 2009 dauern. Doch das aussergewöhnliche Programm der Jugendkirche mit Gottesdiensten, Events und Aktionen wird jetzt schon aufgebaut und sollte ursprünglich im Januar 2009 an den Start gehen, was sich im nachhinein als illusorisch erwies. Daher wird dringend nach einem Übergangsort für die Jugendkirche gesucht.

Dafür infrage kamen in erster Linie Diskotheken und Lagerhallen. Wo es schliesslich hinging, entschieden die Jugendlichen mit. Denn das, so Pfarrer Tobias Fritsche, sei ja der Sinn des Projekts Jugendkirche: Jugendliche gestalten den Glauben für Jugendliche. Dies müsse schon bei den ersten Schritten anfangen. "Doch noch sind wir eine Baustelle", bekennt der Leiter des Nürnberger Projekts, "wir zimmern an Teams und am Programm."

Landesbischof Friedrich, der frühere Stadtdekan von Nürnberg, nahm bei seiner Visite am vergangenen Wochenende zahlreiche Termine wahr und informierte sich auch über das Projekt Jugendkirche. Der Landesbischof, der die Jugendkirche nach langer Überzeugungsarbeit der Nürnberger einem beträchtlichen Geldsegen unterstellt, zuckt nicht einmal zusammen, als das Projektteam ihm erklärt, dass Jugendliche die Kanzel von St. Lukas gerne auch einmal als DJ-Pult zweckentfremden würden. Der Bischof erledigt Informationsbesuche im Dekanat Nürnberg. Dabei lässt er sich in der Kirche in der Siedlung Nordostbahnhof auf den Stand der Dinge bringen.

Umbau und Sanierung werden dem 1963 eingeweihten Gebäude gut tun, deutet der Architekt Roland Nörpel an. "Nach der Wärmedämmung wird es deutlich weniger kosten, die Kirche auf 20 Grad zu heizen als heute auf acht Grad." Die Besichtigungsgruppe friert in der klammen Halle, als Nörpel zeigt, wo das Café, die Büros, die Ton-, Video- und Bühnentechnik unterkommen sollen. "Die Bänke kommen raus, eine Fussbodenheizung kommt rein. Man kann dann auch mal auf dem Boden liegen und sich im Raum ausbreiten."

Bischof Friedrich nickt. Thomas Kaffenberger, der Dekanatsjugendpfarrer, wendet sich an ihn: "Ich will Ihnen noch etwas sagen. Wir sind mit diesem Projekt auf der Suche. Wir haben keine Lösung. Wir wissen nur, dass wir uns bewegen müssen." Der Bischof entgegnet: "Wir müssen solche Wege gehen." Am Tag darauf wird er in seiner Predigt in der neuen Christuskirche die Notwendigkeit der evangelischen Kirche erwähnen, durch Anpassung ihrer Gebäude beweglich zu bleiben und sich "auf veränderte Zeiten einzulassen".

"Wo ist da der positive Sinn?"

Heitere Stimmung herrschte beim Besuch von Landesbischof Johannes FriedrichFriedrich informierte sich zudem über die Arbeit der kirchlichen Stiftung Seelsorge in Nürnberg (SinN) mit russlanddeutschen Aussiedlern (siehe photo), den Stand der neuen Kooperation der Innenstadtgemeinden und auch mit der Spitze der GfK führte er ein Gespräch. Ausserdem lud die Stadt zum Empfang ins Rathaus. Kontakte gab es auch mit Vertretern des Forums "Aufbruch Gemeinde", das erreichen möchte, dass jede einzelne Gemeinde zunächst erfährt, wie hoch das Kirchensteueraufkommen bei ihr ist, ehe über die Verteilung durch die Kirchenspitze entschieden wird. Gegenwärtig wird im Münchner Landeskirchenamt geprüft, ob es technisch überhaupt möglich ist, die notwendigen Daten dafür zu erheben, und was das kostet.

Die Berechnungen seien äusserst kompliziert. Er, Friedrich, könne sich aber vorstellen, zunächst am Beispiel ein paar einzelner Gemeinden anzuschauen, wie die Finanzverhältnisse dort tatsächlich sind, ehe man das für alle 1700 bayerische Gemeinden tut. Auch der amtierende Nürnberger Stadtdekan Michael Bammessel sprach sich für ein solches Vorgehen aus: "Es darf keine Tabus geben."

Der Landesbischof wünscht sich allerdings noch mehr Aufklärung darüber, "welchen Zweck die Vertreter des Aufbruchs verfolgen". Er befürchtet, dass eine Neid-Debatte aufkommt, weil reichere Gemeinden mit grossen Kirchensteuerzahlern ihr Geld behalten wollen, während sich ärmere dann als Bittsteller vorkommen. "Wo ist da der positive Sinn?".

Vetreter der Kirchenleitung warnten vor einem Konfrontationskurs. Ein Streit über Gesamtkirche und Ortsgemeinde sei so überflüssig wie über Henne und Ei, sagte der für die Gemeinden zuständige Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner. Beide brauchten einander. Die Behauptung, die Ortsgemeinden seien für die Kirchenleitung zur Nebensache geworden, wies er zurück. Nach seinen Zahlen werden 73 Prozent des Kirchenhaushalts für die Gemeinden ausgegeben.

Auch Bammessel warnte vor nicht vorhersehbaren "Risiken" und einer Gefahr für die Solidarität innerhalb der Kirchengemeinschaft. Er brach eine Lanze für den bisherigen Finanzausgleich in der Kirche, bei dem die Gemeinden eine bestimmte Summe pro Kirchenmitglied bekommen, die sie dann eigenverantwortlich ausgeben können, je nach den Schwerpunkten, die sie setzen.

Nachdem die Präsidentin der Landessynode, Dorothea Deneke-Stoll (Ingolstadt), den Initiatoren des Forums Entsolidarisierung und Kirchturmmentalität vorgeworfen hatte, haben diese in Nürnberg die Vorhaltungen in scharfem Ton zurückgewiesen: Deneke-Stolls Aussage, den Kritikern der Kirchenleitung gehe es mehr um Medienpräsenz als um konstruktive Mitarbeit, sei "gelinde gesagt eine veritable Beleidigung". Wenn die Synode die brennenden Fragen der Gemeinden nicht aufgreife, dann müssten sie eben von aussen gestellt werden.

Das "Forum Aufbruch Gemeinde" ist in den vergangenen zehn Jahren bereits der dritte Versuch, eine Opposition zum Kurs der Kirchenleitung aufzubauen. Schon 1999 veröffentlichten Kritiker unter dem Schlagwort "Evangelium hören" ein "Manifest wider die Ökonomisierung der Kirche". 2002 meldete sich die Gruppe "Bündnis 2008" mit ähnlicher Zielríchtung zu Wort. Beide Initiativen versandeten, aber Mitstreiter von damals sind heute wieder dabei.
zu diesem Thema siehe auch → Jugendkirche in der Disco

 
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