"Wir sind nicht nur ein Land, das arm ist an Kindern, sondern auch eines, in dem viele arme Kinder leben",sagte die evangelische Landesbischöfin Margot Kässmann am Mittwoch bei der Präsentation der Spots. Die Gemeinden und 60 Diakonische Werke erhielten DVDs mit den Filmen und Abstimmungskarten, auf denen die Betrachter ihren Favoriten ankreuzen können.
Der beste Film wird mit 2.000 Euro belohnt. Er soll professionell nachproduziert werden und im Frühjahr 2009 in die norddeutschen Kinos kommen. Der zweite und dritte Preis ist mit 1.500 und 1.000 Euro dotiert. "Die Armut muss auch in unser aller Köpfe bekämpft werden", sagte der hannoversche Oberlandeskirchenrat Christoph Künkel. Jeder müsse sich fragen, was er dazu beitragen könne, dass Armut kein dauerhaftes Phänomen bleibe.
Die Landeskirche hatte junge Filmemacher aus ganz Deutschland aufgerufen, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. 30 Filmschaffende zwischen 21 und 35 Jahren folgten der Einladung und nahmen im September an einem Workshop zum Thema teil. 15 von ihnen entwickelten innerhalb von acht Wochen Konzepte und Videospots. "Für mich war das eine spannende Aufgabe", sagte der Nachwuchs-Regisseur Martin Bargiel (25) aus Hannover, der sich mit seinem Kurzfilm "Finn und Tom" beteiligte. Normalerweise entführe er das Publikum mit seinen Filmen in fiktionale Welten. Jetzt führe er es in die Wirklichkeit.
An dem Film, der das Gespräch eines armen Jungen im Kindergarten mit einem anderen Jungen zeigt, habe er rund eine Woche gearbeitet, sagte Bargiel. Für den Wettbewerb zahlt die Kirche rund 18.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für das professionelle Nachdrehen der Filme in Höhe von etwa 30.000 Euro und die für Vorführungen in den Kinos. Diese Kosten will die Kirche über Sponsoren abdecken.

Für ihre Kampagne "Zukunft(s)gestalten - Allen Kindern eine Chance" hatte die Kirche im Sommer eine Million Euro zur Verfügung gestellt. Damit unterstützt sie mehr als 100 Projekte von Gemeinden und Einrichtungen sowie ihren Partnern wie Vereinen und Kommunen gegen Kinderarmut. Dazu gehören Startausrüstungen zum Schulanfang oder Mittagstische für Kinder. Jedes sechste Kind in Niedersachsen leide unter Armut, sagte Kässmann. Sie forderte die Politiker auf, unter anderem die Hartz-IV-Sätze für Kinder nachzubessern. Nötig sei auch die Lernmittelfreiheit für alle Kinder
12 Prozent der Kinder unter 15 Jahren galten im Jahre 2005 in Deutschland als arm. Das geht aus dem jüngsten Entwurf des 3. Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung hervor. Wie kann Kinderarmut künftig verhindert werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich am Donnerstag, dem 5. Juni 2008, auch der Deutsche Bundestag.
Dem Parlament lagen zwei Anträge von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP vor, die zur Beratung an die Fachausschüsse überwiesen wurden. Zur Abstimmung stand ausserdem ein Gesetzentwurf der Fraktion DIE LINKE.
Grüne: Tagesbetreuung von Kindern gesetzlich verankern"Kein Kind zurücklassen - Programm gegen Kinderarmut auf den Weg bringen", fordern BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in ihrem Antrag (16/9028), über den am Donnerstag im Plenum beraten wurde. Bis zum 1. Oktober 2011 soll nach dem Willen der Fraktion ein Rechtsanspruch für die Tagesbetreuung von Kindern vom vollendeten 1. bis zum 3. Lebensjahr gesetzlich verankert werden. Mittelfristig müsse zudem ein Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren festgesetzt werden.
Die Fraktion will darüber hinaus die Regelleistungen als Referenzgrösse für Sozialleistungen neu bemessen. Eine unabhängige Kommission mit Vertretern aus der Fachwissenschaft, den Wohlfahrtsverbänden und Vertretern der Sozialhilfe- und Jugendhilfeträger soll eingesetzt werden, um bedarfsgerechte Regelleistungen für Kinder und Jugendliche zu ermitteln, schreiben die Abgeordneten. Sie kritisieren, dass bis heute eine hohe Zahl von Kindern in Lebenslagen aufwachse, die durch Armut bestimmt seien. Es sei ihnen nicht möglich, ihre Kindheit frei und unbeschwert zu verleben.
FDP: Kindergeld und Kinderfreibeträge erhöhenAuch die FDP möchte mit einem Antrag die Existenz von Kindern sichern und die Familien stärken. Gegenwärtig verfügten rund 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche in 1,4 Millionen Haushalten über ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens in Deutschland liege - nach Ansicht der FDP nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Die Bundesregierung solle daher ein Gesamtkonzept vorlegen, wie Kinderarmut gemeinsam mit den Bundesländern und Kommunen entgegengewirkt werden kann und wie man zielgenauer das Wohlergehen der Kinder im Blick behalte, heisst es darin. Ausserdem fordert die Fraktion verbindliche Sprachstandserhebungen zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr: Falls dabei erhebliche Mängel festgestellt würden, sollten die Kindern entsprechend gefördert werden.
Die FDP-Fraktion dringt weiterhin darauf, dass die Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote in den Ländern zügig ausgebaut und die Kindergeld und -freibeträge zum 1. Januar 2009 erhöht werden.
Abstimmung: DIE LINKE. will Unterhaltsvorschuss ausdehnenDie Fraktion DIE LINKE. hatte einen Entwurf für ein Unterhaltsvorschussgesetz (16/7889) vorgelegt. Ihr Vorschlag, Kindern, die bei ihren Grosseltern oder anderen Verwandten aufwachsen, das Recht auf einen Unterhaltsvorschuss einzuräumen, wurde vom Bundestag jedoch abgelehnt. Derzeit erhalten nur Kinder bis zur Vollendung des zwölften Lebensjahres, die bei einem alleinerziehenden Elternteil leben und von ihrem anderen Elternteil keinen Unterhalt bekommen, Unterhaltsvorschussleistungen.
DIE LINKE. kritisiert diese Regelung: Mit ihr könnten die Fälle nicht erfasst werden, in denen das Kind - zum Beispiel nach dem Tod des sorgeberechtigten Elternteils - bei Verwandten lebt und vom anderen Elternteil keinen Unterhalt erhält. Daher solle der Kreis der Berechtigten auf Kinder, die bei Verwandten bis zum dritten Grad leben und von einem Elternteil keinen Unterhalt erhalten, erweitert werden, fordert die Fraktion.
Analyse: Armutsrisiko von KindernDem Entwurf des 3. Armuts- und Reichstumsberichts der Bundesregierung zufolge stieg das Armutsrisiko von Kindern 2005 um einen Prozentpunkt auf 12 Prozent im Vergleich zu 2004. Besonders hoch war das Armutsrisiko für Kinder von Alleinerziehenden. Allerdings reduzierte sich das Risiko der Einkommensarmut bei Kindern durch Sozialtransfers insgesamt von 34 auf 12 Prozent, heisst es weiter.
Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht soll am 25. Juni vom Kabinett verabschiedet und danach dem Bundestag vorgelegt werden.
Die Kinderarmut hat in der Bundesrepublik eine historisch neue Grössenordnung erreicht. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) hat die Einführung von Hartz IV zum Beginn des Jahres 2005 die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf eine Rekordsumme von 1,7 Millionen hochschnellen lassen. "Hartz IV heisst zu wenig für zu viele", so fasst Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des DPWV, die Studie zusammen.
Nach Berechnungen des DPWV leben über 1,5 Millionen Kinder auf dem Niveau der Sozialhilfe. Die Dunkelziffer wird auf weitere 200.000 geschätzt. Das sind solche Kinder, die zwar ein Anrecht auf eine Leistung der Sozialhilfe bzw. Hartz IV hätten, diese jedoch nicht in Anspruch nehmen. Insgesamt leben 14,2 Prozent der Kinder in Deutschlandin Armut - das ist jedes 7. Kind.
zu diesem Thema → Jugendkirche votiert für Zukunft(s)gestalten und Sinn-Licht