Unter dem Titel "Sag mir, wo die Jungen sind" luden der Katholische Akademikerverband, St. Virgil und die Katholische Jugend zu einer Podiumsdiskussion ein. Sowohl am Podium als auch unter den Teilnehmern an der Veranstaltung waren keine 14- bis 19-Jährigen, sondern durchwegs ältere Erwachsene.
Blickt man sonntags in die Kirchen, sind die jüngsten KirchgängerInnen meist so über 40 Jahre alt, mit Ausnahme von speziellen Familien- und Jugendgottesdiensten. Aber nicht nur in den Gottesdiensten fehlen die Jugendlichen - sie beheimaten sich im alltäglichen kirchlichen Leben auch kaum mehr. Mit dem herkömmlichen Programm holt man heute keine Jungendlichen mehr "vom Ofen hervor", wie der Religionssoziologe Peter Berger feststellt. Aber warum ist das so?
Wie viel Interesse und Aufmerksamkeit schenkt die Institution Kirche den Jugendlichen? Wie weit ist sie bereit, zur ernsthaften Auseinandersetzung mit den jungen Menschen? Finden junge Menschen auf der Suche nach Sinn, Glück und einem erfüllten Leben überhaupt noch Antworten in der Kirche? Wo sind die Chancen und Grenzen kirchlicher Jugendarbeit? Die Vortragende Ilse Kögler zeigte deutlich auf, dass die Jugend heute mit Kirche nur wenig am Hut hat.
Kirche für Jugendliche heute noch anziehend?
Ob kirchliche Grossevents eine Antwort auf das Wegbleiben der Jungen sein können, wie des öfteren behauptet, bleibt fraglich. Ebenso offen bleibt die Frage nach dem richtigen Weg für gut kirchliche Jugendarbeit. Ob die neuen Bewegungen wie die Loretto-Gemeinschaft in Salzburg Alternativen zu den leeren Kirchen darstellen, bleibt auch zu diskutieren.
In den christlichen Kirchen gibt es zu wenige authentische Ansprechpartner für Jugendliche. Darauf hat Prof. Ilse Kögler hingewiesen. "Gefragt sind Erwachsene, die authentisch über ihr Leben und ihren Glauben reden und auch zuhören können", sagte Kögler bei einem Podiumsgespräch im Salzburger Bildungshaus St. Virgil unter dem Titel "Sag mir, wo die Jungen sind".
Jugendliche sind kritisch, sie haben einen enormen Wunsch nach Spannung, nach Erlebnis, nach Authentizität, nach Spüren, nach ehrlicher Spiritualität. Und da genau ist der Knackpunkt. Die Kirche ist autoritär strukturiert, will sagen: Kritik in den eigenen Reihen wird strenger geahndet wie Verfehlungen an der Humanität, auf die die Kirche sich ja streng gesehen nach christlichen Grundsätzen zu berufen hätte.
An Hand von vier Jugend-Studien stellte Kögler dar, dass sich Jugendliche heute vielfach von Kirche nicht angesprochen fühlen. So glauben zwei Drittel der Heranwachsenden an Gott, bezweifeln aber gleichzeitig, dass Gott für ihr Leben irgendeine Relevanz habe, zitierte Kögler aus der aktuellen österreichischen Jugendwertestudie.
Einen klaren Blick auf das Verhältnis Kirche und Jugend bewies auch der Leiter des Seelsorgeamtes der Erzdiözese Salzburg, Prälat Balthasar Sieberer. Es sei für die Kirche heute schwierig, die Jugend zu erreichen: "Wenn wir in die Pfarren schauen, dann schaut es schlecht aus. Es fehlt der Ansatzpunkt nach dem Religionsunterricht und nach der Firmung".
In der Erzdiözese Salzburg versuche man dem mit jeweils zwei Jugendleitern in einer Region entgegenzuwirken. Und dies mit Erfolg, wie der Regionaljugendleiter Johannes Lettner aus dem Flachgau, berichtete. Vor allem auf Angebote mit Gemeinschaftserlebnissen oder dem Besuch von Grossveranstaltungen wie den Taize-Treffen gebe es ein gutes Echo. Das bestätigte auch der Religionslehrer Georg Mayr-Melnhof: "Die Jugend braucht Orte, wo sie Christus begegnen. Bei Weltjugendtreffen oder Pfingstkongressen der Loretto-Jugend ist das der Fall".
Dass Jugendliche sich durchaus von Kirche ansprechen lassen, betonte Regionaljugendleiter Johannes Lettner: An den Orientierungstagen nahmen 1244 Jugendliche freiwillig teil. Auch bei Gemeinschaftserlebnissen und Grossveranstaltungen wie zum Beispiel Taizé-Treffen gebe es ein gutes Echo. Das bekräftigte auch der Religionslehrer Georg Mayr-Melnhof. Die Jugend braucht Orte, wo sie Christus begegnen kann, sagte er. Dies sei bei den Weltjugendtreffen oder bei den Pfingstkongressen der Loretto-Jugend der Fall. Gruppen seien gefragt, die das Feuer des Glaubens weiter tragen.
Aus dem Publikum wurde unter anderem gefordert, dass Jugendarbeit schon in den Familien ansetzen müsse. Dem konnte Prälat Sieberer allerdings nichts abgewinnen: Ich glaube nicht, dass die Familie alles retten kann. Sie müssen zuerst auf die Mädchen und Burschen hören, dann können Sie Angebote und vielleicht auch mehr Projektarbeit machen, forderte Ilse Kögler abschliessend die Verantwortlichen für die kirchliche Jugendarbeit auf.
Die Krise der Kirche - und der Verlust des Monopols
"Abbruch - Umbruch - Aufbruch - Kirche in der Tradierungskrise". Der Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Rainer Bucher (Universität Graz), ergänzt durch Statements von Linzer TheologInnen (Univ.-Prof. Dr. Christoph Niemand, Neues Testament; Univ.-Ass.in Dr. Monika Udeani, Pastoraltheologie; Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Dogmatik; Univ.-Prof. Dr. Ilse Kögler, Katechetik/ Religionspädagogik) und Diskussionen, zeigte nicht nur gegenwärtige Schwierigkeiten in der Glaubensvermittlung auf, sondern brachte auch neue Perspektiven und Vorschläge.
"Eine alte Kirche in ziemlich neuen Zeiten" (Bucher), so war man sich einig, müsse sensibel auf die "Zeichen der Zeit" reagieren, wie es schon im Zweiten Vatikanischen Konzil bahnbrechend und wegweisend erkannt und formuliert worden ist. Die katholische Kirche neige aber noch immer dazu, auf die grossen Herausforderungen der Postmoderne - ökonomische Globalisierung, das neue Verhältnis der Geschlechter und die Revolution der Medien - so zu tun, als könnte sie dies alles ohne eigene Veränderung überstehen; dies sei die klassisch-konservative Versuchung, die Welt von aussen zu steuern. Tatsächlich werde die Kirche jedoch marginalisiert, so Bucher weiter, selbst im Leben der eigenen Mitglieder.
Die Themen würden von aussen gesetzt, die Kirche verliere ihr Monopol und werde von einer Schicksalsgemeinschaft zu einer von vielen Anbieterinnen auf dem Sinnmarkt. Der Wandel von Herrschafts- zu Handelsbeziehungen bewirke massiven Transformationsstress. Die Kirche müsse auf den Markt reagieren, ohne ihm zu verfallen - denn sie habe etwas zu repräsentieren, was ausserhalb des Marktes liege. Dieser befreie zwar von religiöser Repression, sei aber erbarmungslos für diejenigen, die sich nicht auf ihm behaupten können.
Der Weg in die Zukunft sei jener von der Religionsgemeinschaft zur Pastoralgemeinschaft; von hier aus sei Kirche zu entwerfen, also von ihren Aufgaben her. Sie müsse die pastoralen Herausforderungen aufnehmen und von der Utopie - einer wunschbezogenen Projektion - zur Topologie gelangen, zur Lehre von theologischen Orten im Handeln; dies sei die Voraussetzung von Pastoral, der Zusammenhang von Evangelium und heutiger Existenz, der nicht entkoppelbar sei.
Zuletzt verwies Bucher auf die für jede Generation neu zu entwickelnden Antworten und deren Anwendung auf das konkrete Leben, sonst werde die Kirche scheitern. Auch die übrigen Referenten stimmten hier zu. Glaube sei heute dann zu vermitteln, wenn er von konkreten Menschen vorgelebt und weitergegeben werde. Identität sei kein Zustand der Ruhe, sie werde von Prozessen der Krisenverarbeitung ausgelöst.
Die Kirche befinde sich in einer derartigen massiven Krise, nicht zuletzt einer Formkrise, die sich auf Machtstrukturen und Kommunikation beziehe; sie versuche, unter Berufung auf das Evangelium Sozialkontrolle auszuüben. Ihre Stärke müsse jedoch in der emotionalen Kompetenz liegen (Gruber). Dies bedeute unter anderem: Freiheit zulassen (Bucher), aufmerksam nach Wünschen, Sorgen, Bedürfnissen, Träumen zu fragen (Udeani), zuhören zu können (Kögler) und nicht Antworten auf ungestellte Fragen zu geben (Niemand). Dies alles setze "mündige und bekennende ChristInnen voraus - und eine Kirche, in der man lernt, in allgemein verständlicher Sprache und mit Bezug auf die Lebenserfahrungen der Menschen vom christlichen Glauben zu reden", resümierte Ilse Kögler dazu.