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In Jugendkirche Glaube zweitrangig? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Freitag, 15. August 2008
jugendkirche umfrage Junge Erwachsene sind religiös - ausser in Europa. Beten ist einer Umfrage zufolge für Jugendliche und junge Erwachsene weltweit wichtig - ausser bei den jungen Christen der EU. Eine Religionsstudie der Bertelsmann Stiftung sieht weltweit gegenläufige Trends - Lediglich Jugend in Europa ist vielfach säkularisiert. Das Vorurteil, dass Religiosität von Generation zu Generation kontinuierlich schwindet, konnte laut der Bertelsmann Stiftung, die die Studie in Auftrag gegeben hat, eindeutig widerlegt werden. Zu den wenigen Ländern, in denen die jüngere Generation seltener betet und über religiöse Dinge nachdenkt als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, gehören statistisch gesehen in erster Linie die Staaten der Europäischen Union.

Weltweit sind Jugendliche und junge Erwachsene viel religiöser als gemeinhin angenommen . Dies ist das Ergebnis einer internationalen Studie der Bertelsmann Stiftung aus Anlass des Weltjugendtages in Australien. So sind global betrachtet 85 % der jungen Erwachsenen religiös und sogar fast die Hälfte (44 %) hochreligiös einzuschätzen. Lediglich 13 Prozent haben mit Gott und Glauben nichts im Sinn.

Allerdings zeigt sich ein sehr divergierendes Bild in den einzelnen Ländern und unter den verschiedenen Konfessionen. Besonders religiös sind die jungen Erwachsenen in islamischen Staaten und Entwicklungsländern. 80 Prozent der jungen Protestanten ausserhalb Europas sind tief religiös, immerhin 18 Prozent religiös, nur 2 Prozent sind Atheisten. Unter Europas Protestanten zwischen 18 und 29 Jahren seien gerade einmal sieben Prozent tief religiös, 25 Prozent müssten dagegen als "Karteileichen ihrer Kirchen" gelten. Etwas höher steht Frömmigkeit bei den jungen Katholiken im Kurs, unter denen in Europa etwa ein Viertel tief religiös sei.

Das divergierende Bild über die Religiosität unter jungen Menschen in den verschiedenen Ländern und Konfessionen zeigt sich auch in Bezug auf ihre religiöse Praxis. Während etwa die jungen Erwachsenen in hochreligiösen Ländern wie Nigeria oder Guatemala zu 90 Prozent mindestens einmal täglich beten, tun dies in Ländern wie Indien, Marokko oder der Türkei immerhin noch drei von vier der Befragten. Weitgehend unüblich ist das tägliche Gebet inzwischen dagegen unter jungen Europäern. In Frankreich beten gerade einmal noch neun Prozent der jungen Leute täglich, in Russland sind es acht Prozent und in Österreich nur etwa sieben Prozent.

Dass junge Menschen weniger religiös sind als noch ihre Eltern und Grosseltern ist ebenfalls eine eher typisch europäisch-westliche Vorstellung als die weltweite Realität. So glauben die Jungen in den Entwicklungsländern und in islamischen Staaten nicht weniger intensiv als die übrigen Erwachsenen. Die Länder, in denen die jüngeren sich weniger intensiv mit dem Glauben auseinander setzen, liegen fast alle im westlichen Kulturkreis von Australien bis Spanien. Allerdings gibt es auch hier gegenläufige Tendenzen. So sprechen in Grossbritannien die Jüngeren dem Glauben häufiger zu als die Älteren. Und junge Israelis zeigen sich mit signifikantem Abstand glaubensfester als ihre Väter. Dr. Martin Rieger, Leiter des Projektes Religionsmonitor bei der Bertelsmann Stiftung, folgert daraus: "Die These, dass Religiosität von Generation zu Generation kontinuierlich schwindet, kann nach unseren weltweiten Erhebungen - auch in vielen Industriestaaten - eindeutig widerlegt werden."

Eine grosse Ausnahmeerscheinung zwischen westlich geprägten Industrieländern auf der einen und Entwicklungsländern bzw. den islamisch geprägten Staaten auf der anderen Seite bilden die USA. Wie auch unter den Erwachsenen finden sich in den USA in der jüngeren Generation weitaus mehr religiöse Menschen als in den meisten anderen westlichen Ländern. Von den jungen Amerikanern geben 57 Prozent an, täglich zu beten. Und in den freikirchlichen und Pfingstbewegungen der USA sind unter den jungen Erwachsenen praktisch nur religiöse Menschen zu finden, fast 90 Prozent von ihnen sind sogar hochreligiös.
Stiftung Brertelsmann
Einen Zusammenhang zwischen religiöser Orientierung der jungen Leute und ihrer Haltung zu Politik und Sexualität konnte die Studie der Bertelsmann Stiftung ebenfalls nachweisen. Für die meisten Europäer und "Westler" gilt dabei, dass Religion keinen Einfluss auf ihre politischen Überzeugungen hat. Auch für die meisten der religiösen jungen Menschen ausserhalb Europas gilt dies, wenn auch nicht so strikt. Nicht ganz so klar liegt die Sache beim Thema Sex und Partnerschaft.

Auch hier sagen die meisten der europäischen Gläubigen: Sex ist Privatsache und nur eine Minderheit meint, dass ihr Glaube Einfluss auf ihre intime Partnerschaft hat. Für lediglich sieben Prozent der jungen Protestanten in Europa haben religiöse Überlegungen Auswirkungen für die Gestaltung ihres Liebeslebens, für allenfalls zwölf Prozent der Orthodoxen und nur noch 14 Prozent der Katholiken. Anders sieht dies jedoch ausserhalb Europas aus: Hier geben immerhin 67 Prozent der Protestanten und 68 Prozent der Freikirchler einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Sexualität an. Die aussereuropäischen Katholiken geben sich hier emanzipierter. Nur die Hälfte (52 Prozent) sagt, der persönliche Glaube habe auch Auswirkungen auf das eigene Intimleben.

Das Thema Religion hat in den letzten Jahren eine ungeahnte Renaissance und mediale Aufmerksamkeit erlebt. Dem Wissen über die persönliche Religiosität der Menschen und die gesellschaftlichen Ausprägungen und Dynamiken von Religion kommt angesichts der zunehmenden religiösen Pluralität innerhalb unserer Gesellschaft und angesichts des steigenden Austausches mit kulturell und religiös anders geprägten Gesellschaften im Zuge der Globalisierung eine besondere Bedeutung zu.

Die internationale Sonderstudie war aus Anlass des katholischen Weltjugendtages im australischen Sydney in Auftrag gegeben worden. 21.000 Menschen aus allen Kontinenten und Weltreligionen wurden repräsentativ befragt und haben Auskunft über insgesamt sechs Kerndimensionen von Religion und Glauben wie religiöse Überzeugungen, Alltagserfahrungen, öffentliche und private Praxis oder die allgemeine Alltagsrelevanz von Religion gegeben.

Das Projekt wird in regelmässigen Abständen wiederholt und weiter ausgebaut, um auch die Entwicklung von Religiosität empirisch einfangen und abbilden zu können. Darüber hinaus werden die Ergebnisse in einem Zentralitätsindex verdichtet mit einer Zuordnung nach Hochreligiösen, Religiösen und Nichtreligiösen. Aus dem gewonnenen Datenmaterial können umfangreiche Befunde über die Bedeutung von Religiosität für die Individuen und ihre Lebensbereiche gewonnen und Aussagen über gesellschaftliche Dynamiken getroffen werden.

Zudem enthalten die Ergebnisse wichtige Informationen über die verschiedenen Religionen. Die international durchgeführten Erhebungen finden eine fortlaufende Ergänzung im Internet. In der Online-Befragung "religionsmonitor.com" kann sich der User sein individuelles Religiositätsprofil erstellen lassen und mit dem Durchschnittswert in seinem Land vergleichen.

Die Bertelsmann Stiftung setzt sich auf Anregung ihres Stifters Reinhard Mohn seit Jahren mit Themen der geistigen Orientierung auseinander, zuletzt verstärkt mit der vielfältigen Bedeutung des Religiösen für eine zukunftsfähige Gesellschaft.
 
 
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