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In der Jugendkirche sprang der Funke über |
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Geschrieben von pierre roh
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Montag, 21. Juli 2008 |
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 Workshops, Camps, Musik und Public Viewing: Wer kein Flugticket nach Australien ergattern konnte, musste nicht auf die inspirierende Wirkung des WJT 2008 verzichten ( → all over the world). In vielen Jugendkirchen wurde der WJT intensiv gefeiert - und das bei Wärme-Graden statt bei 9 Grad im australischen Winter. Doch auch bei diesen fröstelnd machenden Temperaturen konnte der Papst die Menschen für sich einnehmen. "What a lovely old man", meinte zum Abschied eine vormals dem WJT äusserst kritisch gegenüberstehende Fernsehjournalisten gerührt.
Die Einwohner von Sydney wollten ihn nicht, den Weltjugendtag. Die hohen Belastungen für den Steuerzahler, Verkehrsstaus und überhaupt ... . Doch als der Papst und die jungen Pilger in freudiger Stimmung in Sydney 'eingefallen' waren, war von negativen Reaktionen nichts mehr zu spüren - und von wegen genervte Autofahrer. Allenthalben hörte man nur: "Das macht mit nichts aus. Es ist doch eine Freude, so viele ausgelassene junge Leute zu erleben!" "Was macht schon eine halbe Stunde Stau aus? Das ist es wirklich wert." Das riesige Glaubensfest war für die nur fünf Millionen Katholiken in Australien eine Art Offenbarung. Der Funke war übergesprungen.
"Die Pilger haben uns elektrisiert", schrieb die Zeitung "Sun Harald", und der "Sunday Telegraph": Sydney hat für eine Woche vergessen, dass es eigentlich zu cool für Religion ist. ... Sydney hat eine neue Art Rockstar entdeckt - einen älteren Herrn im weissen Gewand." Danny Casey, der Chef-Organisator des WJT: "Der Pilger dachten, sie wären im Paradies." Gerade junge Christen schätzten das Erlebnis, Teil einer Weltkirche zu sein.
Der Papst resümierte: "In den Menschenmengen, die hier in Sydney zusammengekommen sind, haben wir einen lebendigen Ausdruck der Einheit-in-der-Vielfalt der Weltkirche erblickt, eine Vision im Kleinen von der geeinten Menschheitsfamilie, die wir ersehnen. Diese Jugendlichen mögen in der Kraft des Geistes diese Vision in der Welt von morgen Wirklichkeit werden lassen."
Allerdings gelingt es der Amtskirche, gerade auch in Deutschland, geprägt von ergrauten Häuptern, nur schwer, die Generationsunterschiede zu überbrücken - mit einer Ausnahme: Papst Benedikt XVI. glückte es auch in Australien, junge Menschen mitzureissen und für den christlichen Glauben neu zu begeistern. Der WJT 2008 markierte wie schon Köln 2005 neue und ziemlich ungewohnte Formen der Religiosität.
Der Papst riss die Fragen an, die die Generation umtreibt:
Den Umweltschutz als Bewahrung der Schöpfung Die fundamentalen Werte eines lebenswerten Lebens Die Sehnsucht nach Erfüllung und frieden Die Absage an Krieg und Terror
Er gab Antworten für jene Generation, die auf der Sinnsuche ist und der eine hedonistische Konsumgesellschaft keine befriedigenden Antworten liefert. Gewiss wäre es übertrieben, eine berauschende Augenblicksstimmung schon als Indiz für den gelungenen Aufbruch der katholischen Kirche in die Moderne zu werten, gerade was auch die Diskussion um eine ökumenische christliche Kirche betrifft.
Der ökumenische Dialog sei derzeit an einem kritischen Punkt und der Dialog bleibe schwierig, sagte der Papst. Aber man könne sicher sein, dass wir eines Tages gemeinsam Eucharistie feiern können. Die unterschiedlichen Lehrmeinungen sollten für Christen jedoch kein Hindernis sein, schon jetzt für eine bessere Welt zusammenzuarbeiten.
Vor seiner Abreise bedankte sich Benedikt XVI. bei den 8.000 ehrenamtlichen Helfern des Weltjugendtages. Ohne sie wäre das Grossereignis nicht durchführbar gewesen, betonte das Kirchenoberhaupt bei einer Begegnung mit den Jugendlichen, und "in der Apostelgeschichte lesen wir, dass "geben seliger als nehmen ist" (20,35) - aber ich vertraue darauf, dass Ihr Helfer und Organisatoren dennoch viel von diesen jungen Menschen empfangen habt, für die Ihr im Laufe unserer Veranstaltungen so grosszügig Euren Dienst geleistet habt. Euch allen sage ich von Herzen ein aufrichtiges 'Danke’."
Vor dem Einstieg in die Maschine, die ihn nach Rom flog, sagte der Papst:
"Die Hauptakteure auf der Bühne waren in den vergangenen Tagen natürlich die jungen Menschen selbst. Der Weltjugendtag ist ihr Tag. Sie sind es, die diesen Tag zu einem weltweiten kirchlichen Ereignis gemacht haben, zu einer grossartigen Feier der Jugend und zu einer grossartigen Feier dessen, was es heisst, Kirche zu sein, Volk Gottes in der ganzen Welt, geeint im Glauben und in der Liebe und befähigt vom Heiligen Geist, das Zeugnis vom auferstandenen Christus bis an die Enden der Erde zu tragen. Ich danke ihnen für ihr Kommen, ich danke ihnen für ihre Teilnahme, und ich bete darum, dass sie eine sichere Rückreise haben.
Wenn ich auf diese ergreifenden Tage zurückblicke, kommen mir viele Szenen in den Sinn. Diese Erfahrungen des Gebets und unsere frohe Eucharistiefeier waren ein beredtes Zeugnis für das lebensspendende Wirken des Heiligen Geistes, der in den Herzen unserer jungen Menschen gegenwärtig und tätig ist. Der Weltjugendtag hat uns gezeigt, dass die Kirche sich über die jungen Menschen von heute freuen und voller Hoffnung für die Welt von morgen sein kann."
Der Vatikansprecher, Jesuitenpater Federico Lombardi, betonte: "Man muss an seinen (Benedikt XVI.) Texten gut und genau arbeiten, um sich dem Kern anzunähern. Der Papst weiss, dass es viele Menschen gibt, die bereit sind, auf ihn zu hören, auch wenn die Texte auf den ersten Blick nicht immer einfach erscheinen. Bereits in Köln konnte man feststellen, dass viele Jugendliche sich daran machten, die Texte genauer zu studieren. ... Die Ansprachen und Predigten des Papstes beim Weltjugendtag waren eine Art Katechismus auf breiter Ebene.
Im Mittelpunkt stand jeweils die Bedeutung des Heiligen Geistes. Der Papst hat viel gesprochen, doch immer klare Worte gefunden. Es war hier in Sydney immer eine sehr intensive Spiritualität spürbar. Das haben wir besonders in jenem Moment erlebt, als der Papst mit schwer integrierbaren Jugendlichen sprach. Ihnen hat der Papst das christliche Leben als Weg der inneren Erneuerung angeboten."
Aber das Christentum braucht nicht nur das Gebet und die stille Einkehr. Sie benötigt auch den Funken der Begeisterung für die Werte abseits der funktionierenden Volksökonomie und der medialen Gleichschaltung. Sie hat einen Bekanntheitswert von traumhaften 100 Prozent und doch verliert die katholische Kirche nach einer von ihr selbst in Auftrag gegebenen Studie des Heidelberger Sinus-Instituts zunehmend den Kontakt zu den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland.
... und die Jugendkirchen?
Ob der WJT 2008 das religiöse Leben auch nach der Heimkehr in die Gemeinden derart befruchtet, wie es 2005 nach dem WJT in Köln geschehen ist, bleibt abzuwarten und ist höchst ungewiss. Nach Köln wurden in verstärktem Masse Jugendkirchen eingerichtet, die die Jugendlichen stärker in das Kirchengeschehen mit einbeziehen sollten - und breitflächig ist das auch in vielen Fällen geglückt.
Trotzdem verständen insbesondere die jüngeren und moderneren Milieus die Kirche nicht mehr, heisst es in einer Untersuchung. Sender und Adressaten funken kaum noch auf der gleichen Wellenlänge.
Schon seit Herbst letzten Jahres ist die von der Deutschen Bischofskonferenz und ihrer Medien-Dienstleistungs-Gesellschaft (MDG) in Auftrag gegebene Untersuchung fertig. Thomas Becker, als Leiter der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm massgeblich an der Untersuchung beteiligt, drang auf eine möglichst schnell beginnende offene Diskussion, denn er ist sicher, dass die Studie deutliche Impulse für eine überfällige Neuausrichtung der Seelsorge liefern kann.
Seit 25 Jahren erstellt das Heidelberger Sinus-Institut Marketingstudien für Wirtschaftsunternehmen und Banken und hat dafür ein Modell von zehn verschiedenen Lebenswelten entwickelt, in denen die Deutschen leben. Nur wer die Einstellungen und Werteprioritäten von "Etablierten", "Konservativen", "Postmateriellen" oder "Modernen Performern" kenne, könne seine Botschaften an den Mann bringen, so ihre These. Mehr Kundenorientierung ist gefragt. Ein solches Zielgruppendenken lag der Kirche bislang eher fern.
Die Ergebnisse der Studie sind aus Kirchenperspektive alarmierend. Laut "Sinus" ticken nur drei Milieus in Richtung Kirche eher positiv: Die "Konservativen" als Repräsentanten des alten Bildungsbürgertums etwa sehen in ihr die Hüterin des Abendlandes und einen Garanten des eigenen sozialen Status, obwohl sie sich nur selten in den Gottesdiensten ihrer örtlichen Gemeinde finden. Dorthin kommen vor allem die etwas weniger gut betuchten "Traditionsverwurzelten", das Kleinbürgertum, das auch Trägerin der Volksfrömmigkeit ist. Das Milieu der "Bürgerlichen Mitte" ist auch nicht jeden Sonntag im Gottesdienst, nutzt aber wegen Kindern und Familie kirchliche Angebote.
In modernere Lebenswelten wie die der "Modernen Performer" oder der "Experimentalisten" dringt die Kirche laut Studie ausser bei herausragenden Ereignissen wie dem Sterben des Papstes oder wichtigen privaten Anlässen wie einer Hochzeit kaum noch vor. Die meisten Befragten aus diesen Milieus verbänden mit Kirche Rückständigkeit, Unbeweglichkeit und Engstirnigkeit. Nahezu flächendeckend werde ihre göttliche Legitimität und ihr absoluter Wahrheitsanspruch bestritten, beschreiben die Wissenschaftler die Image- und Kommunikationsprobleme.
Andererseits: Die Sinus-Studie räumt der Kirche auch in modernen Milieus Chancen ein. Allerdings nicht als Institution, in Form von Gemeinde-Engagement oder lebenslanger Bindung. Gesucht werden mystische Erfahrungen, zeitweise Geborgenheit und Spirituelles. Interesse wecken Persönlichkeiten, alternative Lebensstile von Ordensleuten oder künstlerische, spirituelle und intellektuelle Angebote.
Ob und wie die Kirche auf die Studie reagiert, ist offen. Klare Standpunkte sind laut MGD-Geschäftsführer Wilfried Günther durchaus gefragt. Gerade junge Milieus wollten keine Anbiederung, sondern Authentizität. "Zeigt uns, wofür ihr steht und sagt die Themen, die ihr als Kirche mit uns besprechen wollt", so beschreibt er die Herausforderung. Das versuchen in verstärktem Masse die Jugendkirchen zu bedienen.
Der Übergang vom industriellen zum Informationszeitalter, der tiefe Bruch von der Moderne zur Postmoderne hat eine neue Kultur, neues Denken und Empfinden hervorgebracht, und die jetzigen Jugendlichen sind die erste Generation, die komplett in dieser neuen Kultur aufgewachsen sind.
Karsten Wolff, Leiter des "KRAFTWERK", einer interkulturellen Jugendkirche in Dresden, drückt das so aus: " Es geht aus meiner Sicht gar nicht so sehr um Jugendkirche, sondern darum, heute Gemeinde von morgen zu bauen und das geht nicht mit den Mitteln und Methoden von gestern. Denn die Jugendlichen von heute sind in fünf, spätestens zehn Jahren die Gesellschaft! Ich glaube, wir stehen vor einem gewaltigen Paradigmenwechsel in Bezug auf Gemeindebau und christlichem Lebensstil überhaupt."
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