 Kirche braucht mehr als nur Milieuausrichtung - das ist die zentrale Aussage der gerade veröffentlichten Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die aber auch Aussagekraft für alle christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum besitzt. Leere Kirchenbänke an manchen Orten und ein geringer Anteil aktiver Teilnehmer im Gemeindeleben lassen die Frage danach, wie Kirche Menschen begeistern kann, aktuell bleiben.
In den vergangenen Jahren wurde versucht, mit milieubezogenen Gottesdiensten, etwa Jazz - oder Theatergottesdienste sowie Kultur- und Jugendkirchen (JuKis), wieder mehr Menschen für den Gottesdienst und kirchliche Angebote zu gewinnen. Die neue Studie des SI zeigt Möglichkeiten, aber auch die Grenzen dieser Ausrichtung. Der wichtigste Faktor bleibe unabhängig von milieubezogenen Aspekten, wie zum Beispiel Musikgeschmack, individuelle Lebenssituation und -orientierung die persönliche Haltung zum christlichen Glauben. Es sei also möglich, über die atmosphärische Gestaltung von kirchlichen Veranstaltungen Menschen zu gewinnen, die sonst kaum im Gemeindeleben anzutreffen sind. Voraussetzung für die Teilnahme bleibe jedoch, dass sie eine positive Haltung zum christlichen Glauben mitbringen, so die Veröffentlichung des SI.
Die Studie ist unter dem Titel "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier …" Erkundungen der Affinität sozialer Milieus zu Kirche und Religion in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers" als Buch erschienen. Neben der detaillierten Darstellung der Studie und ihren Ergebnissen findet sich im abschließenden Teil des Bandes eine theologische Analyse zum Verhältnis von Mission und Milieu. Sie kommt zu einem Ergebnis: "Wer mit Glauben nichts anfangen kann, lässt sich auch nicht durch Milieubezug ködern. Ohne diesen geht es allerdings auch nicht, weil der Glaube sonst an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei geht.
Hintergrund der Untersuchung ist die Einsicht, dass sich trotz intensiver Bemühungen wenig daran geändert hat, dass nur ein geringer Teil der evangelischen Kirchenmitglieder in Deutschland im kirchlichen Gemeindeleben anzutreffen ist. In der Studie hat das SI deshalb gefragt, welches die ausschlaggebenden Faktoren für eine Beteiligung am kirchlichen Leben sind. Weiter wurde untersucht, ob und wie es gelingen kann, mit kirchlichen Veranstaltungen auch Personenkreise anzuziehen, die nicht zu den Adressaten des ‚traditionellen’ kirchlichen Gemeindelebens zählen.
"Die atmosphärische Gestaltung der kirchlichen Veranstaltungen ist von ausschlaggebender Bedeutung, um Menschen für die Teilnahme daran zu gewinnen", erläutert Petra-Angela Ahrens, die Leiterin der Studie. "In den Praxisteilen der Studie hat sich gezeigt, dass bei entsprechender atmosphärischer Gestaltung auch Menschen zu erreichen sind, die man im traditionellen Gemeindeleben eher selten trifft - wie zum Beispiel Rockfans. An dieser Stelle werden Möglichkeiten, die grundsätzlich interessierten Gemeindemitglieder anzusprechen, nicht ausreichend wahrgenommen."
 Das Thema Jugendliturgie hat zwar in den letzten Jahren an Aktualität gewonnen, die traditionellen Gemeindegottesdienste erreichen Jugendliche dennoch immer weniger. Ein Ausweg scheint hier zu sein, Jugendkirchen einzurichten, in denen die Jugendlichen grössere Freiheiten bei der Gestaltung einer jugendgemässen Liturgie haben als dies in einer Gemeinde der Fall ist. Einige Kirchenkreise oder auch Landeskirchen haben diese Problematik bereits seit geraumer Zeit erkannt und sind dabei, Jugendkirchen ins Leben zu rufen, oder haben es bereits getan, die der "Kirchenflucht" Jugendlicher entgegenwirken sollen. Die bereits bestehenden Projekte haben einen überdurchschnittlichen Zulauf und sich bei Jugendlichen weitgehend etabliert. Gerade im religiösen Bereich herrscht oft die Ansicht vor, dass Religiosität nicht gemessen und bewertet werden kann. Diese Annahme ist folgerichtig; aber Projekte, die sich mit Religion und Spiritualität befassen, können jedoch sehr wohl gewichtet werden - wenn sie auch nur, wie z.B. die JuKis, durch Evaluation bewertet und verbessert werden können. Damit sind aber auch Probleme und Fragen verbunden, z. B. die Frage nach dem Verhältnis von Gesamtgemeinde und einzelnen Gruppierungen, danach, wo und wie die Einheit einer Gemeinde erfahrbar wird und die Frage nach dem Verhältnis von Vorgegebenem und eigener Gestaltung im Rahmen der Liturgie. Für die Bischöfin der grössten evangelischen Landeskirche in Deutschland, Margot Kässmann, ist es eine zentrale christliche Aufgabe, den Glauben an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Dem Heranwachsenden schenke das Gebet "einen Horizont, der über diese Welt hinaus geht, eine Erfahrung, dass da ein Dritter ist, an den ich mich auch mit Kummer und Leid wenden kann. Die Weitergabe des Glaubens ist für unsere Kirche entscheidend, dafür sind wir zuallererst berufen." Hinweis: Das Buch kann im Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD zum Preis von 19,80 Euro bestellt werden: Tel.: 0511 - 55 47 41 - 0 / Fax: 0511 - 55 47 41 - 44 / eMail:
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