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Jugendkirche in Salzgitter hiess 4 Tage "Kirche leben" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Montag, 23. Juni 2008
Alexander Elrich (26) auf dem schiefen Kistenturm. Unter dem Motto "Kirche leben" luden viele Kirchengemeinden und Einrichtungen beider Konfessionen in Salzgitter bis gestern zum Ökumenischen Kirchentag ein. Am Sonntag, 22. Juni, gipfelte der Kirchentag in zwei zentralen ökumenischen Gottesdiensten. Alle Menschen aller Glaubensrichtungen waren eingeladen vorbeizukommen und die Veranstaltungen zu geniessen. In der Martin-Luther-Gemeinde in Lebenstedt fand bis Samstag eine Jugendkirche der Evangelischen Jugend statt.
Am Samstag war zudem eine Kirchenmeile in der Fussgängerzone von Lebenstedt aufgebaut, die zum Verweilen, Mitmachen, Mitreden und Zuhören animierte.

Viele Bereiche menschlichen Lebens und Handelns werden von Gesellschaft und Kirche berührt. Kirchliches Leben in unserer Zeit ist vielfältig und entgegen geäusserter (Vor-)Urteile aktuell und bietet Lebensorientierung. Ohne Kirchen würde das Leben in Salzgitter nicht funktionieren. Das belegt die Kirchenmeile, die sich am Samstag durch die Lebenstedter Fussgängerzone zog. Sie war Höhepunkt des 4. Ökumenischen Kirchentages "Kirche leben in Salzgitter".

Zweck der Veranstaltungen und Ausstellungen war es, aktuelle Themen und Fragen aus Kirche und Theologie aufzugreifen, die die konkreten Anliegen der Menschen widerspiegeln, Impulse und Anstösse zu geben und zum Dialog einzuladen und daneben Werte und Glaubensinhalte zu vermitteln und zum Engagement zu befähigen, um in die Zukunft von Kirche und Gesellschaft zu weisen.

Werte wie Nächstenliebe, Solidarität, Toleranz, Verantwortung und Menschenwürde in diese oft sozial kalte, konfliktreiche Welt zu tragen, sind unverzichtbare Aufgaben und Anliegen von Christentum und Kirche. Christ sein in unserer Zeit bedeutet daher auch, religiös orientiertes Handeln in Kirche und Gesellschaft zu praktizieren.

Es gibt in Salzgitter evangelische und katholische Kindergärten, in denen teilweise Kinder islamischen Glaubens in der Mehrheit sind, bald eine christliche Schule, Beratungsstellen für Familien. Kranke können im St.-Elisabeth-Krankenhaus gesund werden. Gemeinden sammeln gebrauchte Schulranzen für arme Kinder und organisieren Gottesdienste gegen das Endlager Schacht Konrad. Jugendliche erleben bei den Pfadfindern Gemeinschaft.

"Kirchenmeile"
 
Ziel des ökumenischen Kirchentages war es auch, die Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen als engagierte und kompetente Partner in religiösen, gesellschaftlichen und sozialen Fragen zu präsentieren und vor allem auch mit interessierten Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.
 
Dies war bei der "Kirchenmeile" in der Fussgängerzone von Salzgitter-Lebenstedt intensiv geschehen, auf der sich wieder kirchliche Einrichtungen, Gemeinden, kirchliche Verbände und Projekte, wie etwa die Jugendkirche, präsentierten.

Die Besucher der Kirchenmeile konnten lesen, reden, zuhören, basteln, essen, trinken und klettern. Die "Jugendkirche auf Zeit" seilte mutige Passanten an, so dass die einen Turm von leeren Sprudelkisten aufstapeln und erklimmen konnten. Jugenddiakon Sven-Oliver Salzer erklärte den theologischen Hintergrund: "Es geht um Überwinden und Vertrauen, sich nicht nur auf sich selbst verlassen, sich getragen fühlen - von anderen und von Gott."
 
Kirche auf Zeit
 
Das war natürlich nicht alles, was die 4-tägige JuKi anbot. In unterschiedlichsten Workshops konnten Jugendliche auch andere Grenzerfahrungen machen. Dies ging von Workshops über Leben mit Harz IV, Schuldenfallen, leben mit Behinderungen, Gewalt in meinem Leben, Zusammenarbeiten (Kooperativ Probleme lösen), Rechtsradikalismus heute, Selbstbehauptung, über Wie komme ich über den Monat (Ein Spiel zum Sozialen lernen) sowie Hlalanathi (Südafrikanische Theatergruppe, am Donnerstag).

Das 60-minütige Stück BEHIND THE LIGHT, das Hlalanath aufführte, zeigte die Situation von jungen Immigranten in Südafrika. Was bewegt sie, ihre Heimat zu verlassen und den Weg in die Ungewissheit zu wagen. Wo werden sie hinters Licht geführt? Welchen Schwierigkeiten werden sie begegnen? Wie können diese gemeistert werden? Hlalanathi regt die Zuschauenden stets zum Mitdenken an. Das Stück endete nicht mit dem Fall des Vorhangs, sondern mit einem Austausch über das Gesehene - die Schauspielerinnen und Schauspieler stellten sich dem Publikum und gehen auf Fragen ein.

Neben dem mitreissenden Stück bot die Theatergruppe auch Workshops an, in denen die Teilnehmenden Ihre eigenen Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringen und Konflikte in Szene gesetzt werden und die Propsteikantorin Heike Kikhöfel gab in der JuKi einen Gospelworkshop für junge Leute die mal in diese Musik hineinschnuppern wollten.

Bei so einem Ereignis, wie der JuKi durften natürlich die KJTs aus ganz Salzgitter nicht fehlen! Deshalb wurde neben all den anderen Aktivitäten ein Speed-Soccer- Turnier am Freitagnachmittag auf die Beine gestellt. Selbstverständlich wurden für die ersten drei Plätze Pokale und angemessene Preise ehrenvoll verliehen. Da der Spass im Vordergrund stehen sollte, wurde keine Startgebühr erhoben und danach konnte man sich das Viertelfinale der EM Deutschland-Portugal auf einer grossen Leinwand in gemütlicher Atmosphäre ansehen. Dazu gab es im Cafebereich alkoholfreie Cocktails und exquisite Fussball-Snacks für das leibliche Wohl.

Die Jugendkirche auf Zeit ging am Samstag gegen 18.oo Uhr zu Ende und schloss mit einem lebendigen Jugendgottesdienst ... und danach blieb noch Zeit zum chillen, reden, spielen ... und geht hoffentlich in den Gemeinden weiter, denn die Austritte aus den Landeskirchen flachen nicht ab. Gerade viele Jugendliche kehren der Kirche spätestens nach der Schule den Rücken. Viele Austretende orientieren sich neu und schauen sich nach alternativen Angeboten um.
 
Dabei schnuppern sie bei verschiedenen Kirchen und spirituellen Gruppen. Das führt letztlich zu einem Nullsummenspiel, weil die Zahl der Religiösen nicht wirklich wächst. Die Jugendkirchen könnten die Heranwachsenden mit attraktiven Angeboten wieder an die christliche Kirchen binden, tun sich aber erfahrungsgemäss schwer, stehen sich mit einer überfrachteten Kirchenbürokratie selbst im Weg.

Das war sicherlich in den letzten Jahren mit ein Grund, warum sich das Religiöse misstrauisch in das Private zurückzog. 70% der Jugendlichen geben an, an Gott zu glauben. Doch die Institution Kirche wird für junge Menschen immer unattraktiver. Bei aller Tendenz, die Religion in die privaten vier Wände zu verbannen, wünschen sich aber gerade viele Jugendliche weiterhin, dass die Kirchen etwa zu Fragen von Krieg und Frieden, der Bioethik oder der Sterbehilfe Stellung nehmen. Die Jugendkirchen müssen darauf zeitgemässe Antworten finden.

Durch gross angelegten Events könnten Kontakte zu Schulen hergestellt und ganze Schulklassen eingeladen werden, die Jugendkirche kennen zu lernen und zu nutzen. So würden viele kirchenferne Jugendliche erreicht und könnten erfahren, dass Kirche durchaus etwas mit ihrem Leben und ihrer Lebenswelt zu tun haben kann.
 
Dass Schulen diesbezüglich sehr offen sind, zeigen  die Erfahrungen unzähliger JuKis in der BRD. Die Jugendkirche kann Module zu bestimmten Themen oder Kirchenjahreszeiten entwickeln und diese den Gemeinden und Schulen anbieten. Sie kann in verschiedenen Veranstaltungen Jugendkultur im wahrsten Sinne in die Kirche holen. Es ist ein Weg.

Beistand

in grösster Verzweiflung - auch das ist Aufgabe der Kirche. Die fünf Notfallseelsorger für Salzgitter und Baddeckenstedt haben im vergangenen Jahr 34-mal nach Selbstmorden, schweren Unfällen und Bränden Verletzten, Angehörigen von Todesopfern und Rettungskräften Trost gespendet. Ehrenamtlich. Oft holen sie einen islamischen Imam dazu. Linus Dittrich: "Man geht noch drei Tage damit. Und doch ist es schön, da zu sein, damit die Betroffenen nicht allein sind."

Viele ehren- und hauptamtliche Kirchenmitarbeiter berichteten von ihrer Arbeit. Man konnte staunen. Vielleicht bleibt wirklich nur der Weg des ausgewählten, uneigennützigen politisch-diakonischen und religiös-therapeutischen Dienstes an der Gesellschaft, um wieder mehr Resonanz zu erzielen.
 
Dennoch verzeichnete die provisorische Kircheneintrittsstelle - ein weisses Pavillonzelt - keine Erfolge. Am Sonntag endete der Kirchentag in zwei ökumenischen Gottesdiensten. Einer im Waldschwimmbad in Gebhardshagen (um 11 Uhr), der andere in Lebenstedt am Salzgittersee.
 
ZU DIESEM THEMA SIEHE AUCH: http://www.jukis.org/index.
 
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