"So einen Eröffnungsgottesdienst habe ich noch nicht erlebt." Dieses Urteil fällte Eberhard Klein, Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN). Aber: "Nach dem Jugendkirchentag ist vor dem Jugendkirchentag." Für die Organisatoren stimmt das, für den Rest der evangelischen Christen, und darunter nicht zuletzt die Jugend, liegen dazwischen zwei Jahre, in denen sie aus den Impulsen viel machen können - oder auch nichts.

Genau vor einer Woche schloss der Rüsselsheimer Jugendkirchentag und am darauffolgenden Mittwoch tagte der Rüsselsheimer Pfarrer-Konvent. Und dabei ging es, wie Kurt Hohmann mitteilte, um den Jugendkirchentag. Der Dekan nimmt üblicher Weise nicht am Konvent teil. Diesmal war er dabei. Und erzählte sodann, dass alle von der spirituellen Kraft der erlebten Jugendlichen beeindruckt sind. Das Anliegen des Jugendtag-Erfinders, des scheidenden Landesjugendpfarrers, Eberhard Klein, diese Kraft nicht verpuffen zu lassen, sei das Anliegen auch der Gemeindepfarrer.
"Das geht, wenn Jugendliche jetzt ihre Gemeinden begeistern und sich diese begeistern lassen." Wo sonst als in Kirchengemeinden könnten nun die Impulse auf guten Boden treffen. Gesellschaftliches Engagement und Glaubenskraft könnten nun den Alltag der Gemeinden befruchten.
Die Spiritualität, die manche Beobachter überraschte, habe er nicht nur in Gottesdiensten, "Räumen der Stille" sowie der Taizé-"Nacht der Lichter" und der Konfi-Jugendkirche erlebt. Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit liessen viele Menschen nachdenken. Viele Jugendlichen hätten spüren lassen, dass sie in ihrem Glauben die Chance erkennen, Hoffnung und Zuversicht "für ein Leben zu gewinnen, das so tragbar werden könnte".
Mit dieser Spiritualität Gemeinden anzustecken, könne mit vielen kleinen Schritten gelingen. Schon jetzt gibt es Jugendgottesdienste, auch ökumenische. Solche Angebote künftig regelmässig zu machen, sei wichtig. Obendrein bedürfe es verschiedenster Projekte der Gemeinden. "Die Wicherngemeinde ist, nicht nur weil dort Jugendpfarrer und Jugendreferent des Dekanats angesiedelt sind, sondern wegen ihrer eigenen Aufgeschlossenheit seit je auch eine Jugend-Gemeinde."
Über einen solchen Schwerpunkt hinaus mache etwa die Bischofsheimer Gemeinde mit Nach-Konfi-Arbeit auf sich aufmerksam. "Das Angebot brummt. Es kommen mehr Jugendliche, als man Platz hat. Einen Jugendkeller zuzuweisen und das war`s dann, ist dagegen keine Jugendarbeit."
Jugendlichen mit ihren Themen in Projekten eine Heimat zu geben, sei Aufgabe aller Gemeinden. Die Lage ist widersprüchlich: Immer mehr Jugendliche wenden sich von der Kirche als Institution ab, räumen ihr aber gleichzeitig einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert ein.
Die Kirche wird nach wie vor als unabhängige moralische Instanz wahrgenommen, wenn auch ihr Ruf inzwischen merklich angeknackst ist. Die Glaubensgemeinschaft wirkt als Symbol für ein Miteinander, wie es "eigentlich" sein könnte oder sollte - auch wenn dieselben, die sich eine kirchliche Orientierung wünschen, diese entrüstet zurückweisen, wenn sie ihren eigenen Ansichten widerspricht.
Vertrauensverlust, Überalterung und Desinteresse - das sind die Trends, die die althergebrachten Volkskirchen erschüttern und die dazu führen, dass die christlichen Kirchen an Prägekraft in der Gesellschaft einbüssen. Die Gemeinden, die bereits aus Spargründen und wegen des Pfarrermangels zusammengelegt werden, bluten langsam aus. Der "heilige Rest" steht in der Gefahr, sich abzuschotten und trotz vielfältiger Bemühungen am eigenen Ofen zu wärmen.
Damit aber wird das Gemeindeleben für Aussenstehende uninteressant - nicht nur für junge Menschen. Zwar gibt es, wie nicht nur die aktuelle Mitgliederuntersuchung der Evangelischen Kirche verdeutlicht, nach wie vor ein nachgewiesenes Interesse vieler Jugendlicher an spiritueller Begleitung, doch ist das Riten-Monopol der Kirchen längst gebrochen.
Religiöse und quasi-religiöse Rituale sind in der Gesellschaft zwar mehr denn je gefragt, doch die Sachverwalter des Religiösen verlieren ihre ureigene Kompetenz an freie (religiöse und nichtreligiöse) Anbieter, so genannte Riten-Designer. Nur durch die Qualität ihrer Seelsorge scheint die Kirche noch zu überzeugen. Selbstverständlich ist (fast) nichts mehr - noch nicht einmal die kirchliche Beerdigung.
Hinzu kommt: Auch all jene kirchlichen Initiativen, die ihre Organisation lebensnäher, zeitgemässer und damit moderner machen wollen, haben es schwerer als noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren, denn nur vier Prozent der Bevölkerung und gerade mal ein Drittel der Katholiken und etwas weniger Protestanten halten Reformen in den Kirchen für dringlich - schlicht weg, weil es sie überhaupt nicht interessiert und die Kirchen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie wirksam gegensteuern könnten.
Die Jugendkirchen, die bundesweit mit grossem Erfolg die Jugendlichen an kirchlicher Gemeinschaft heranführen, sind ein gutes Beispiel für engagierte kirchliche Jugendarbeit. Da gibt es schon mal eine Skaterbahn mitten durch die Kirche, als "halfpipe to heaven" - oder einen 15 Meter hohen Klettergarten im Gotteshaus - auch einige Tonnen Sand um den Altar sind denkbar, damit die Wüstenerfahrung der Bibel greifbar wird.
Anfangs haben viele die Nase gerümpft über das Experiment, auf ungewöhnlichen Wegen Kirche mit Sprache, Stil und Ästhetik junger Leute zu verbinden. Doch inzwischen gelten die Jugendkirchen als Hoffnungsschimmer, als innovativste und spannendste Neuerung kirchlicher Jugendarbeit.
Aber zurück nach Rüsselsheim: "Für die Jugendleiter-Card melden sich so viele Jugendliche, dass wir einen zusätzlichen Kurs anbieten." Weitere Angebote für sie anzuschliessen, sei die nächste Aufgabe. Jugendgottesdienstbegleitung, Organisation und Begleitung von Jugendprojekten in den Gemeinden öffneten Betätigungsfelder.
"Wenn sie in die Gemeinden gehen und auf Unterstützung treffen, gelingt auch die notwendige Verzahnung." Hohmann unterstützt Landesjugendpfarrer Klein, der in der "Main-Spitze" vor einer Separierung in Nischen warnte und forderte, voran komplette Kirchenvorstände sollten Jugendgottesdienste aufsuchen, um Wertschätzung zu zeigen und Ausdrucksmittel kennen zu lernen.
Zusammen mit Kirchenpräsident Peter Steinacker stellt Hohmann fest: "Die Jugend ist nicht nur die Zukunft der Kirche, sondern ihre Gegenwart." Der Dekan fügt hinzu: "Wie die Senioren nicht die Vergangenheit der Kirche sind, sondern ebenfalls ihre Gegenwart. Die Impulse des Jugendkirchentages aufzunehmen, muss ein Lernprozess in den Gemeinden sein.
Das ist viel Arbeit, da sind Selbstbild und Fremdbilder zu bearbeiten, Standpunkte zu überprüfen. Da geht es dann nicht, dass man sich nach einem Vorstellungsgottesdienst der Konfi-Jugendkirche über Sprachformen echauffiert. Gottesdienste dürfen keine Veranstaltungen abseits unserer Lebenswirklichkeit sein.
Die Jugendlichen sind an der real existierenden Kirche fast gar nicht mehr interessiert. Das bedeutet: Auch Reformbewegungen wie die katholische Kirchenvolks-Bewegung oder die ökumenische "Initiative Kirche von unten" drohen - möglicherweise sehr bald schon - zu vergreisen. Sie verlieren ihr junges Unterstützerpotenzial, was schon heute auf ihren Treffen zu beobachten ist.
Wenn aber die internen Reformanstösse versanden, dann bleibt irgendwann allein der harte, überwiegend konservative Kern übrig, der den Abschied von der Volkskirche beschleunigen dürfte, die Jugendkirchenbemühungen nicht verstehen möchte und sich an Verbalismen aufhält, die sachbezogenem Verstehenwollen zuwiderläuft.
Es wäre ein schönes Zeichen gewesen, wenn alle Gemeinden am Sonntag anstelle eigener Gottesdienste zum Schlussgottesdienst auf den Marktplatz gegangen wären. Die Jugend hätte erfahren, dass man lieber den Weg zu ihr nimmt, als daheim ohne sie zu feiern."