 Es lassen sich Umbrüche der Sonntagskultur erkennen. Zugleich hat sich das gottesdienstliche Leben weit ausgefächert, wobei die aufstrebenden Jugendkirchen nur einen Aspekt darstellen. Fest-, Kasual- und besondere Gottesdienste sind in den Vordergrund getreten und haben in den letzten Jahren sehr viel stärkere Beachtung gefunden als der sonntägliche Gemeindegottesdienst. Vor diesem Hintergrund fragen die Autorinnen und Autoren des gerade im Kohlhammer-Verlag erschienenen Bandes: "Normalfall Sonntagsgottesdienst? Gottesdienst und Sonntagskultur im Umbruch" nach der "Normalität" des Sonntagsgottesdienstes, seinen gegenwärtigen Bedingungen und künftigen Perspektiven.
Der Sonntagsgottesdienst ist Mitte und Kennzeichen kirchlichen Lebens - auch in den Jugendkirchen - und erscheint deshalb bis heute als der "Normalfall". Seit geraumer Zeit aber hat sich das gottesdienstliche Teilnahmeverhalten verändert. Der Band geht auf eine Tagung zurück, die die Gemeinsame Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der EKD (GAGF) in Kooperation mit dem Seminar für Praktische Theologie der Universität Mainz im Dezember 2006 im Kirchenamt der EKD in Hannover veranstaltete. In 23 Beiträgen werden fünf Themenfelder abgeschritten: "Kultur- und kirchensoziologische Aspekte" (mit Beiträgen unter anderem von Jan Hermelink und Michael N. Ebertz), "Praktisch-theologische Perspektiven" (unter anderem Michael Meyer-Blanck, Wilhelm Gräb, Thies Gundlach),
"Sonntagspredigt" (Wilfried Engemann, Albrecht Grözinger, Ulrike Wagner-Rau),
"Gottesdienstliche Zeiten und Orte" (Christian Grethlein, Wolfgang Ratzmann und Ursula Roth) und
"Gestaltungsfragen und Bildungsaufgaben", bei denen neue Formen des Gottesdienstes ("Nachteulen") ebenso bedacht werden wie Perspektiven der Aus- und Fortbildung.
Der 240seitige Band beleuchte eine Vielzahl von Aspekten des Gottesdienstes, erläutert Lutz Friedrichs, Leiter der GAGF und Mitherausgeber. "Als Grundlinie lässt sich erkennen, wie nötig es ist, im Interesse einer humanen Lebenskultur, die den Wechsel von Arbeit und Ruhe braucht, verstärkt an einer zeitgemäßen Theologie des Sonntags und des Gottesdienstes zu arbeiten." "Normalfall Sonntagsgottesdienst? Gottesdienst und Sonntagskultur im Umbruch", herausgegeben von Lutz Friedrichs und Kristian Fechtner, Professor für Praktische Theologie an der Universität in Mainz, ist bei Kohlhammer in Stuttgart als Band 87 der Reihe "Praktische Theologie heute" erschienen (ISBN 978-3-17-019943-9, € 19,80). Der arbeitsfreie Sonntag ist bedroht In einer Erklärung der 2. Zeitkonferenz der Allianz für den freien Sonntag, die diese Woche in Berlin stattfand, fordern die Konferenz-Teilnehmenden aus elf Ländern einen konsequenten Schutz der arbeitsfreien Sonn- und Feiertage und eine Bekräftigung unserer Sonn- und Feiertagstagskultur: Die Zahl der "Sonntagserwerbstätigen" wächst Jahr für Jahr. Die "Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft", die immer weniger verlässliche Sozialzeiten und Zeitoasen kennt, kündigt sich darüber hinaus durch die starke Ausweitung von Samstags-, Abend- und Nachtarbeit an. Diese Entwicklung zeigt sich in vielen europäischen Ländern. Aktuell haben die Verfassungsbeschwerden der beiden großen Kirchen in Deutschland gegen die exzessiven Sonntagsöffnungen im Berliner Einzelhandel ein starkes öffentliches Interesse hervorgerufen. Weitere Klagen und Aktionen von Kirchen und Gewerkschaften sowie zahlreiche Initiativen überall in Deutschland und anderen europäischen Ländern zeugen von einem wachsenden Widerstand gegen die fortschreitende Ökonomisierung unserer Zeit.
Die Konferenz-Teilnehmenden aus elf Ländern - Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Italien, Luxemburg, Österreich, Polen, Schweiz, Tschechien und der Türkei - fordern einen konsequenten Schutz der arbeitsfreien Sonn- und Feiertage und eine Bekräftigung unserer Sonn- und Feiertagstagskultur. Es geht darum, den Rhythmus zwischen Arbeit und Ruhe um der Menschen willen zu erhalten und den Menschen eindeutig in den Mittelpunkt allen Wirtschaftens zu stellen. Diese Ziele finden einen breiten Konsens in unseren Gesellschaften.
Wir alle stehen in der Verantwortung, uns für den Erhalt des Sonntags einzusetzen. Wirkungsvoll handeln können wir nur gemeinsam. Deshalb erweitern wir unsere Bündnisse für den freien Sonntag auf europäischer Ebene. Alle gesellschaftlichen Institutionen und Akteure, die unser Anliegen teilen, laden wir ein, sich mit uns zu engagieren.
Der 3. März jeden Jahres soll als Internationaler Tag des freien Sonntags verankert werden. Mit historischem Bezug auf den ersten staatlichen Sonntagsschutz unter Kaiser Konstantin im Jahr 321 n. Chr. werden 2009 in möglichst vielen europäischen Ländern öffentliche Aktionen, Diskussionsveranstaltungen oder thematische Gottesdienste für den freien Sonntag stattfinden. Die Allianz für den freien Sonntag organisiert sich sowohl auf der Bundesebene, als auch in Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg sowie in zahlreichen Regionen. Auch in Österreich, der Schweiz,Italien und Polen sind bereits Sonntagsallianzen entstanden. Initiatoren in Deutschland sind die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB), die Katholische Betriebsseelsorge, der Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen (BVEA) und die Vereinte Dienstleistungs- gewerkschaft (ver.di). Kirchen werben für Schutz des Sonntags Unter dem Motto Gott sei Dank, es ist Sonntag wirbt auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) für den Schutz des Sonntags. Hiermit knüpft sie an die erfolgreiche Aktion "Ohne Sonntag gibt´s nur noch Werktage" an, mit der sie 1999 erstmals auf die zunehmende Gefährdung der Sonntagsruhe aufmerksam gemacht hatte. Hintergrund der neuen Aktion ist die Tatsache, dass die Ladenöffnungszeiten immer deutlicher ausgeweitet werden. Die Kirche appelliert an Verantwortliche in Politik und Wirtschaft, den Sonntag als verlässlichen Ruhetag zu schützen.
Die Kirchen betonen, dass der Sonntag ein wichtiges Kulturgut sei, das nicht so ohne weiteres preisgegeben werden dürfe. Die Sonntagsruhe geht auf das biblische Gebot der Sabbatruhe zurück. Dies ist kein rein moralische Appell und hat nichts mit Einschränkung und Verzicht zu tun. Vielmehr war es eine wichtige kulturelle Errungenschaft, die Menschen wenigstens an einem Tag der Woche aus der Arbeits-Tretmühle zu befreien.
Nur die Sonntagsruhe schafft in der Arbeitswoche einen verlässlichen Freiraum für Erholung und gemeinsame Freizeit mit Familie und Freunden. Die Kirchen wollen zum Nachdenken darüber anregen, dass eine Gesellschaft langfristig nichts gewinnt, wenn sie den Sonntag preigibt, um kurzfristige wirtschaftliche Interessen Einzelner zu befriedigen. Aus gutem Grund haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes den Sonntag als besonders schützenswert hervorgehoben: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“, heißt es in Artikel 140.
Viele Menschen müssen sonntags arbeiten - zum Wohle der anderen sind sie in der Landwirtschaft, in Krankenhäusern oder bei Polizei und Rettungsdiensten tätig. Daneben wird sonntags aber mehr und mehr verkauft und eingekauft, mehr produziert und mehr gearbeitet. Was ist noch die Regel, was die Ausnahme? Die Grenzen sind fließend geworden.
Viele Menschen empfinden Sonn- und Feiertage als besondere Zeiten für den besonderen Konsum. Die Kommunen folgen diesem Trend und genehmigen immer öfter im Zusammenhang mit Messen und größeren Veranstaltungen Verkauf und Ladenöffnungen an Sonn- und Feiertagen. Bäckereien bieten ihrer Kundschaft auch sonntags frische Brötchen, Tankstellen und Autowaschanlagen, Solarien und Fitnesscenter sind geöffnet und Call-Center erreichbar.
Der Sonntag ist ein wertvolles Geschenk für alle Menschen, Woche für Woche wiederkehrend, verlässlich wie Tag und Nacht, Abend und Morgen. Er gibt dem gesellschaftlichen Leben den notwendigen Zeitrhythmus. Leben ist mehr als kaufen und verkaufen, produzieren und konsumieren, leisten und schuften, daran erinnert uns der Sonntag. Er unterbricht den Alltag zum Ausspannen und Aufatmen. Er schafft freie Zeit und Freiraum für Muße und für die Fragen nach Grund und Perspektiven des Lebens und des Zusammenlebens. Gott sei Dank, es ist Sonntag! siehe auch: |