Wenn es aber um die Strukturen geht, dann erhitzen sich die Gemüter. Dennoch fordert der Superintendent bei der Sommersynode "einen klaren Beschluss". Die Entscheidung gegen eine eigene Jugendkirche und für die Arbeit mit zwei Brennpunkten, Kompetenzzentrum und Gemeinden, war viel zu schnell und eindeutig gegen eine enttäuschte Jugend durchgesetzt worden.
Vom "persönlichen Gefühl der Beleidigung" war am Dienstagabend im Erndtebrücker evangelischen Jugendheim die Rede und vom "Kloss im Hals". Anlass war ein Forumabend des Kirchenkreises Wittgenstein zur Zukunft der Jugendarbeit. Besonders die Frage, ob 400-Euro-Kräfte parallel zu hauptamtlichen Pädagogen und ehrenamtlichen Helfern beschäftigt werden können, sorgte in Erndtebrück für Zündstoff.
Das gesamte zur Diskussion gestellte Konzept baue auf Hauptamtlichkeit auf, sagte einer der Teilnehmer: "Wo taucht da die Ehrenamtlichkeit auf?" Wenn 400-Euro-Kräfte eingesetzt würden, müsse man doch damit rechnen, dass viele Ehrenamtliche nicht mehr zur Verfügung stünden, so ein Argument der Kritiker. Geld könne in der christlichen Arbeit doch wohl keine ernste Motivation sein, ein anderes Argument. Viele Mitarbeiter, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten engagierten, müssten sich doch schlecht fühlen, wenn plötzlich jemand komme und für seine Arbeit Geld erhalte.
Bereits als Superintendent Stefan Berk in einem Interview mit Unsere Kirche die Zahl von 20 Nebenämtlern nannte, war der Aufschrei gross. Schliesslich ergäbe dies zusammengenommen eine Summe von 120 000 Euro jährlich, was den Kosten von drei hauptamtlichen Referenten entspräche, von denen sich der Kirchenkreis Ende 2007 aus Kostengründen getrennt hatte. Berk hat diese Zahl inzwischen zurück gezogen und das Bild als "schief" bezeichnet.
Gerade in der Frage der Entlohnung sieht sich Wittgensteins Superintendent Stefan Berk gründlich missverstanden. Weder sollten damit die Ehrenamtlichen aus der Jugendarbeit gedrängt werden, noch wolle man Billiglöhne zahlen. Es gehe in der Projekt bezogenen Arbeit darum, die Möglichkeit zu eröffnen, Aufwandsentschädigungen zu zahlen oder Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen, wo es nötig sei.
Aber, so Stefan Berk, seien das bisher Vorschläge, über die man reden und auch andere Lösungen finden könne: "Das ist ein Konzept. In seiner Version Nummer sieben. Das ist nicht beschlossen." Allerdings müssen für den Superintendenten bald auch Beschlüsse her, will er in seinem Zeitplan bleiben.
Schon bei der Sommersynode des Kirchenkreises im Juni, also in wenigen Wochen, möchte der Kreissynodalvorstand (KSV) konkret werden. "Ich will einen klaren Beschluss, wo wir in den nächsten Jahren in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Familien hinwollen", so der Erndtebrücker Pfarrer am Ende der Diskussion.
Dass die Zeit knapp ist, ist allen klar. Ebenso, dass es noch viel Gesprächsbedarf gibt. Das Konzept, wie es derzeit diskutiert wird, sieht ein Kompetenzzentrum für die Jugendarbeit des Kirchenkreises vor. Von dort aus sollen Projekte in den Kirchengemeinden angeschoben, unterstützt und begleitet werden. Vorgesehen sind dafür 2,5 Stellen.
Die Verantwortung für die Projekte tragen die Presbyterien vor Ort, sie müssen auch die Finanzierung sicherstellen. Vom Kirchenkreis gibt es nur Zuschüsse, allerdings müssten die Kirchengemeinden jeweils mindestens den gleichen Betrag aufbringen, den der Kirchenkreis als Zuschuss gewähre. Über die Förderwürdigkeit soll das Kompetenzzentrum entscheiden.
Der Kirchenkreis stehle sich hier aus der Verantwortung, so ein Argument der Kritiker. Die Befürworter des neuen Konzeptes sehen die grosse Gemeindenähe positiv. Jede Kirchengemeinde habe andere Rahmenbedingungen und eigene Kompetenzen, die es zu fördern gelte. Das könne am besten vor Ort entschieden werden, sagen die Befürworter.
Nach der Idee des KSV sollen die verschiedenen Träger kirchlicher Jugendarbeit in der Zukunft stärker vernetzt werden. Dazu soll es auch Kooperationen mir anderen Verbänden und der kommunalen Jugendarbeit geben. Diese Vorschläge finden auch weitestgehend Zustimmung. Mit Abstrichen allerdings beim Kompetenzzentrum. Die Befürchtung einiger ist, das eine zu grosse Bürokratie aufgebaut wird und das Zentrum überfordert wird.
Während es im Kirchenkreis noch viel zu bereden gibt, sieht die Sicht von aussen erheblich besser aus. Landeskirchenrätin Dr. Johanna Will-Armstrong begrüsste ausdrücklich die klare Positionierung des Kirchenkreises Wittgenstein, was die Jugendarbeit angeht. Die Entscheidung gegen eine eigene Jugendkirche und für die Arbeit mit zwei Brennpunkten, Kompetenzzentrum und Gemeinden, befand sie als richtig. Ebenso könne sie der Vernetzung der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Familien viel Positives abgewinnen.

"Was die Jugendarbeit angeht, sind wir in einer Erstarrung", machte Berk in einem Pressegespräch deutlich. Zwei Konzepte hatte der Jugendausschuss unter externer Beratung erarbeitet und dem KSV im April 2007 vorgelegt. Die Modelle des "Kompetenzzentrums Jugendarbeit" und der "Jugendkirche" sahen je vier Hauptamliche Mitarbeiter vor und eventuelle die Unterstützung durch eine halbe Pfarrstelle.
Der zukünftige Superintendent Stefan Berk stellte diese Konzepte der Synode vor, betonte aber die Grundsätze "Gemeindenähe" und Flexibilität". Gemeindenähe bedeute, dass vor allem die Arbeit in den Gemeinden gestützt und gestärkt werden müsse. Flexibilität, bedeute, dass ein Konzept nicht von einer bestimmten Mitarbeiterzahl abhängig sein dürfe, weil der Kirchenkreis aus eigenen Mitteln nur eine hauptamtliche Stelle finanzieren könne.
Ausserdem befinde sich der Kirchenkreis mit den drei fristgerecht gekündigten Mitarbeitern in einem Arbeitsrechtsstreit. Das mache die Ausführung des Beschlusses für ein Moratorium bis Ende 2007 ersteinmal unmöglich.
Der KSV hatte das Modell der "Jugendkirche" favorisiert, weil es "Jugendarbeit von einem neuen Ansatz her" denke, wohingegen das Kompetenzzentrum "auf den ersten Blick als eine Weiterentwicklung der jetzigen Form" erscheint, so Berk.
In den Arbeitsgruppen überwogen in den Diskussionen aber die Nachteile der Jugendkirche, u. a. die geographische Ferne von den einzelnenen Gemeinden. Deshalb wurde der Beschluss zum Ausbau des Konzeptes für das Kompetenzzentrum gefasst. Bei Jugendlichen und Ehrenamtlichen überwiegt die Enttäuschung, das Konzept Jugendkirche nicht durchgesetzt zu haben.
Am Dienstag gingen die Kirchenvertreter ohne konkretes Ergebnis auseinander, Diskussionsbedarf über die Strukturen gibt es weiter in grossem Masse. Vor dem Kirchenkreis liegt also noch eine Menge Arbeit, soll es zur Sommersynode wirklich zu den von allen gewollten Grundsatzentscheidungen kommen, ohne dass eine jährlich neue Grundsatzdiskussion für die nächsten Jahre ansteht.