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Beobachtungen einer Ballonmodelliererin am Rande des Kirchentags in Saarbrücken Diese Pflastersteine! Wo sieht man denn noch solche uralten Pflastersteine auf den Gehwegen? Mein Fahrrad klappert laut, als wolle es sich beschweren. Eigenartige Häuser - nicht so sehr wegen ihres Äußeren - sie sehen aus, als ob sie noch ein paar Erinnerungen an vergangene Tage wach halten wollten, Tage, an denen hier noch etwas los war. Die Straße ist leer, die Geschäfte wegen eines Feiertags geschlossen, überall Schläfrigkeit und feuchte Kühle eines unzeitigen Regens. Bin ich vielleicht im falschen Film? Wo, bitte schön, soll denn hier die Stadtmitte sein? Hallo, komm doch mal einer heraus, dass ich ihn fragen kann! Verzweifelt versuche ich mir den Stadtplan in den Kopf zurückzurufen, denn ich habe ihn dummerweise im Auto liegen lassen.
Nach meinen Berechnungen müsste die Stadtmitte direkt vor mir liegen. Aber weit und breit nur öde Häuserfronten. Ich kann nur weiterfahren. Halt, da vorne erscheint tatsächlich eine Leuchtschrift „Karstadt“ über den Häusern. Also ist es nicht mehr weit. Hier gibt es auch mehr Leute, Wartende an der Bushaltestelle, einige, die zielstrebig dahineilen, ein paar Radfahrer. Ist das alles was Saarbrücken am Morgen zu bieten hat? Nein, da gibt es tatsächlich auch erste Anzeichen des Katholikentages, für den ich eigentlich gekommen bin. Nicht weil ich katholisch bin, sondern weil ich an einem Stand eine Werbeaktion übernommen habe. Unvermittelt setzt eine Strömung ein, eine stetige Bewegung unter den Menschen, die alle auf ein Ziel zuwandern. Die Fußgängerzone tut sich auf, und ich sehe eine Reihe weißer Ausstellungszelte vor mir. Der Besuch ist mäßig, denn das Wetter hat ja nun wirklich den buchstäblichen Strich durch die Rechnung gemacht. Es tropft allenthalben von den Dächern und Rinnen, die Menschen ziehen sich ihre Jacken enger, und achten darauf, nicht in die Pfützen zu treten. Eine Ampel zwingt mich zum Absteigen. Eine ganz eigene Stimmung macht sich in mir breit. Noch versuche ich zu orten, was denn nun diese Stimmung ausmacht, und da fallen mir die Frauen auf. Die Frauen sind katholisch. Unerbittlich katholisch, wie meine Mutter. Und wie, bitteschön, ist denn die katholische Frau zu beschreiben? Zunächst mal, ob jung oder alt, sie ist pragmatisch. Saloppe Kleidung, bequemes Schuhwerk, Schmuck fast keinen, oder so dezent, dass man ihn vergessen kann, Make-up nicht vorhanden, eine praktische Handtasche für die vielen Handzettel, die hier ausgeteilt werden, ja, und auffallend oft, ein unweiblicher, robuster Kurzhaarschnitt, so als ob sich die meisten als verhinderte Nonne fühlen. Ältere Frauen haben unweigerlich ihre noch ältere Freundin dabei, und sie besprechen gründlich vor jedem Stand, „was es heute doch alles so gibt!“ Jüngere Frauen ziehen öfters mal zwei bis drei Kinder an der Hand entlang, und da trottet noch ein bärtiger Papa hinterher - vielleicht hager und weltfremd, oder beleibt und gemütlich - der das Kleine in einem Rucksack spazieren trägt. Dann gibt es noch die jungen Mädchen und Frauen. Einige bepickelt, bebrillt, oder bezahnspangt, oder auch mal hübsch und unschuldig, die langen Haare in einem Pferdeschwanz gebunden, ziehen sie in Grüppchen durch die Zeltbahnen und interessieren sich für alle Informationsmaterialien, die von gutaussehenden jungen Männern verteilt werden. Die jungen Leute bleiben sachlich, immerhin geht es um etwas Ernsthaftes, nämlich den lieben Gott und die Welt. Nun stehe ich da mit meinem Fahrrad, und betrachte das allgemeine Treiben: es macht sich eine gründliche Humorlosigkeit breit, die nicht zu vertreiben ist, obwohl die meisten Aussteller sich um Freundlichkeit bemühen. Ich spüre unvermittelt die Zwangsjacke meiner katholischen Kindheit wieder. Doch halt, da gibt es tatsächlich ein paar fröhliche Frauen, die alle anlachen. Zwar sind da wieder diese nüchternen Kurzhaarschnitte, und ungeschminkte Augen hinter Silberrandbrillen: aber die Frauen verteilen mit vergnügten Blicken Zettel über die katholische Lesbenverbände. Und gegenüber strahlen Nonnen im schwarzen Habit eine heitere Ruhe aus, so als ob sie mit dem Treiben gar nichts zu tun hätten. Da sehe ich noch zwei Franziskanermönche mit großen Handpuppen durch die Leute laufen, und schwupps, da hat mich doch tatsächlich einer mit seiner Handpuppe in die Schulter gekniffen. Ich drehe mich schnell um, und der junge Mönch wirft mir ein freches Grinsen zu. Nun habe ich mein Fahrrad an meinen Stand geschoben, und packe meine Ballons aus. Ja, ich bin von Beruf Spaßmacherin und verteile lustige Figuren aus Ballons an alle, die einen Spaß verstehen. Noch habe ich ein flaues Gefühl in der Magengrube, und frage mich ernsthaft, ob ich hier wohl richtig bin? Kaum habe ich angefangen, drängt sich eine Menschenmenge um mich, um mir zuzuschauen, und ich finde viele begeisterte Bewunderer für mein bißchen fingerfertige Kunst. Und da ist auch schon die erste Fernsehkamera, die auf meine Hände einzoomt. Wie in einer Trance verfliegen die Minuten und Stunden, ein Gesicht nach dem anderen, ein Ballon nach dem anderen, die Hände fliegen wie von selbst und ich bringe die gelegentliche Posse an, um die Leute zum Lachen zu bringen. Ihre Augen kleben an meinen Händen. Ich verteile auch noch flugs die Broschüren für das Jugenkirchen-Netzwerk aus Kuppenheim, in deren Auftrag ich hier stehe. Hinter mir läuft immer derselbe Film ab, alle zwanzig Minuten die gleiche Musik. Woher haben die am Stand nur die Nerven? Mir dringen Fetzen von religiösen Unterhaltungen vom Stand der Jugendkirchen – Tabgha aus Oberhausen ans Ohr, sie haben einen jungen gemütlichen Pfarrer mitgebracht, begehrte Stofftaschen, T-Shirts und zwei gepolsterte Sitzvorrichtungen, die mich an den Besuch beim Gynäkologen erinnern. Einige Tabgha-Jugendliche stellen sich an, um sich von mir im Ballonmodellieren unterweisen zu lassen. Schon das Aufpumpen und der Knoten scheint die erste Hürde, natürlich platzt auch gleich der erste Ballon. „Nicht aufgeben!“ rufe ich, und produziere gleichzeitig Bären, Löwen und Tiger für die wartende Menge. Die Jugendlichen sind geschickt und formen im Akkord – sinnigerweise – jeder eine Schlange mit feurigen Augen. Sssssss..... In den Atempausen beobachte ich wie sich Besucher immer wieder auf diesen Stühlen niederlassen und sich dann von freundlichen Jugendlichen den Rücken massieren lassen. Am Abend bekomme ich dann auch die Gelegenheit einen Massagestuhl und einen jugendlichen Masseur zu ergattern. „Die Schienbeine auf die Polster bitte, ruhig nach vorne lehnen“, dann lässt er schweigend seine Fingerspitzen auf meinem Rücken spazieren gehen. Ich seufze unwillkürlich auf, und lasse mich in dieses seelige Wohlgefühl fallen, das die Welt um mich herum versinken lässt. „Leider muss ich jetzt beim Aufräumen helfen“, sagt der junge Mann schüchtern. Ich stehe auf und werfe einen wehmütigen Blick auf den Massagestuhl. Wenn man in jeder katholischen Kirche den Beichtstuhl gegen so einen Massagestuhl austauschen würde, wären sämtliche Gläubige dem Himmel sehr viel näher.
Irmgard Walter, Ballonclownine www.ballonclownine.de Ballonmodellierkurse für Jugendliche: hier klicken |