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Studie, Jugendkirche, Statistik: Und früher war alles anders PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Montag, 7. April 2008
Jugendliche orientieren sich im Alltag stärker an ethischen Prinzipien als bislang angenommen. Das geht nun aus einer Befragung im Auftrag der Kirchen hervor. Aber was läuft dann da bei den christlichen Kirchen schief - denn trotz Weltjugendtag und Papst-Euphorie hat die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland dennoch eine grosse Distanz zur katholischen Kirche. Katholische Jugendverbände müssen und wollen sich an der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen orientieren.

Somit befinden sie sich im steten Wandel. Die Sinus-Studie, und nicht nur diese, ist als Startschuss für eine intensive Arbeit gedacht. Sie wurde nötig, da erste Studien nur die Einstellungen der Bundesbürger über 20 Jahre untersucht hatte. "Wir halten es aber für notwendig, auch etwas über die Einstellung der Jüngeren zu erfahren - etwa über ihre Freizeitgestaltung, ihr Medienverhalten, ihre Sehnsüchte oder ihren Umgang mit Bibel und Kirche", so Misereor-Geschäftsführer Thomas Antkowiak.
 
Nur ein kleiner Teil der Jugendlichen findet noch Zugang zur Kirche. Für die Mehrheit aller jungen Menschen sei eine Mitgliedschaft in kirchlichen Organisationen nicht mehr attraktiv. So heisst es in einer in Köln vorgestellten Untersuchung. Auftraggeber waren der Bund der Deutschen Katholischen Jugend und das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor. Danach hat die katholische Kirche zu den Trendsettern unter jungen Menschen keinen oder nur sporadischen Kontakt.

Carsten WippermannFür die Studie wertete das Heidelberger Sinus-Institut die Daten von 5.600 Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus und befragte rund 110 Personen in intensiven Interviews und mit Hilfe von Tagebüchern über Lebensstil, Mediennutzung und Werthaltungen über die Lebenswelten der neun- bis 27-Jährigen. Die "Sinus-Jugend-Studie" zeigt, dass die Mehrheit der jungen Menschen auf der Suche nach Sinn und Spiritualität ist.

Allerdings erreichen die katholische Kirche und ihre Organisationen, durch ihre Jugendarbeit lediglich ein Drittel der jungen Menschen. "Der Pragmatismus, die Technologie und Medienaffinität und das insgesamt lustvolle wie verantwortungsbewusste Leben dieser Jugendlichen stellen Erwartungen an Kirche, die sie aus jugendlicher Sicht derzeit nicht erfüllt."

Die Wirkung des Weltjugendtages sei im Alltag weithin verpufft, sagte Sinus-Studienleiter Carsten Wippermann. Kirche stehe bei Jugendlichen in Konkurrenz mit einer Vielzahl an Sinnangeboten. Jugendliche halten sich möglichst viele Optionen offen, sie sind flexibel und "docken dort an, wo es ihnen nützt". Insgesamt sind junge Menschen in Deutschland eher pragmatisch und schauen, was ihnen nützt und wo sie ihr Image gegenüber Altersgenossen verbessern könnten. "Sinus"-Studienleiter Carsten Wippermann: "Dazu komme, dass die meisten keine Vorstellung davon haben, was für sie Vorteile und Nutzen einer katholischen Jugendarbeit sein könnten."

Die Studie unterscheidet sieben Milieus, zwischen denen oftmals nahezu unüberwindliche Grenzstriche gezogen sind. Während die traditionellen Milieus nach dem Motto "Das war schon immer so" auf Bewährtes setzen, probieren junge Menschen in modernen Milieus immer wieder Neues aus. Stellen die Jugendlichen fest, dass ihnen bei Vermischung mit Jugendlichen aus anderen Milieus ein Imageschaden entsteht, ziehen sie eine scharfe Grenzlinie und verordnen sich eine Kontaktsperre. Folgende Gruppen von Jugendlichen werden benannt:
  • Traditionelle (4 Prozent Anteil)
  • Bürgerliche (14 Prozent)
  • Konsummaterialisten (11 Prozent)
  • Postmaterielle (6 Prozent)
  • Hedonisten (26 Prozent)
  • Moderne Performer (25 Prozent)
  • Experimentalisten (14 Prozent).
Dabei "ticken" Jugendliche in den Milieus höchst unterschiedlich in Bezug auf Zukunftsvorstellungen, Lebensstil, Geschmack, Musikvorlieben, Mediennutzung und Sehnsüchte. Die grösste Gruppe stellen die lustbetonten Hedonisten, die sich nichts vorschreiben lassen und Widerstand gegen die Erwachsenen zeigen. Sie wollen "echt" sein und sehen sich als unangepasste Minderheit. Mit nur einem Prozentpunkt weniger folgt die Gruppe der "Performer". Die Studie beschreibt sie als junge, ehrgeizige Leute, die sich selbst "formen und optimieren" wollen, denen Lifestyle, Design und gutes Aussehen viel bedeuten.

Dirk TänzlerLaut Studie erreichen die katholische Kirche und ihre Jugendorganisationen drei von sieben der von Sinus konstruierten jugendlichen Lebenswelten, nämlich die "traditionellen", die "bürgerlichen" und die "post-materiellen" Jugendlichen. In diesen Milieus lebt etwa ein Viertel aller Jugendlichen. Allerdings werden diese Lebenswelten laut Prognose der Sozialwissenschaftler deutlich kleiner. "Das bedeutet für Kirche und katholische Jugendverbände, dass ihnen noch mehr junge Menschen wegbrechen", so Wippermann.

Mit den von Sinus prognostizierten künftigen Leitmilieus, den dynamischen "Performern" und "Experimentalisten" mit derzeit rund 39 Prozent aller Jugendlichen, haben die katholischen Verbände und Kirche dagegen insgesamt nur sporadischen oder überhaupt keinen Kontakt. Man fände in katholischen Jugendverbänden zwar Gemeinschaft und könne sich auch in Projekten engagieren, so die Aussagen der Befragten, aber das könne man auch in anderen Organisationen: Im Umweltschutz beispielsweise könne man sich ebenfalls für eine gute Sache engagieren. Vor allem für jene Jugendliche, die keine Kindheitserfahrungen mit der Kirche gemacht haben, hat sie ein Image der relativen Langweiligkeit und Langsamkeit.

Jugendliche aus diesen wachsenden Leitmilieus zeichnen sich laut Sinus durch Pragmatismus, Technologie- und Medienaffinität sowie eine insgesamt lustvolle Lebenseinstellung aus. Dieses Lebenskonzept fänden sie in der katholischen Kirche nicht wieder.  Dirk Tänzler, BDKJ-Vorsitzender, stellt fest, dass sich Kirche an der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen orientieren müsse: "Wir haben bereits fünf regionale Informationsveranstaltungen für Fachleute organisiert, die allesamt überbucht sind. Da ist eine enorme Nachfrage und Neugierde, auch bei der Jugendkommission der Bischofskonferenz."

Die Studie sei der Startschuss für ein intensives Nachdenken über die Formen katholischer Jugendarbeit: "Wir müssen unser Image deutlich verbessern und attraktiver werden." Die kirchliche Jugendarbeit benötigten daher genügend Freiraum und müssten eine eigene Sprache entwickeln können, um die religiösen Bedürfnisse von Jugendlichen zu Wort kommen zu lassen.

Thomas AntkowiakÄnderungen sind zwar mit Hilfe der Jugendkirchen in Sicht, aber 'Gottes Mühlen mahlen langsam' - und so dürfte es einige Zeit dauern, bis sich diese jugendgerechten Bemühungen der Kirchen ins Bewusstsein der Jugendlichen eingeprägt haben, zumal sich die 'Promotion' und somit der missionarische Eifer der JuKis immer noch vielerorts sehr provinziell gibt und Jugendliche sowie Presse kaum erreicht, sich schlichtweg einer Breitenwirkung durch Eigenverschulden sowie einer gewissen Selbstverliebtheit entzieht. Es bestehen grosse Informationsdefizite.

Antkowiak: "Natürlich haben wir das Ziel, alle Milieus zu erreichen, zum Beispiel durch Jugendsozialarbeit auch die konsum-materialistischen Jugendlichen, die sonst mit Kirche und Jugendarbeit nur wenig im Sinn haben. Aber wir müssen auch auf dem Teppich bleiben und schauen, dass wir unsere Bodenhaftung nicht verlieren", und Tänzler: " Es ist wichtig, dass wir eigenständig sind, und es gilt, eine Sprache zu finden, die Jugendliche nicht abschreckt, sondern in ihren Fragen ernst nimmt."

Neben den Unterschieden zwischen den Milieus gibt es laut Studie aber auch gemeinsame Schnittstellen. So sei etwa das Internet verbindend, sagte Carsten Wippermann. Die digitale Kommunikation sei eine primäre Form von Sozialität.

Auch Tänzler verwies darauf, dass die Jugendlichen das Internet mittlerweile als wichtigste Kommunikationsform ansähen. Darauf müssten auch die Jugendverbände reagieren, ohne allerdings persönliche Begegnungen in Gruppen und bei Events zu vergessen. "Neben der Möglichkeit persönlicher Begegnung könnten wir jungen Menschen so vermitteln, dass sie gleichzeitig für sich selbst wichtige Kompetenzen und gute Erfahrungen sammeln werden", erklärte Antkowiak.

Er betonte, dass das Hilfswerk wegen seiner internationalen Vernetzung der Studie zufolge starkes Interesse und Neugier bei Jugendlichen aus den modernen Milieus wecke. "Wir können jungen Menschen zu Begegnungen zwischen Menschen aus Nord und Süd verhelfen und zeigen, dass sie dabei auch für sich selbst Kompetenzen erwerben können."

Für alle Gruppen ist die Pflege der Gemeinschaft über das Internet ein wesentlicher Faktor. Beispielsweise wird der Austausch in Internet-Communities wie "StudiVZ" als echte Form von Zusammenleben empfunden. In allen jugendlichen Milieus spielen Design und Outfit eine grosse Rolle. "Der Wertewandel rast", so Wippermann, "und in 15 Jahren werden die Jugendlichen nicht mehr so sein wie heute. Alle fünf bis zehn Jahre muss man mit einem signifikanten Wandel rechnen." Auch Tänzler unterstrich, dass die internationale Arbeit in den Jugendverbänden ein wichtiger Schwerpunkt sein müsse.

Gleichzeitig gibt es Gegenströmungen zum Internet-Hype: Die Wissenschaftler stellten einen Prozess der "Entschleunigung" und die Suche nach Ästhetik und Schönheit fest. Wo das Internet dominiere, werde beispielsweise Papier wieder interessanter, was durch den Erfolg postmoderner Magazine belegt sei.

Auch eine andere Umfrage belegt, dass Jugendliche sich eigentlich stärker an ethischen Prinzipien orientieren, als bislang von Wissenschaftlern angenommen. Bielefelder und Braunschweiger Forscher hatten im Auftrag der Kirchen 8.000 Berufsschülern befragt.

Der Begriff der Sünde spiele für die meisten jungen Leute eine grosse Rolle, so Sozialwissenschaftler Andreas Feige. Sie hielten etwa Fremdgehen oder Vertrauensmissbrauch für eine Sünde (siehe auch: ... Generation 'Benefit').

Die Mehrheit der Befragten will die eigenen Kinder zu Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Liebe erziehen, wie Feige erläuterte. Generell sei ihr Verhalten in Familie, Freundschaft und Partnerschaft stark vom Gedanken an das Gewissen geprägt. Die wichtigste Aussage der Jugendlichen laute: "Der Schutz des Sozialen ist mir heilig und das Gewissen kontrolliert mich dabei." Somit hätten junge Erwachsene ein feineres Gespür für die Alltagsethik als angenommen, hob der Forscher hervor.

Der Leiter des Pädagogischen Instituts der Evangelischen Kirche von Westfalen, Hans-Martin Lübking, betonte, "die religiöse Dimension" spiele bei den Jugendlichen stets eine wichtige Rolle, auch wenn sie "nicht in religiösen Ausdrucksformen" zur Sprache komme. Die Untersuchung gibt nach seiner Einschätzung wichtige Hinweise dafür, wie mit Jugendlichen über ethische und religiöse Fragen gesprochen werden könne.

Bei der Studie handelt es sich nach Angaben der Autoren um die bislang grösste Untersuchung zur religiösen Einstellung von Berufsschülern. Sie könne Lücken schliessen, die die Shell-Jugendstudie offen gelassen habe. Der Titel der Erhebung lautet "Lebensorientierung Jugendlicher. Alltagsethik, Moral und Religion in der Wahrnehmung von Berufsschülerinnen und -schülern in Deutschland".

Feige und Lübking stellten die Ergebnisse gemeinsam mit dem Leiter der Schulabteilung des Erzbistums Paderborn, Prälat Theo Ahrens, im Rahmen eine Fachtagung im evangelischen Bildungshaus Villigst vor. Vertreter von Kirchen, Wirtschaft, Bildungspolitik und Wissenschaft diskutierten über mögliche Konsequenzen daraus.

AM RANDE

Mädchen aus harmonischem Elternhaus pubertieren im Vergleich zu weniger behüteten Teenagern später. Eine frühe Pubertät birgt Gesundheitsrisiken in sich, die bis zu einem erhöhten Krebsrisiko der Fortpflanzungsorgane reichen. Jetzt fanden Forscher der Universitäten von Arizona und Wisconsin-Madison unter der Leitung von Bruce J. Ellis heraus, dass Mädchen dann später pubertieren, wenn ihre Eltern sie unterstützen, weniger miteinander streiten, und bei ihnen keine psychischen Erkrankungen - etwa Depression - auftreten. Das Team beobachtete 227 Kinder vom Vorschulalter bis in die Jugend. Die Studie erschien im Fachmagazin "Child Development".

SIEHE AUCH: ... wie Jugendliche ticken
 
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