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Jugendkirche - einer der Auswege aus der Misere? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Donnerstag, 27. März 2008
KirchenabrissMan kann Kirche als eine Art Gemischtwarenladen sehen. In den Gemeinden bedient sich der Christ nach Bedarf, nimmt Seelsorge, diakonische Angebote oder auch Kirchenmusik mit. Doch die Kirchen, ob evangelisch oder katholisch, müssen umdenken, schliesslich sinkt seit Jahren die Zahl der Mitglieder und damit das Kirchensteueraufkommen. Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, will daher weg vom Gemischtwarenladen Kirche und wünscht, dass Gemeinden sich je nach der eigenen Stärke neu und vor allem effektiver aufstellen.

"Nicht jeder macht den ganzen Katalog", so Buss, und ganz ähnliche Überlegungen gibt es in der katholischen Kirche, die auch noch eine zusätzliche Sorge quält: der Priestermangel. "Nicht jede Gemeinde muss das gesamte pastorale Angebot vorhalten", sagt der Leiter der Hauptabteilung Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn, Karl Josef Tielke. "Der Pfarrermangel spielt dabei eine erhebliche Rolle."
 
Was ist also zu tun? Sich abzuschotten und eine "kleine katholische Welt schaffen", das ist für Tielke keine Lösung. "Wir müssen uns darauf einrichten, präsenter zu werden", sagte er.
 
Gleichzeitig mahnt er einen realistischen Umgang mit den eigenen Ressourcen an: "Die sind nicht endlos dehnbar." Das Erzbistum Paderborn setzt auf Pastoralverbünde, in denen Gemeinden mit ihren Nachbargemeinden beispielsweise in der Jugendarbeit kooperieren.

Die Umsetzung sei in einem "frühen Stadium", sagt Tielke. Erst 2010 oder 2011 solle geklärt werden, wie weit die Verbünde gediehen sind. Immer wieder fällt es Gemeinden schwer, aus eingefahrenen Mustern herauszufinden. Doch es hilft alles nichts: "Wir verlieren 14 000 bis 15 000 Katholiken pro Jahr, das wird sich in den nächsten Jahren nicht umkehren." Gleichzeitig gehen die Einnahmen nach unten.

Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz sind die verschiedenen Diözesen unterschiedlich weit bei der Umsetzung der Pastoralverbünde. Der Zeitplan reiche häufig bis ins nächste Jahrzehnt. Doch all dies findet auch Gegner: Kürzlich erst kam scharfe Kritik aus dem Aktionsbündnis "Kirche vor Ort" an der geplanten Zusammenlegung von 125 zu 45 Pfarren im Bistum Aachen. Das Bündnis sprach von einem "Handstreich" ohne vorheriges Gespräch mit den Betroffenen. Bischof Heinrich Mussinghoff hält die Fusion dagegen für unvermeidlich.

Auch die Evangelische Kirche von Westfalen hat Mitglieder verloren - in den vergangenen 30 Jahren sank deren Zahl von 3,6 auf 2,6 Millionen Menschen. Dazu kommt, dass die Gemeindezugehörigkeit für den Kirchenbesuch nicht mehr allein entscheidend sei, erklärt Buß. Sondern die Menschen suchten nach der Gemeinde, die ihren "Lebensstil abbildet", beispielsweise eine "Jugendkirche mit Jazzmatinée" oder eine Kirche mit Nähe zu Schulthemen.

Also sollen die Gemeinden sich ihrer Stärken bewusstwerden und entsprechende Schwerpunkte bilden. "Wer hat welche Stärken, damit nicht alle alles machen?", fragt Buß. Gemeinden mit besonderen Stärken etwa in der Jugendarbeit oder mit Gesprächskreiskultur wirkten dann über die eigenen Grenzen hinaus. "Die sich daran begeben, merken schnell, das ist das Hilfreichste, was sie tun können."

Fast "geräuschlos" auf den Weg gemacht hat sich die Anfang 2006 die aus drei Einzelgemeinden entstandene evangelische Emmausgemeinde in Bielefeld. Schwerpunkt der Fusionsgemeinde sei die Kindergartenarbeit, sagt Pfarrer Berthold Schneider. "Wir können auf Dauer nicht alles durchhalten." Bei einem Anteil der über 70-Jährigen von 27 Prozent könne zwar die Seniorenarbeit nicht aufgegeben werden, aber dafür seien Ehrenamtliche im Einsatz. Von der Konzentration profitiere die Gemeinde, der Pfarrer müsse nicht länger ein "Allrounder" sein. Allerdings wollten die Menschen, dass nicht zu viel aufgegeben werde, sagt die Gemeindebevollmächtigte Brigitte Drewitz. "Die Menschen benötigen auch weiterhin Seelsorge."

Als schwierige Zielgruppe gelten Jugendliche!

Pastor Herbert Bittis kümmert sich um die katholische Bielefelder Jugendkirche, die keine feste Kirche hat, sondern Jugendliche zu Gottesdiensten an ungewöhnlichen Orten - sei es in einer Strassenbahnhalle oder beim Autohändler - einlädt. "Jugendliche brauchen Sozialisation vor Ort", sagt der Vikar der katholischen Liebfrauengemeinde in Jöllenbeck, "aber das geschieht hier oft nicht und das haben wir uns deshalb mit zum Auftrag gemacht."

Er ist der Lenker und Leiter hinter dem Projekt "Jugendkirche Bielefeld", das das Dekanat der Katholischen Kirche ins Leben gerufen hat. Momentan wird etwa alle sechs Wochen ein "Gottesdienst an kultigen Orten" gefeiert. "Dabei sind es nicht die Orte, die kultig sind, sondern sie werden dadurch kultig, dass wir dort Gottesdienst feiern", sagt Bittis.

So feierte er schon mit 120 Jugendlichen in einem Bestattungsinstitut unter dem Motto: "Niemals geht man so ganz." Aber es sind nicht immer so viele junge Menschen anwesend. "Manchmal sind es 30 und manchmal 150 Jugendliche die kommen", erzählt Pastor Bittis. Die Orte jedoch sind immer unterschiedlich. Ein Mal feierte die junge Gemeinde in einem Maisfeld-Labyrinth, ein anderes Mal wurde die Stadtbahnwerkstatt in ein Gotteshaus umfunktioniert.

Dabei wirken manche Themen aus christlicher Betrachtungsweise fast schon experimentell, so auch ein Gottesdienst für Verliebte. Ob junge Leute dabei sind, die sonst nicht kommen würden, kann er aber nicht mit Bestimmtheit sagen.

Aus Jux wurde sogar eine Kontaktanzeige für Herbert Bittis in der Kirche aufgehängt: "Er, 47, mit Tränensäcken, sucht verständnisvolle Sie mit Lachfalten."
 
 
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