 Gehen sie zu Ostern in ihre Kirche? Prägen sie sich den Festgottesdienst gut ein, es könnte der letzte in ihrer Gemeinde gewesen sein. Laut einer Immobilienstudie der Dresdner Bank sind 35 der 144 Evangelischen Kirchen Hamburgs von Abriss bedroht und auch die katholischen Gotteshäuser bleiben davon nicht verschont. Die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) hat an die Nordelbische Kirche appelliert, alle Anstrengungen zu unternehmen, auch die modernen Kirchen der Nachkriegszeit zu erhalten: "Jeder Abriss ist eine Kapitulation unserer christlichen Gesellschaft". Wegen ihrer hohen architektonischen Qualität und des identitätsstiftenden Charakters seien kirchliche Bauwerke unentbehrlich.
Prof. Dr. Karin von Welck hat sich entschieden gegen den Abriss von Kirchen ausgesprochen. Allerdings: Ausufernde Renovierungskosten (Bundesweit sechs Milliarden Euro!), die rückläufige Zahl von Kirchenmitgliedern und rasant steigende Betriebskosten zwingen die Kirchen, sich von vielen Gotteshäusern zu trennen. In den nächsten Jahren geht die Deutsche Bischofskonferenz bundesweit von 700 Kirchenschliessungen aus. Und Hamburg? Hier war bisher nur von zehn gefährdeten Kirchen die Rede, beispielsweise der Barmbeker Bugenhagenkiche oder der Heiligengeistkirche. Die Nordelbische Kirche dementierte weitergehende Planungen. Aber aus Hamburger Behördenkreisen wurde von der Existenz einer Liste mit 35 akut gefährdeten Kirchen berichtet. So gibt es bereits eine Arbeitsgruppe vor allem aus Mitarbeitern von Kultur-, Finanz- und Stadtentwicklungsbehörde und den Kirchen. Ziel: Überlegen, wie Hamburg mit den frei werdenden Arealen und verlassenen Gotteshäusern im Stadtbild umgehen will. Abriss soll immer nur der allerletzte Schritt sein. Doch vor allem die in den 50er Jahren errichteten Sakralbauten haben erhebliche Baumängel. Kein Investor würde hier Geld reinstecken. Wenn die Kirche für diese Grundstücke gutes Geld erzielen will, geht das nur mit Abrissgenehmigung. Einen ungewöhnlichen Weg, Abbruch zu verhindern, gingen 180 Gemeindemitglieder der Rahlstedter Dankeskirche. Sie bringen jährlich 21500 Euro auf, betreiben ihr Gottshaus in Eigenregie.  Der "identitätsstiftende und spirituelle Charakter" dieser Bauwerke müsse Vorrang haben vor allen ökonomischen Erwägungen, und "die hohe architektonische Qualität dieser Gebäude ist für Hamburg unentbehrlich", so Welck bereits im Oktober letzten Jahres bei der Präsentation der Ausstellung "Baukunst von morgen - Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit". Angesichts sinkender Kirchenmitgliedszahlen und fehlendem Geld seien jedoch alle Bürger aufgerufen, in den Dialog über die Zukunft der Kirchgebäude einzutreten. "Bevor ein Gotteshaus abgerissen wird, würde ich es lieber als Moschee an eine islamische Gemeinde abgeben", legte die neue Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) ihre Position in dieser Frage dar. Ihr Vorgänger, Sachsen-Anhalts früherer Ministerpräsident Reinhard Höppner, hatte sein Präsidialamt am letzten Sonntag im Februar bei der Kirchentags-Präsidialversammlung in Würzburg an von Welck übergeben, teilte der DEKT mit. Der Vorsitzende der nordelbischen Kirchenleitung, Bischof Hans Christian Knuth (Schleswig), hat sich allerdings dagegen gewandt, vom Abriss bedrohte Kirchen lieber als Moscheen zu erhalten: "Die Umwidmung einer Kirche und ihr Verkauf an einen nichtkirchlichen oder nichtchristlichen Interessenten birgt die größten Schwierigkeiten bei der weiteren Nutzung des Gebäudes", erklärte der Bischof laut einer Mitteilung des Kirchenamtes in Kiel.
Gerade beim Verkauf an nichtchristliche religiöse Gemeinschaften führe die Verquickung von Symbolwert und Gebrauchswert des Gebäudes zu Irritationen in der Öffentlichkeit. Der äussere Symbolwert sei noch mit der christlichen Kirche verbunden, im Inneren werde aber ein anderer Gott verehrt. Dies könne den Eindruck einer beliebigen Austauschbarkeit im Religiösen vermitteln. Bei aller Bereitschaft zum Dialog und zur Koexistenz dürfe es nicht zu einer Religionsvermischung kommen.
"Ab mit dem Kopf"
Zehn weitere evangelisch-lutherische Kirchen sind in den vergangenen Jahren geschlossen worden, wobei eine neue Nutzung vorgesehen oder realisiert ist. Die Gnadenkirche (Karolinenviertel) ist von der russisch-orthodoxen Kirche und die Simeonkirche (Hamm) von der  griechisch-orthodoxen Kirche übernommen worden. Andere Gotteshäuser wurden mit einer überraschend grossen Resonanz in eine "Jugendkirche" umfunktioniert (wir berichteten: JuKi auf der Zielgeraden). Alternative Nutzungsmöglichkeiten hält die Kultursenatorin vernünftigerweise für längst noch nicht ausgeschöpft, vor allem im kulturellen Bereich. Der Staat müsse der Kirche auch entgegenkommen, plädierte von Welck. Etwa mit mehr Rechten zur finanziellen Nutzung staatlicher Grundstücke, die bislang ausschliesslich Kirchbauten vorbehalten waren. Als Beispiel nannte sie die Bugenhagenkirche in Barmbek, die für Theaterproben und -aufführungen genutzt werde. Auch für Orchester und Musikgruppen aller Art böten sich Kirchenräume an. Nutzungen als Diskothek hingegen findet die Kultursenatorin "entsetzlich".
"Mein Haus soll ein Bethaus heissen, ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus"(Matthäus 21,12-13)
 Auch andernorts sind Pläne für Nutzungsänderungen angedacht, die bei der Bevölkerung mit Unverständnis und Ratlosigkeit zur Kenntnis genommen werden. Wenn z.B. ein Bischof kommt, der in Cuxhaven zwei Kirchen schliessen will, muss er sich der Diskussion vor Ort stellen. Dies tat dann auch Norbert Trelle vom katholischen Bistum Hildesheim am Sonntag im voll besetzten Gemeindesaal St. Marien. 80 der 438 Kirchen sollen im Bistum dicht gemacht werden, mit "Herz-Jesu" und der Kapelle "St. Willehad" stehen zwei heimische Objekte zur Disposition. Und gerade der Gedanke, dass die älteste katholische Kirche Cuxhavens, "unsere so geliebte Herz-Jesu" ihre Pforten schliessen soll, scheint unerträglich. Bischof Trelle, ein bekennender Freund der Nordsee (wie er selbst von sich sagt), hatte sich kürzlich bei einem heimlichen Privatabstecher nach Cuxhaven die frische Luft um die Nase wehen lassen und diesen "anziehenden neugotischen Bau mit historischer Bedeutung und bester Küstenlage" bewundert. Dennoch kann er die Herz-Jesu-Kirche nicht so einfach von der roten Liste streichen. 13 Millionen Euro muss man jährlich für die Unterhaltung von Immobilien aufbringen, 5,4 Millionen hat man aber nur. "Es fallen leider keine Sterntaler vom Himmel", so das Bistumsoberhaupt. "Auch Touristen sind Christen", wiesen einige Gemeindemitglieder auf die grosse Resonanz, die die heutige Filialkirche "Herz-Jesu" insbesondere bei Urlaubern findet und damit ihrem missionarischen Auftrag gerecht wird. "Unsere Kirche darf kein Lidl-Markt und keine Moschee werden", rief man Bischof Trelle besorgt zu. "Könnte man nicht mit einem Förderkreis die Kirche autark am Leben erhalten?" Bischof Trelle betonte, dass es sich bei allen düsteren Plänen nur um eine "Verwaltungsvorlage zum Nachdenken handelt". Auch käme im Fall der Fälle kein Bagger zum Abriss oder eine völlig absurde Nutzung in Frage. Dem vorgetragenen Gedanken, statt "Herz-Jesu" ("sie strahlt mehr Wärme aus") die ("eher kühl wirkende") St. Marienkirche zu schliessen, konnte und wollte Norbert Trelle nicht folgen. "Die Umfunktionierung in eine Jugendkirche, Sponsoring oder Privatinitiativen kann ich mir für die denkmalgeschützte Herz-Jesu-Kirche da schon eher vorstellen." Bischof Norbert Trelle war sichtlich beeindruckt vom Kampfeswillen der Cuxhavener Katholiken um ihre ehemalige Garnisonskirche. "Nehmen Sie unsere Sorgen mit nach Hildesheim", gab Gemeinderatsvorsitzender Hönick seinem Bischof mit auf den Heimweg.
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