
Es ist ein religiöses Experiment. Zum ersten Mal in Thüringen öffnete in Mühlhausen eine Jugendkirche ihre Pforten. Die Gottesdienste sind zunächst auf Langschläfer abgestimmt: Immer am ersten Sonntag im Monat, zu einer der Jugendlichen entgegenkommenden Uhrzeit, 17 Uhr, verwandelt sich die Martinikirche seit November in einen Gottesdienstraum der besonderen Art: Bunte Tücher geben ein warmes Flair, Band statt Orgel begrüsst die Besucher und Scheinwerfer ersetzen die herkömmliche Beleuchtung, sind dennoch gezielt auf das Kreuz über dem Altar gerichtet.
Etwa 15 Jugendliche bilden momentan den Trägerkreis, der von den hauptamtlichen Gemeindereferenten Ingrid Walter und Micha Hofmann begleitet wird. Vorerst sei pro Monat ein Gottesdienst geplant, sagte Teja Begrich. Dass die Jugendlichen dabei ihre eigene Religiosität verwirklichen, finde er grossartig: "Sie fühlen sich nun mal in den einfachen liturgischen Gottesdiensten nicht so zu Hause", das sei doch verständlich.
Genau das mache Jugendkirche aus, erläuterten jetzt Ingrid Walther und Micha Hofmann, die Verantwortlichen für die Jugendarbeit im Kirchenkreis, bei einer Gemeindeversammlung in St. Martini: Jugendliche gestalten Gottesdienste nach ihren Bedürfnissen, die Elemente bleiben dabei komplett erhalten. Die Predigt soll nicht so lang ausfallen. Mit einem richtigen Abendmahl könne aber dieser Gottesdienst nicht versehen werden. Die theologischen Vorschriften liessen zum Beispiel die Konfirmanden nicht zu.
Im Unterschied zu einer Jungen Gemeinde sei diese Kirche nicht an Gemeindegrenzen oder gar das Wohnortprinzip gebunden, stellte Superintendent Andreas Piontek fest. Ansprechen wolle man junge Menschen ab 15 Jahre. Die Obergrenze sei fliessend, sollte aber 25 Jahre nicht überschreiten. Inhaltlich stelle die evangelische Jugendkirche für die Jugendlichen "ein Stück Beheimatung" dar.
Eingebunden ist dieses Projekt in den Mühlhäuser Jugendkonvent. Ob man der Jugendkirche auch eine Stimme in der Kreissynode einräumt, das kann sich Superintendent Andreas Piontek derzeit noch nicht vorstellen. Allerdings räumt er ein: "Als Kirchenkreis nehmen wir die Initiative sehr ernst."
Auch das MDR-Fernsehen war an dieser Art Kirche interessiert. So drehten Redakteur Daniel Baumbach und Kameramann Siegfried Umbreit einen Beitrag für das " Thüringen-Journal", der Ende letzten Jahres gesendet wurde.
Nach rund drei Monaten Jugendkirche 
zogen jetzt Jugendliche gemeinsam mit der traditionellen Gemeinde Zwischenbilanz. Die zeigte sich sehr offen für die Ideen, aber auch Bedenken und Unsicherheit über die Zukunft von St. Martini wurden deutlich.
Verständnis dafür, dass Jugendliche eine eigene Heimat in der Kirche bekommen sollen, zeigten die anwesenden Gemeindeglieder von St. Martini und zeigten sich sehr aufgeschlossen für die Ideen. Bis zu 70 Jugendliche kamen bisher regelmässig, längst nicht nur aus Mühlhausen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich die jungen Leute sehr ernsthaft mit ihrem Glauben auseinandersetzen", schilderte Micha Hofmann.
Dennoch kamen auch Ängste zum Vorschein, nämlich, dass die Jugendkirche die traditionelle Gemeinde aus St. Martini, wo das Projekt erstmals in Thüringen überhaupt ein Zuhause bekommen hat, vertreiben könnte.
Denn: Die Bauanträge für ein Gemeindezentrum neben St. Georgi, dem zweiten Gotteshaus im Kirchspiel, sind unterschrieben. Wenn alles klappt soll Ostern 2009 Einweihung gefeiert werden. Schritt für Schritt können die jungen Leute dann die Martinikirche in Besitz nehmen. Der finanzielle Aufwand dürfte zunächst gering sein, vermutet Teja Begrich. Scheinwerfer und eine Musikanlage für die Band wurden gekauft. Wie der Kirchenraum ausgestaltet werden soll, steht indes noch nicht fest.
Im Gegenzug befürchtete die Gemeinde, dass sie St. Martini dann komplett räumen müssen. Diese Vorstellung schaffte Pfarrer Marc Pokoj nun aus der Welt: In der derzeitigen Form laufe die Jugendkirche vorerst ein Jahr, um sich zu entwickeln. Wie es dann weitergeht, ist noch völlig offen. Und selbst wenn St. Martini Unterkunft bleibt, geschehe das nicht, ohne die Gemeinde einzubeziehen - und die sei ohnehin ausdrücklich, wie überhaupt alle Altersgruppen, herzlich zu den Gottesdiensten eingeladen (siehe hierzu auch:
Jugendkirche Martini generationsübergreifend).
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