Egal ob durch die Presse, in der Schule oder über die Lektüre von Fachbüchern - es gibt viele Wege, sich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinander zu setzen. Niemand kann die Realität des Hitler-Regimes allerdings so klar und eindrucksvoll schildern, wie die Zeitzeugen der Diktatur.
Werner Kaltefleiter, von 1962 bis 2003 ZDF-Redakteur, hatte im Raum zwischen Rhein, Main und Lahn Interviews mit Menschen geführt, die als Kinder oder Jugendliche die zwölfjährige NS-Diktatur erlebt hatten - einige davon als Verfolgte.
In der Jugendkirche KANA stellte er jetzt die Ergebnisse seiner Interviews in einer Kooperationsveranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung Wiesbaden und Rheingau, der Evangelischen Erwachsenenbildung Wiesbaden und der Volkshochschule Wiesbaden vor, berichtete über Erlebnisse und persönliche Schicksale seiner Gesprächspartner. "Worüber durfte man mit wem sprechen? "Wie fühlte es sich an, wenn Freunde oder Nachbarn plötzlich verschwanden?" und "Was bedeutete das, Kindheit im Krieg?"
Das sind nur einige der Fragen, die an diesem Abend ab 19.30 Uhr in der Wiesbadener Jugendkirche, in der Platter Strasse 5, im Mittelpunkt standen. Die persönlichen Berichte veranschaulichten die Lebensumstände der NS-Zeit und machten sie für die Zuhörer greifbarer als theoretische Informationen allein. "Wie fühlte es sich an, wenn Freunde oder Nachbarn plötzlich verschwanden?" und "Was bedeutete das, Kindheit im Krieg?"
Zum Abschluss der Wiesbadener Erinnerungstage wählte er gezielt das Werkstattgespräch in intimem Kreis in der Kana-Jugendkirche. "Mit welchem Empfinden haben die Kinder von damals ihre Zeit erlebt?" Diese Frage war es, die den früheren ZDF-Redakteur dazu antrieb, sich auf die Suche nach Zeitzeugen aus der Region zu begeben.
"Mir war es wichtig zu erfahren, wie Menschen denken", berichtet der Journalist über die Motive seiner Recherche. Anstoss für die Interviews war auch sein Wunsch, seinen eigenen Kindern die Zeit des Nationalsozialismus verständlich und anschaulich zu vermitteln.
Werner Kaltefleiter hat sich nach eigenen Worten schwer damit getan, über seine Arbeit zu berichten. Nicht, weil es ihm unangenehm wäre, über die Sichten von Kindern zu Zeiten der nationalsozialistischen Diktatur zu sprechen. Aber noch weiss er nicht, welche Vermittlungsform diesen Rückblicken angemessen ist.
Es ärgert ihn, wie unsensibel heute oft mit diesem Teil der Geschichte umgegangen wird. Er spricht die jahrzehntelange Verwahrlosung der Rampe am Schlachthof an, von wo aus über tausend Juden deportiert wurden. Im hessischen Wahlkampf sind ihm nicht nur Parolen wie "Keine Minarette" negativ aufgefallen, die ihn an die antijüdische Propaganda der Nazis erinnerte. "Und wie kann ich in einer Stadt über die Opfer des Nationalsozialismus sprechen, in der eine Schule nach einem Antisemiten benannt ist?", fragt er mit Blick auf die Nauroder Rudolf-Dietz-Schule.
Die Arbeit mit Zeitzeugen ist heute nicht mehr so einfach, so die Erfahrung von Kaltefleiter. Oft überlagern sich tatsächliche Erinnerungen mit Fremdberichten oder Fotos. Wichtig ist ihm aber, die unterschiedlichen Wahrnehmungen jüdischer und christlicher Kinder zu dieser Zeit zu dokumentieren.
Die Publikation wird allerdings noch eine Weile auf sich warten lassen. In seinen Protokollen gibt es nicht nur Schwarz und Weiss nachzulesen. "Es gab auch Familien, die lange Zeit zu ihren jüdischen Nachbarn standen", hat er erfahren. "Es ist wichtig zu wissen, dass die Deutschen nicht unisono ein Hurra-Volk waren."
Ausschnitte aus den Gesprächen lieferten einen kleinen Einblick in seine Arbeit. So erinnert sich eine Frau noch ganz genau daran, wie ein Drogerie-Geschäft in der Wilhelmstrasse, das im Besitz von Juden war, geplündert wurde. Der Geruch ist ihr noch heute in Erinnerung. "Der Teppich aus der Synagoge liegt jetzt in unserer Küche", hat eine andere nach der Pogromnacht, die auch in Schierstein stattgefunden hat, gehört.
Dazu kommen Erinnerungen von jüdischen und nicht-jüdischen Kindern und an Armut und Not - an die Bombenangriffe und Väter an der Front. Freundschaften wurden über Nacht auseinander gerissen. Manchmal fehlte plötzlich die Freundin. Eines Tages rief eine Mutter ihr Kind zum Essen rein und fügte hinzu "...und spiel nicht mehr mit dem Judenbub!"
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Kontakt:Werner Kaltefleiter, war von 1962 bis 2003 Redakteur des ZDF in Mainz, davon gut 30 Jahre Mitglied der Redaktion Kirche und Leben (kath.)
In diesen Jahrzehnten hat er sich insbesondere auf die Geschichte der Kirche spezialisiert, auf Fragen, die das Papsttum, die vatikanische Diplomatie und vor allem den Pontifikat von Johannes Paul II. betreffen. Der Autor hatte Gelegenheit, den Papst auf zahlreichen Pastoralreisen in viele Länder der Erde zu begleiten. Er konnte Johannes Paul II., dem er zum ersten Mal begegnete, als dieser noch Erzbischof von Krakau war, verschiedene Male interviewen.
Nach seinem Ausscheiden aus dem ZDF aus Altersgründen beschäftigt sich Kaltefleiter als Publizist weiter mit kirchlichen Themen. Im September 2006 konnte der Autor die Pastoralreise von Papst Benedikt XVI. begleiten. Er hat seine Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten.