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Jugendkirchen: Die Netzwerker tanzen ab / MOC ersetzt den Gottesdienst PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
Donnerstag, 19. Mai 2005

Die Netzwerker tanzen ab 

In Aktion: Die Musicalprobe bei Tabgha erinnert nicht an eine Messe. Foto: KNAEin Mix aus Besinnung und Spektakel für Aktive und Skeptiker: Der Versuch des Brückenschlags zwischen Alltag und Eventkultur hat wachsenden Erfolg.

 

"You are holy, holy – Lord of heaven and earth...“ – lautstark erklingt der Lobpreis Gottes, die 70 Besucherinnen und Besucher singen mit, bewegen sich zur Musik der Band. Samstagabend im „Tragwerk“, der Jugendkirche in der Christusgemeinde an der Landsberger Allee im Osten Berlins: Seit sieben Jahren treffen sich Woche für Woche junge Frauen und Männer im Zentrum der evangelischen Freikirche, um auf ihre Weise Gottesdienst zu feiern.

 

Der 22-jährige Thomas Bliese gehört zum „Ältestenkreis“ der Jugendkirche: „Wir gestalten und leiten den Gottesdienst komplett selbst – von der Moderation über die Musik bis hin zur Verkündigung und Austeilung des Abendmahls“. Pastor Helmut Saß amtiert als theologischer Berater der Jugendkirche und übernimmt gelegentlich die Predigt. Dass ihre Altersgenossen weitgehend den Ton angeben, gefällt den jungen Gästen. Felix aus der 13.Klasse („Meine Eltern sind absolute Atheisten“) kommt seit zwei Jahren regelmäßig, um die Gemeinschaft mit Gott und mit Gleichaltrigen zu suchen. Die 23-jährige Apothekenhelferin Ines aus Köpenick ist in einem christlichen Elternhaus groß geworden. Jahrelang habe sie keine Gemeinde besucht und hier ein „neues Zuhause“ gefunden.

 

„Ich will nicht ins Paradies“

 

Angefangen hatte alles mit gelegentlichen Party-Gottesdiensten im Gemeindesaal. Doch die wirkten irgendwie nachgemacht – „so waren wir nicht“, blickt Pastor Saß zurück. Hinzu kam: „Die Jugendlichen ließen sich kaum in den ,normalen’ Gottesdienst am Sonntag integrieren – der Kultursprung war einfach zu groß.“ Anstatt die Formen des Gottesdienstes von der Elterngeneration bestimmen zu lassen, wollten die Kids vom Kiez lieber selbst kreativ werden. Es fiel der Entschluss, „mit unseren Werten eine authentische Jugendkultur zu gestalten“, so Saß.

 

Der Pastor ist sich im Klaren, dass Tragwerk trotz seiner „Echtheit“ nicht wirklich Zugang zur großen Masse der atheistisch geprägten Jugendlichen finden kann: „Man gewinnt immer die Leute, die so ähnlich sind wie man selbst.“ Tragwerk leistet außerdem einen Beitrag zum Gehalt des Pastors.

 

Dass Kirche mit der Lebenskultur vieler junger Menschen nur noch wenig zu tun hat, beobachtet nicht nur die Freikirche im atheistisch geprägten Osten Berlins. Es reicht eben nicht aus, Gottesdienste mit ein paar neuen Liedern anzureichern oder zweimal im Jahr eine Jugendmesse anzubieten. Die Konsequenz: Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen schießen Jugendkirchen wie Pilze aus dem Boden.

 

„Jugendkirchen sind mittlerweile kein Experiment mehr, sondern zu einem innovativen, leistungsfähigen Modell geworden“, heißt es unisono bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) und der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj). Der evangelische Theologieprofessor Ulrich Schwab von der Universität München hält Jugendkirchen für „das derzeit spannendste Projekt“ in der konfessionellen Jugendarbeit. „Sie sind der Versuch, neben der traditionellen Territorialgemeinde (Parochie) eine Netzwerkgemeinde aufzubauen.“

 

200 Aktive – unter ihnen auch Thomas Bliese vom Tragwerk – treffen sich kommende Woche in der katholischen Jugendkirche Tabgha in Oberhausen, um Konzepte und Erfahrungen auszutauschen und ein bundesweites ökumenisches Netzwerk zu gründen. Tabgha (benannt nach dem biblischen Ort der wundersamen Brotvermehrung) ist seit fast fünf Jahren Vorbild und Ideengeberin für zahlreiche Jugendkirchen-Projekte. „Wir erreichen mit unseren herkömmlichen Angeboten nur 15 Prozent der Jugendlichen“, erkannte Oliver Heck, Leiter des Katholischen Jugendamtes in Oberhausen. „Wenn uns an den übrigen etwas liegt, müssen wir unsere Angebote verändern“, folgerte er und entwickelte mit Pfarrer Bernd Wolharn das Konzept von Tabgha: eine ausgewogene Mischung aus Event und Alltag, aus Besinnung und Spektakel.

 

Wenn die Pfarrgemeinde Christ-König sich zur Sonntagsmesse in Tabgha versammelt, muss sie nicht nur damit leben, auf blauen, roten, gelben oder grünen Stühlen zu sitzen und die Zehn Gebote in der künstlerischen Interpretation jugendlicher Graffiti-Künstler zu sehen. Es könnte auch sein, dass Klettergerüste oder „Halfpipes“ zur Raumausstattung gehören: Mit spektakulären Aktionen wie dem Skater-Event „Halfpipe to Heaven“ oder Klettern in der zehn Meter hohen Hallenkirche machte Tabgha von sich reden – Hunderte Jugendliche setzten erstmals seit langem wieder ihre Füße über die Schwelle eines Sakralraumes.

 

Sonntags abends in Tabgha – an die 70 junge Leute sind zur wöchentlichen „CU“-Jugendmesse gekommen. Aus dem abgedunkelten Raum leuchtet das Kruzifix – die Besucher begrüßen einander herzlich, die meisten scheinen sich zu kennen. Die „Toten Hosen“ dröhnen aus den Boxen: „Ich will nicht ins Paradies, weil der Weg dorthin so schwierig ist“. Pfarrer Wolharn leitet über zu den biblischen Seligpreisungen und zum Gespräch in Kleingruppen.

 

In die Jugendmessen strömen vor allem junge Frauen und Männer, die in ihren Pfarrgemeinden oder Jugendverbänden aktiv sind. „Die Distanzierten kommen speziell zu den Events. Es ist schwer, sie auf Dauer zu gewinnen“, meint Julia Scheler, eine der „Engagierten“. Obwohl immer wieder mal einzelne Event-Besucher auch in der Jugendmesse auftauchen, sieht Daniel den eigentlichen Wert der Jugendkirche darin, dass von der Kirche enttäuschte Aktive nicht verloren gehen. Konsequenz: „Nur Tabgha geht nicht. Der Glaube muss auch konzentriert in Kinder- und Jugendgruppen weitergegeben werden.“

 

Jugendkirchen erreichten in erster Linie kirchlich-religiös interessierte Jugendliche, die sich eine verbindlichere Form des Glaubens wünschten, betont Schwab. „Sie sind aber kein Konzept für alle Jugendlichen. Man kann und braucht nicht die gesamte Jugendarbeit umstellen.“ Auch für Michael Freitag von der aej ist klar, dass die Jugendgruppen und –projekte in den Gemeinden wie bisher gefördert werden. Andererseits böten Jugendkirchen den Jugendlichen einen zentralen spirituellen Ort. Ulrich Schwab sieht den Reiz der Jugendkirchen in der „größeren Gestaltungsfreiheit“. Ängste der Ortsgemeinden, dass die Jugendkirchen die Ehrenamtlichen abziehen könnten, seien unbegründet.

 

Pinkfarbener Taufstein

 

Christian Scharnberg von der katholischen Arbeitsstelle für Jugendseelsorge bewertet die Jugendkirchen als Ergänzung. „Jugendliche finden hier ihre Erfahrungen wieder, ihre Musik, Dinge, mit denen sie sich umgeben, Aktionen, die sie gerne machen.“ Für Scharnberg wirkt Tabgha in erster Linie als Impulsgeberin für die klassische Jugendarbeit. Sollte die aber aus finanziellen Gründen eines Tages nicht aufrechtzuerhalten sein, sei die Jugendkirche mit ihrer bistumsweiten Ausstrahlung auch ein Stück „Zukunftssicherung“. In Chemnitz haben bereits mehrere evangelische Gemeinden ihre Jugendarbeit an die Jugendkirche St. Johannis delegiert.

 

Auf den von Jugendlichen selbst gestalteten „spirituellen Raum“ setzt auch das Konzept der evangelischen Jugendkirche Hannover, die vor einem Jahr in der Lutherkirche an den Start ging. Freitags abends ist hier „Chill Lounge“, ein offenes Angebot: Im gläsernen „Café Kubus“ bietet die 18-jährige Aileen zusammen mit Kulturpädagogin Steffi Krapf Kaffee und „coole Cocktails“ an. Der Glaskasten öffnet den Blick in den Kirchraum, der von der Scheinwerferanlage in pink, blaues, grünes oder violettes Licht getaucht wird. Der Altar mit dem Abendmahlsrelief, der Taufstein und die Kanzel sind auf Wunsch der Jugendlichen geblieben, aber Kirchenbänke gibt es hier nicht mehr – stattdessen viel freie Fläche zum Tanzen, Träumen oder Meditieren. Liegestühle oder rote Sitzkissen sind um Arrangements aus flackernden Kerzen und Teelichtern gruppiert, vorne legt Alex softe Pop- oder Soulmusik auf. Den Abiturienten, der Kirche gegenüber bislang eher skeptisch eingestellt, zieht vor allem „das ganze Flair“ an.

 

Ab und zu schlendern ein oder zwei Leute in die Lutherkirche, verweilen kurz, staunen und gehen wieder. An diesem lauschigen Spätsommerabend ist es außerhalb der Kirchenmauern auch ganz schön. „Da sitzen jetzt meine Leute“, sagt Aileen und meint die Jugendlichen aus der Luthergemeinde, in der sie schon lange ehrenamtlich mitarbeitet. „Ich hab die Bewerbung als Jugendkirche mit auf den Weg gebracht“, erzählt sie. Doch mit dem, was hier „abgeht“, ist sie noch nicht zufrieden. „Es fehlt das gewisse Etwas, der Reiz, hier zu bleiben.“ Vor allem die offenen Angebote, außer der „Chill Lounge“ auch das nachmittägliche Schülercafé, werden bislang nur von wenigen angenommen. Große Events wie das Konzert der christlichen Band „Allee der Kosmonauten“ ziehen dagegen bis zu 300 Gäste in die Jugendkirche – und der Kirchentag in Hannover brachte tagelang ein volles Gotteshaus bei Bibelarbeiten, Lesungen, Konzerten oder Party.

 

Solche Großveranstaltungen sind wichtig, damit die Jugendkirche in der Stadt bekannter wird. „Die Konfirmanden kommen zum Teil als einzelne Gäste wieder, manche Gruppen oder Klassen besuchen dann auch den Jugendgottesdienst“, berichtet Jugendpastor Torsten Pappert. Der findet jeden Sonntagabend statt und wird wechselweise vom Mitarbeiterteam der Jugendkirche, dem Stadtjugenddienst, der Evangelischen Jugend oder einem Team aus der Luthergemeinde gestaltet. Die Besucherzahl schwankt stark – bis zu 100 waren schon da, manchmal kommt gerade ein Dutzend. Mit Theater- und Fotoprojekten, einer Harry-Potter-Nacht und Events mit christlichen Fußballstars im Vorfeld der Weltmeisterschaft wollen die drei Haupt- und etwa 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter „neue Leute binden“.

 

 

 

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MOC ersetzt den Gottesdienst


Das Angebot an Jugendliche, sich eine Kirche als eigenen sakralen Raum anzueignen, ist das Grundprinzip der katholischen oder evangelisch-landeskirchlichen Jugendprojekte – ob in Oberhausens Tabgha, der Lutherkirche in Hannover oder auch der Martinskirche in Stuttgart. Doch Jugendkirche kann auch anders funktionieren, wie sich in einem Modellversuch der württembergischen Landeskirche erweist.

 

 

 

Eines von vier Jugendkirchen-Projekten, die im Südwesten erprobt werden, ist die MOC-Jugendgemeinde in Leonberg. Die MOC (More of Change) entstand aus den Change-Jugendgottesdiensten, zu denen das Evangelische Jugendwerk des Kirchenbezirks alle zwei Monate eingeladen hatte. Seit mehr als drei Jahren treffen sich Jugendliche „im gefühlten Alter“ von 15 bis 22 Jahren (so sagt Jugendreferent und Projektleiter Cyrill Schwarz) nun alle 14 Tage: allerdings nicht in einer „eigenen“ Kirche, sondern im Haus der Begegnung der Stadtkirchengemeinde Leonberg.

 

Dessen Saal wird ausgeräumt, die durchschnittlich 200 Gäste sitzen auf dem Boden. Ein Holzkreuz wird mit Kerzen bestückt, farbiges Licht schafft Atmosphäre, eine Band spielt „rockige Musik, Lobpreislieder, ordentlich laut“, schildert Cyrill Schwarz. Ein Team aus zehn jungen Leuten gestaltet die Gottesdienste, einer von ihnen predigt. Beim Abendmahl spricht Schwarz die Einsetzungsworte, die Mitarbeiter teilen Brot und Wein aus.

 

„Etwa 80 Prozent sind Aktive, die in ihren Ortsgemeinden ein jugendgemäßes Angebot vermissen. Die bringen aber immer wieder auch Freunde mit, die nicht aus dem kirchlichen Umfeld kommen“, so der Jugendreferent. In der MOC-Jugendgemeinde wächst unterdessen der Wunsch nach mehr Verbindlichkeit – „Wochen gemeinsamen Lebens“ in den Ferien finden großen Anklang, Bibelkreise treffen sich zwischen den Gottesdiensten, ein junges Paar ließ sich in „ihrem“ Gottesdienst trauen. Über die Möglichkeit von Taufen wird gerade diskutiert.

 

In Leonberg wächst eine neue Form von Kirchesein neben den klassischen Ortsgemeinden. Doch wie geht es weiter? Sollen Jugendgemeinden einen quasi kirchengemeindlichen Status bekommen? Begleitforscher Ulrich Schwab von der Universität München ist dafür: „In den Landeskirchen müsste Platz für solche Formen von Beziehungsgemeinden sein.“ Die Betreuung von Jugendgemeinden könne in den Dienstauftrag eines Pfarrers mit aufgenommen werden. Den Ortsgemeinden werde dies nicht schaden.

 

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