Vor genau einem Monat veröffentlichte der Deutsche Kulturrat ein Buch unter dem Titel "Die Kirchen, die unbekannte kulturpolitische Macht". In dessen Vorwort beschreibt Olaf Zimmermann, dass die Kirchen in Deutschland bisher in ihrer kulturpolitischen Bedeutung nicht zureichend wahrgenommen werden. Im Gegenzug beschreibt er die Kirche als einen "der bedeutendsten Orte der Kultur". Er hebt dafür vier Gesichtspunkte hervor:
1. Gesellschaft und Kirche.
"Die Wirkungen der beiden großen christlichen Kirchen auf das kulturelle Leben in Deutschland […] beschränken sich nicht auf die Mitglieder der Kirchen, sondern haben ein universelles gesellschaftliches Gepräge."
2. Kulturförderung und Kirche.
Die beiden großen Kirchen wenden ca. 4,4 Milliarden Euro jährlich für die Kulturförderung auf und liegen damit auf einer Ebene mit den Bundesländern (3,4 Milliarden Euro) und den Kommunen (3,5 Milliarden Euro).
3. Künstler und Kirche.
"Die Kirchen haben die Künste über viele Jahrhunderte geprägt, befördert und behindert. Sie waren und sind, heute in erheblich kleinerem Auftrag als früher, Auftraggeber für Maler, Bildhauer und Komponisten. Viele dieser Auftragswerke sind heute der Kanon unserer Kunst."
4. Sichtbarkeit der Kirche.
45.000 Kirchen, davon etwa die Hälfte evangelisch, prägen das Gesicht des Landes, etwa 100.000 Glocken legen ein oft unüberhörbares akustisches Zeugnis davon ab. "Ein Dorf ohne Kirche ist kein richtiges Dorf."
Mit einer neuen Buchreihe zum Thema Protestantismus und Kultur will nun die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) das Verhältnis von Kirche und Kultur vertiefen.
"Kultur ist Lebensmittel, nicht Luxus. Sich hier zu engagieren, steht unserer Kirche gut an", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber am Freitag in Berlin. Dort präsentierte er den ersten Band "Protestantismus und europäische Kultur". Ihm sollen zwei Mal pro Jahr weitere Bände folgen. Geplant sind unter anderem Bücher zu Dichtung, Architektur und Ritualität.

Es sei wichtig, "Kirche und Religion nicht nur als etwas zu sehen, das der Gesellschaft gegenüber steht", unterstrich der Schriftsteller und Juraprofessor Bernhard Schlink, der die Buchreihe mit herausgibt: "In der Kultur begegnen sich beide Seiten immer schon automatisch." Mit der Buchreihe solle die kulturelle Relevanz des Protestantismus gezeigt werden, ergänzte Ralf Markmeier, Verlagsleiter des Gütersloher Verlagshauses, bei dem die Reihe erscheint.
Die Buchreihe "Protestantismus und Kultur" will ein Forum der Begegnung sein zwischen Kirche und Kultur. Ein konstruktiver Dialog zwischen Kirche und Kultur soll erzeugt werden. Entschieden in der Sache, inhaltlich und formal auf hohem Niveau. Ein "Raum der Begegnung" zur Unterstützung der kulturpolitischen Maßnahmen der EKD. Diskussionen zu Fragen der Zeit mit Beiträgen bekannter Persönlichkeiten. Hier werden kulturpolitische und ästhetisch-religiöse Themen kritisch und konstruktiv diskutiert - entschieden in der Sache und inhaltlich wie formal auf hohem Niveau.
Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge wollen kulturelle Akzente setzen, die innerkirchlich als Ermutigung und nach außen im Kontext prägnanter Positionen und kultureller Maßnahmen der EKD wirken sollen. Die einzelnen Bände präsentieren eine Vielfalt literarischer Formen: kürzere geschlossene Texte, ausführliche Interviews, Autobiografisches oder Werkstattberichte; Bilder, Prosastücke und Poetisches runden die Bände ab.
Der erste Band der Reihe geht der Frage nach, welche kulturellen Grundbegriffe Europa im Innersten zusammenhalten. In der breiten Diskussion über Europa als Wirtschaftsunion und politische Einheit rückt der Aspekt der kulturellen Gemeinschaft bisweilen in den Hintergrund. Diese für Europa jedoch wesentliche Dimension erfährt in diesem Band einebesondere Würdigung:
Inwiefern ist es Ausdruck eines kulturellen Selbstverständnisses, "Europäerin" oder "Europäer" zu sein und welche Rolle kommt dabei den Religionen zu, speziell dem Christentum. Die Themen der weiteren Bände: Dichtung, Ritual, Bildende Kunst, Architektur, Bildung, Musik, Film, Literatur, Theater, Leiblichkeit, Medien, Popkultur, Humor.
Die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr betont, dass die Beiträge zu den Bänden bewusst weniger von Theologen und mehr von Kulturschaffenden und -experten gestaltet würden, um den Dialog zu intensivieren. In der jetzt vorliegenden Ausgabe zur europäischen Kultur kommen unter anderem die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Gesine Schwan, und der Staatsrechtler Christoph Möllers zu Wort. Zu den folgenden Ausgaben wollten unter anderem der Sänger Heinz Rudolf Kunze und der Lyriker Durs Grünbein beitragen.
"Protestantismus und europäische Kultur"
Autorinnen und Autoren: Petra Bahr, Wolfgang Huber, Irena Lipowicz, Paul Nolte, Christoph Möllers, Jan Rüsen, Gesine Schwan, J. H. H. Weiler, Juli Zeh.
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 136 Seiten, 19,95 Euro