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'Kirche in der City AG' plant Jugendkirche PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Mittwoch, 14. November 2007

Unbestritten ist Religion heute in der Öffentlichkeit präsenter als noch vor zehn Jahren, gerade bei Jugendlichen - inwieweit die gerade in Deutschland entstandenen Jugendkirchen den Glauben mehr in das Bewusstsein gerückt haben, dürften Statistiker zu klären haben. Allerdings erreichen die Kirchen nur noch einen kleinen Teil der Jugendlichen. Wie andernorts hat man auch hier gemerkt, dass die Kirche manchmal an den Leuten vorbeipredigt und ihre Bedürfnisse gar nicht kennt. Das möchte man ändern - das anlaufende Projekt "Kirche in der City" weist für alle Gemeinden in diese Richtung.

Die Entfremdung von der Kirche sei seit 1979 zu beobachten - seit dem Sturz des Schahs von Persien und der Errichtung des islamischen Gottesstaats im Iran, sagte Judith Könemann vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen. Besonders spürbar sei dies seit den 90er-Jahren. "Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft klar säkularer als früher - Säkularisierung in Sinne einer Entkirchlichung."

Eine Abnahme der Kirchenmitgliedschaften sei nicht einfach gleichzusetzen mit einer Abnahme der Religiosität, stellte der Zürcher Kirchenratspräsident Ruedi Reich bei einer Podiumsdiskussion in der in der Helferei des Zürcher Grossmünsters fest. Er betonte zudem, dass heute zum ersten Mal seit dem 4. Jahrhundert die Mitgliedschaft in einer Kirche freiwillig sei. Da sei es doch erstaunlich, dass die Austritte nicht weiter zunähmen.

Und Abt Martin Werlen von Einsiedeln stellte gar eine neue Bereitschaft zur Verbindlichkeit fest sowie die Offenheit, über Religion zu sprechen. Darin ist man sich einig: Das Interesse, die Sehnsucht nach Religion ist heute ungeheuer gross.

Was der Heilige Thomas vor 800 Jahren aus seiner Erfahrung heraus als Weisheit erkannt hat, bestätigt sich auch heute: vom Nichtstun, verändert sich nichts. Und blosses "tun" ohne Hoffnung und Ziel führt in einen geistlosen Aktivismus. Die Kirche sieht sich grossen organisatorischen Veränderungen gegenüber und ist sich dieser Herausforderung wohl bewusst.

"Lebensraumorientierte Seelsorge St. Gallen" (LOS) und "Seelsorgeeinheiten" (SE) sind zwei Hilfsmittel, um die Kirche nicht weiter ins Ghetto verdrängen zu lassen, sondern sie in den Lebensraum in dem sich die Menschen heute aufhalten, hineinzuholen. Die Pfarrei ist dabei keinesfalls ein Auslaufmodell, sondern ein wichtiger Angelpunkt - zusammen mit den neuen "Orten" wo Kirche künftig sichtbar sein soll. Kirche in der City: von der Notfallseelsorge der Polizei bis hin zum "Raum der Stille" am Stadtfescht und hin zu einer in St. Gallen dringend benötigten Jugendkirche.

Lässt sich aus dem gestiegenen Interesse an Religion auch auf eine Zunahme an Religiosität schliessen? Mit "Kirche in der City" ist in St. Gallen ein ökumenisches Projekt entstanden, das auch Menschen ansprechen soll, die sich bisher nicht aktiv an Pfarreien beteiligen. Christian Leutenegger: "Wir sind im Rahmen von LOS in St Gallen auch dabei, eine City-Pastoral zu verwirklichen. Bei uns heisst dieses ökumenische Projekt "Kirche in der City".

Es ist der Versuch, ganz im Sinne von LOS, Menschen zu erreichen, die sonst nie oder nur wenig mit Kirche in Berührung kommen. Dies könnte z.B. eine Präsenz sein an Orten mit grossem Passantenverkehr. Oder die Offene Kirche ist sicher Teil eines solchen Angebotes. Interessant wäre eine Verbindung von Kino, Theater und Kirche Kirche im Stadion, im Einkaufszentrum; oder ein Kirchen-Café oder Kirchenladen - der Ideen sind viele."

"Kirche in der City"


Die Kirchen möchten vermehrt im öffentlichen Raum sichtbar werden und Angebote mitten im täglichen Allltagstrott und an besten Passantenlagen bieten. Kürzlich traf sich die Arbeitsgruppe (AG), bestehend aus Angehörigen der evangelisch-reformierten Kirche, der christkatholischen und der römisch-katholischen Kirche, um vertiefter über das Projekt "Kirche in der City" nachzudenken und das "wie weiter?" zu besprechen.

Es soll nicht die Tätigkeiten in Pfarreien und Kirchgemeinden ersetzen, sondern ergänzendes Angebot sein. Dies bedingt vermutlich, das wurde an diesem Abend deutlich betont, eine Umverteilung der finanziellen Ressourcen. Heute werden 80 Prozent der Mittel eingesetzt für rund 20 Prozent der Menschen, die als kirchennah bezeichnet werden dürfen. Dies ist durchaus eine provokative, aber nicht unbegründete Aussage, wie die Sinus-Studie belegt.

Diese Studie fasst Menschen mit ähnlicher Lebensweise, Grundorientierung, Werthaltung oder Beruf und Einkommen in zehn verschiedenen Milieus zusammen. Jedes Milieu hat eine spezifische Wahrnehmung von Kirche, Religion, eine eigene Sprache oder differierende Gottesbilder.

Die Sinus-Studie belegt, dass kirchlich engagierte Menschen zum allergrössten Teil noch aus drei der insgesamt zehn Milieus stammen. "Das kann nicht genügen, um gemäss unserem Auftrag Kirche für das Volk zu sein", betont Damian Kaeser, Mitglied der Projektgruppe auf römisch-katholischer Seite.

Ökumenisch

Wie sollen Menschen aus möglichst vielen Milieus mit den Kirchen in Berührung kommen? Zwei Punkte sind für die Initiantinnen und Initianten besonders wichtig: Heutige Menschen denken mehrheitlich ökumenisch, die ökumenische Zusammenarbeit steht deshalb für "Kirche in der City" ausser Frage.

Und heutige Menschen haben oft Schwellenängste wenn es darum geht, sich in Kirchen oder kirchliche Institutionen einzubinden. Die Kirchen möchten deshalb hinaus aus den Kirchenräumen, Pfarreizentren oder Kirchgemeindesälen treten und in grösseren Räumen, an zentraler Lage in der Stadt, sichtbarer werden.

"Mit dem Evangelium, der Frohbotschaft, haben wir ein einzigartiges "Produkt", das Einspruch erhebt gegen Gnadenlosigkeit, Unmenschliches, Gewalt, Ausgrenzung", sagt Pfarrer Carl Boetschi, Arbeitsstelle Pastorales der evangelisch-reformierten Kantonalkirche. Er vertrat die These, dass, je säkularisierter und banaler eine Gesellschaft sei, umso religionsproduktiver sei sie auch. "Kirche in der City" bedeute für die AG eine Möglichkeit, mit neuen Ideen die Menschen des 21. Jahrhunderts anzusprechen.

Projekt Jugendkirche u.a. ...

Es gibt einen Kreis von engagierten Leuten in St. Gallen, welche sich im ökumenischen "Projekt Jugendkirche" engagieren, weil sie wissen, dass junge Menschen Fragen haben und auf der Suche nach Antworten sind. Ein solcher Ort soll geschaffen werden.

Für das Projekt Jugendkirche ist schon ein konkreter Antrag gestellt worden. Ziel dieses Projektes ist es, jungen Menschen positive Erfahrungen mit Spiritualität, Glauben, Religion und Kirche zu vermitteln. Regelmässige, niederschwellige Angebote an zentraler Lage, die Auseinandersetzung mit christlichen Werten und die Offenheit für Experimente sind wichtige Stichworte der Jugendkirche.

Die Kirchen in der Stadt St. Gallen haben bereits seit Jahren eine Event-Kultur entwickelt, mit welcher auch Menschen ausserhalb der Pfarrei / Gemeinde - Struktur angesprochen werden. Dazu gehören auch "Erlebnis-Gottesdienste", welche oft im Rahmen anderer Ereignisse stattfinden. So auch wieder am 29. November die Nacht der Lichter in Kathedrale und St. Laurenzen St. Gallen.

Die AG denkt auch darüber nach, ob und wie die Kirchen im Kulturprojekt Lokremise präsent sein oder wie Menschen an viel begangenen Passantenlagen angesprochen werden könnten. Ein Beispiel dazu: Der Suppentag wird nicht mehr in den einzelnen Pfarreien oder Kirchgemeinden durchgeführt, sondern als gemeinsames Projekt aller mitten auf dem Marktplatz. Oder in der AFG-Arena gibt es an Spieltagen ein seelsorgerliches Angebot.

Zusammengefasst: Die Kirchen sind da, wo das städtische Leben pulsiert, in einem Raum flüchtiger Begegnungen, punktueller Kontakte, in einem Experimentierraum zwischen totaler Individualisierung und neuen Sozialformen. Menschen haben die Möglichkeit an diesen Angeboten einfach vorüber zu gehen oder sie bleiben stehen und nützen sie, brauchen aber nicht eine Kirche oder ein Pfarreizentrum aufzusuchen.

Das Angebot ist an zentraler Lage, niederschwellig und vorerst anonym. Vielleicht gerade deshalb kann es religiös Obdachlose ansprechen und vielleicht sogar einigen mit der Zeit wieder Heimat in einer kirchlichen Gemeinschaft vermitteln.

Klärungsbedarf

An Ideen fehlt es den Initiantinnen und Initianten der City-Kirche nicht, doch es bleibt noch viel Klärungsbedarf, beispielsweise Struktur- und Finanzierungsfragen. Lars Simpson, Pfarrer der christkatholischen Gemeinde, sammelte zum Schluss des Treffens Fragen der Teilnehmenden und Rückmeldungen zum weiteren Vorgehen.

Dabei wurde deutlich, dass in erster Linie mit den entsprechenden Gremien über Möglichkeiten der Finanzierung, beispielsweise die eingangs erwähnte Umverteilung von Geldern, verhandelt werden soll. Die AG-Mitglieder wünschten sich zudem, einzelne Projekte weiter zu verfolgen, sich aber nicht zu viel vorzunehmen. Der Grundtenor zum Projekt "City Kirche" war einhellig: "Wir machen weiter!"

Zum Thema Jugendkirche in St. Gallen siehe auch:
Eine Jugendkirche für St. Gallen
Räumlichkeiten für Jugendkirche St. Gallen unklar


 

 
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