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Jugendkirche füllt 'Marktlücke' - auch bei 2nd Life? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Samstag, 3. November 2007
Vor einem Jahr forderte das sogenannte "Impulspapier" der Evangelischen Kirche in Deutschland die Gemeinden auf, eine "wachsende Kirche" zu sein. Dazu gehörten auch konkrete Vorgaben, wie die Steigerung der Gottesdienstbesucher um 150 Prozent oder die Forderung nach einem notwendigen "Mentalitätswechsel" - als handele es sich um eine neue Unternehmensstrategie. Doch die Gemeinden, ob evangelisch oder katholisch, tun sich schwer, "missionarischer" zu werden. Denn das bedeutet auch, Traditionen aufzugeben und gesellschaftliche Milieus gezielt zu bedienen.

Während Theologen noch über die Bedeutung der Mission diskutieren und die Kirchenleitung der grossen christlichen Kirchen über Konzepte berät, füllen Jugendkirchen und andere Initiativen diese "Marktlücke", den christlichen Glauben in einer christlichen Lesart so zu vermitteln, dass er für viele Nichtgläubige glaubhaft wird. Wie sollen Gemeinden künftig Mission praktizieren? Wen erreichen sie damit, wen schrecken sie ab?

Diesen Fragen soll mit ausufernden Studien und Umfragen auf den Grund gegangen werden - immer wieder und kostenträchtig, obwohl bereits entsprechende Zahlen und Zukunftsberechnungen sowie zahlreiche Theorien für die Rückgewinnung der Jugendlichen in die kirchliche Gemeinschaft vorliegen.

Dabei ist es, zumindest in der Theorie, relativ einfach: Der Glaube muss in jeder Zeit neu vermittelt werden. Bei der Arbeit der Kirche gehe es nicht nur darum, "demokratische Spielregeln" einzuüben, sie müsse vom "Geist Christi durchdrungen werden", so der Görlitzer Bischof Konrad Zdarsa. Eine Theologie die die Kirche stark macht für die Zukunft, für glaubensintensive Gemeinschaften, die geistlich gesund, kulturell anpassungsfähig und zugleich selbst gesellschaftsprägend sein sollte.

Schöpferische Kraft entdecken


Wenn die Kirche die schöpferische Kraft der Heranwachsenden wieder für sich entdeckt, dann entsteht neues Leben - ein neues christliches Ethos und eine Gemeinde, deren Mitglieder sich als Diener einer zerbrechenden Welt verstehen, die sich ganz auf die postmoderne, spirituell suchende Generation einlässt, ohne die eigentliche Botschaft zu verändern - eine Gemeinde, die die Welt verändert .

Die Vision einer Jugendkirche, die sich engagiert in gesellschaftliche Belange einbringt - in Kunst, Kultur, Kommerz, Seelsorge und Kommune -, sich mit ihr identifiziert und sie dynamisch verändert, eine junge Kirche, die sich vom unnötigen Ballast alter Praktiken und Programme löst und in kreativen, zeitgemässenen Gottesdiensten aufblüht, erscheint als Lösung.

Zdarsa hat die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit dazu aufgerufen, sich besonders der geistlichen Stärkung der Jugendlichen zu widmen. Es sei nicht mehr selbstverständlich, dass der Glaube von Generation zu Generation weitergegeben werde, sagte der Bischof nach einem Treffen mit Vertretern der katholischen Jugendverbände des Bistums Görlitz. Die Christen "müssen wieder lernen, in einer verständlichen, aber unzweideutigen Weise den Menschen nahe zu bringen, was wir glauben."

Sprechstunde bei "Second Life"


Ganz im Sinne der experimentellen kirchlichen Vorstellungen der jüngsten Zeit, jugendgerechte Medien verstärkt in die Mission und christliche Lebensberatung mit einzubeziehen, wird seit neuestem der hannoversche Pastor Heino Masemann regelmässig in der Internet-Welt "Second Life" Sprechstunde halten. Unter dem Namen "Heino Merimann" sei er mittwochs zwischen 22 und 23 Uhr im Domizil des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsen (ekn) zu persönlichen Gesprächen zu erreichen, teilte der Kirchenfunk am Montag mit. Der Kirchenfunk ist nach eigenen Angaben seit Juli als erste evangelische Hörfunk-Redaktion in "Second Life" vertreten.

"Für mich als Seelsorger ist es eine begeisternde Herausforderung, mittels dieser neuen technischen Kommunikationsplattform mit Menschen über das wahre Leben ins Gespräch zu kommen", sagte Masemann. Die Seelsorge im Internet ist ein Angebot des Kirchenkfunks und des Projektes "Expowal" des evangelischen Landesvereins für Innere Mission, für das Masemann tätig ist.

Bei dem Internet gestützten Computerspiel "Second Life" erhält jeder Mitspieler eine virtuelle Spielfigur, mit der er am Monitor ins Geschehen eingreifen und mit anderen kommunizieren kann. Die Nutzer haben eine komplette Welt mit Ländern, Städten und Bauwerken aufgebaut. Der Evangelische Kirchenfunk präsentiert in seinem Domizil in der "Altstadt" kostenlose Podcast-Angebote sowie das Internet-Radio "Heavenradio".

JuKi bei "Second Life" nicht mehr ganz so abwegig


Bei "Second Life" sind bereits einige christliche Einrichtungen vertreten und eine virtuelle Jugendkirche erscheint nicht mehr als abwegig. Ob das nun ein Weg ist, das Interesse Jugendlicher für den christlichen Glauben zu entfachen, bleibt allerdings mehr als fraglich. "Second Life" zählt inzwischen mehr als sieben Millionen Nutzer. Schätzungen von Experten zufolge hält sich in der virtuellen Welt jedoch regelmässig nur ein harter Kern von weltweit etwa 500.000 Mitgliedern auf; Deutschland ist mit rund 50.000 aktiven Nutzern auf Platz zwei hinter den USA und damit stärkste Community in Europa.

Derzeit sind die Nutzerzahlen also noch reklativ gering, sie werden sich aber nach Ansicht der Experten rasant entwickeln. Laut einer Gartner-Studie vom April 2007 werden 80 Prozent aller aktiven Internetnutzer im Jahr 2011 ein "Second Life" haben. "Bislang handelt es sich bei den digitalen Welten zwar noch um ein Nischen-Phänomen, die Nutzerzahl verdoppelt sich aber alle zwei Jahre", führte Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer, Leitender Direktor des Institute of Electronic Business e.V., aus. Die Experten beziffern derzeit das Potenzial auf 30 bis 80 Millionen Nutzern weltweit.

Auf Publicity ausgelegte Projekte, stagnierende Nutzerzahlen in Europa und Pressemeldungen über zuviel Sex, Gewalt und Pädophilie drängen die Frage auf, ob Kirchen, und hier speziell Jugendkirchen, jetzt noch in "Second Life" einsteigen sollten. "Der gleiche Effekt wie zum Anfang des Jahres wird man derzeit in Deutschland nicht mehr erreichen können", gab Matthias Schultze, Leiter CRM & Neue Medien, zu bedenken, als ein gewaltiger Medien-Hype über die Bundesländer hinwegfegte.

Abwarten und Beobachten kann im Hinblick auf die Potenziale digitaler Welten aber nicht die richtige Entscheidung sein, da sind sich die Fachleute einig. Vielmehr raten sie dazu, jetzt Auftritte und Aktionen in virtuellen Welten durchzuführen und schnellstmöglich Wissen aufzubauen.

Eine Jugendkirche müsste für sich klären, wie sie sich optimal in digitalen Welten präsentieren würde, wie sie mit Besuchern und gläubigen Jugendlichen zu interagieren bereit wäre. Noch ist es nicht so weit, aber angedacht wurde diese Möglichkeit allemal. Eindeutig ist: Digitale Welten werden unser Leben verändern, mit Anwendungen, die man sich heute noch nicht so richtig ausmalen kann.


Siehe auch:

Jugendkirche aus Bits und Bytes

Jugendkirche als Cyber-Church?

Sollte eine Cyber Jugendkirche entstehen?



 
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