Vor gut besetzter Kulisse im Vortragssaal des Hanse-Wissenschafts-Kollegs von Delmenhorst beschäftigte sich der Bremer Religionspädagoge Professor Jürgen Lott diesen Monat mit der Frage nach einer "Renaissance des Glaubens" in der Bundesrepublik Deutschland. Schon im Titel seines knapp einstündigen Referats hatte der Theologe angedeutet, dass nach seinen Analysen eine "Pluralisierung und Individualisierung von Religion" zu verzeichnen sei, die weniger Wert auf dogmatische Stimmigkeit lege, dafür um so mehr auf religiöses Gefühl.
Nach Jürgen Lotts These steht innerhalb unserer "Spassgesellschaft" im Zentrum einer solchen Religiosität das Ich, und keineswegs ein wie auch immer verstandener Gott. Überraschend unterliess es der Referent mit klaren Worten darauf einzugehen, welche Reaktionsmuster er den christlichen Kirchen auf diese konstatierte "Konsumhaltung mit religiösem Charakter" empfehlen würde - stattdessen verwies er auf entsprechende Fachliteratur.
Trotz einer aktuell hohen medialen Präsenz von Kirche in Deutschland, vor allem im Gefolge des polnischen und des deutschen Papstes, gebe es nach wie vor eine Krise des europäischen Christentums, so Jürgen Lott. Zwar habe sich speziell der Vatikan konsequent auf das Medienzeitalter eingestellt und so den polnischen Papst Woytila zu einer "religiösen Popikone" hochstilisiert. Und auch der deutsche Papst habe speziell beim Weltjugendtag in Köln den Eindruck erwecken können, er sei ein Vorbild für einen beträchtlichen Teil der Jugend:
"Öffentlich wird zwei Männern gehuldigt, die zuvor als dogmatische Hardliner galten", so Jürgen Lott. Doch schaue man genauer hin, stelle man fest, dass die inhaltlichen Positionen beider Päpste mit denen der ihnen zujubelnden Jugend keineswegs übereinstimmten.
Ungeachtet der rigiden Sexualmoral des Vatikans seien in Köln so viele Kondome eingesammelt worden wie noch nie zuvor bei einem vergleichbaren Event. Er sehe die Gefahr, so Jürgen Lott, dass die Kirche der Macht der selbst produzierten Bilder erliegen könne und dabei selbst einen Beitrag zur "Stärkung der Sinnentleerung des Christentums" leiste.
Der weit verbreiteten These einer neuen Religiosität hielt der Bremer Professor den "Megatrend einer Gottvergessenheit" entgegen, der zumindest in Europa zu einem massenhaften Gewohnheitsatheismus geführt habe. Wenn sich überhaupt religiöse Gefühle durchsetzten, dann in einer starken Individualisierung, die kaum Rücksicht nehme auf dogmatische Strukturen und scheinbare Glaubensgewissheiten. Vielmehr bastele sich tendenziell jeder seine eigene Religion, und zwar oft unter Zuhilfenahme westlicher wie fernöstlicher Angebote. Am Ende stünden dann, so das Fazit von Jürgen Lott, eben so viele Moralen wie Individuen, ein Trend, bei dem die Kirchen trotz aller spektakulärer Events langfristig unter die Räder geraten könnten.
An anderer Stelle führte er in einem Einführungsreferat zu "Jugend und Religion - die Stellung Jugendlicher zur Religion", aus, dass nach neuesten Untersuchungen (Shell-Studie 2006) lediglich sechs Prozent der 16- bis 20-Jährigen in Deutschland "kirchentreu" seien. Weniger als ein Drittel glaubten an einen persönlichen Gott und an ein Fortleben nach dem Tod.
Man zimmere sich eigene Moralsysteme und religiöse Vorstellungen, sei dabei eher "selbstverankert" als "fremdverantwortet" und neige dabei zu einer "ästhetischen Inszenierung". Das entspreche den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: einerseits Suche nach Nähe, Authentizität und Intensität des Erlebens, andererseits Privatisierung von Wertorientierung und Sinnstiftung. Als Leitideen für die Religionspädagogik nannte Lott die "Vielfalt in der Gemeinsamkeit" sowie eine "eigenständige Positionsgewinnung nicht ohne Kennenlernen von Alternativen".
Und was Jürgen Lott über den konfessionellen Religionsunterricht sagt, nämlich dass "die alltägliche Schulerfahrung ... unübersehbar (macht ), dass ein Religionsunterricht deplaziert und pädagogisch kontraproduktiv ist, der die Klassengemeinschaft spaltet, statt integrierend zu wirken," gilt m. E. auch für jene Jugendkirchen, die sich einem ökumenischen Handeln zu entziehen suchen.
So meint denn auch die Ethnologie-Professorin Maya Nadig, Sprecherin des "bremer instituts für kulturforschung" (bik) im Fachbereich Kulturwissenschaften der Universität Bremen: "Wir dürfen nicht mehr typisierend vorgehen. Wir haben es mit einer Kultur zu tun, die sich ständig ändert und im Prozess ist. Die Kulturwissenschaft muss den Zusammenschluss oder auch den Zusammenprall der Kulturen beschreiben." Wir leben nun einmal in einer multi-kulutrellen Gesellschaft, die sich auch auf den Glauben auswirkt.
Professor Lott, der als Dekan des Fachbereichs Kulturwissenschaften firmiert, sieht seine Aufgabe des Instituts auch in der Erforschung solch unterschiedlicher Themenbereiche wie "Hip-Hop-Girl und dessen Identitätsentwurf" über "obdachlose Mädchen in Norddeutschland" bis zu: "Warum ist Politik, Sport oder Religion immer mehr durch 'Events' geprägt?"
Er legt in seinem Handbuch "Erfahrung - Religion - Glaube" die Bedeutung einer Entwicklungsbezogenheit von religionspädagogischem Handeln rigoros dar: "Bleiben die Lernangebote in Schule und Gemeinde hinter dem lebensgeschichtlich ausgebildeten Fragehorizont zurück, können sie für das Leben der Betroffenen keine Bedeutung gewinnen", und an anderer Stelle: "Ein Kulturbegriff, der den anderen oder der eigenen Kultur ganz einfach nur ein paar Eigenschaften zuschreibt, ist passé."
Erich Kästner bezog seine Mahnung zur Wachsamkeit dereinst auf Schulbücher und erläuterte am mathematischen Beispiel relativ respektlos, wie der Gang der Geschichte die Lehrbuchinhalte längst überholt und hinter sich gelassen hatte, und die Lehrbücher "haben es nicht gemerkt".
Prof. Jürgen Lott
Kurzvita:Geburtsdatum: 10. November 1943
1963 Abitur
1963-1967 Studium (Ev. Theologie, Universitäten Marburg und Mainz)
1967 Erstes Theologisches Examen
Berufsausbildung:1967-1969 Vikariat und Schuldienst in Mainz-Mombach
1969 Zweites Theologisches Examen
1971 Ordination zum Pfarrer der Ev. Kirche
Wissenschaftlicher Werdegang:1969-1973 Verwalter Wissenschaftliche Assistentenstelle, dann Wissenschaftlicher Assistent für Praktische Theologie/Religionspädagogik, Universität Mainz; Studium: Pädagogik, Mainz
1971 Promotion zum Dr. theol.
1973-1977 Assistenzprofessor, Praktische Theologie/Religionspädagogik, Universität Mainz
Mitglied im Theologischen Ausschuss der DEAE (Karlsruhe)
seit 1.10.1977 Professor für Religionspädagogik, Universität Bremen
1977 ff Mitglied und Vorsitz Fachkommission Religionswissenschaft/Religionspädagogik
1981/82 Konrektor für Lehrerbildung
1992 Gastprofessur, Religionspädagogik, Universität Rostock
1995-2001 Berufung durch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg in einen Wissenschaftlichen Beirat zur wissenschaftlichen Begleitung der Einführung des neuen Schulfachs "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER) in Brandenburg
seit 2001 Dekan des Fachbereichs Kulturwissenschaften
Forschungs- und Arbeitsgebiet:
Geschichte, Theorie und Didaktik des Religionsunterrichts
Geschichte, Theorie und Praxis von Erwachsenenbildung im Zusammenhang von Religion
Empirische Religionspädagogik
Religion in Sozialisation und Lebensgeschichte
Dialog der Religionen / interkulturelles Lernen
Kooperations- und Dienstleistungsangebot :
Beratung und Fortbildung zu den Themengebieten → Zukunft von Religion in der Schule; Alltagsreligiosität, Religion und Lebensgeschichte, Neue religiöse Bewegungen Esoterik, Synkretismus; Dialog der Religionen; interkulturelles Lernen für: Schulen, Vereine, Kulturhäuser, Kirchengemeinden, Volkshochschulen, Erwachsenenbildungseinrichtungen kirchlicher und anderer Träger; islamischer Religionsunterricht; alternative Formen der Leistungsbewertung im Unterricht
Kontakt:
Tel.: 218-3192/-2547
eMail:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
und
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Dekanat: SFG 3370; Tel.: 0421/218-8248
Sportturm, C 4070,
Universität Bremen
Postfach 330 440D
28334 Bremen