Der evangelische Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann aus Hannover hat trotz kirchlicher Sparzwänge dafür plädiert, innovative Projekte in der Stadt zu erhalten. Übergemeindliche Initiativen wie die Jugendkirche, die Gospelkirche und die Begegnungsstätte "Haus der Religionen" dürften nicht aufgegeben werden, propagierte er am Mittwochabend in Hannover vor dem Stadtkirchentag, und "Wir sind Kirche in der Stadt und nicht nur eine zufällige Ansammlung von Gemeinden".
"Es bleibt trotz mancher Erfolge viel zu tun, bis wir wieder zu einem ausgeglichenen Haushalt und darüber hinaus zu freien Mitteln kommen", mahnte Christian Hacke, Chef der Verwaltung. "Es muss dem Verband wieder möglich werden, mit einem konsolidierten Haushalt nicht nur seine Verpflichtungen zu erfüllen. Er muss sich auch neuen Aufgaben stellen können und Spielräume für Investitionen schaffen."
Die Etats umfassen für die nächsten beiden Jahre jeweils rund 26 Millionen Euro mit sinkender Tendenz. Dazu kommenden fünf eigenständige Wirtschaftspläne mit einem Gesamtumfang von jeweils rund zehn Millionen pro Jahr für die Verwaltung, das Projekt Kinder, Kirche und Musik, einen Teil der Diakoniestationen sowie die Werkstätten Linden und Süd. Diese dienstleistungsorientierten Bereiche werden künftig - ein Novum in der Landeskirche - kaufmännisch geführt.
Der Sparplan erschüttert die Gemeinden. 
Ein Jahr lang hatten die Mitglieder des evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes um den Superintendenten Thomas Höflich darüber gebrütet, wie man spätestens 2009 gut 4,6 Millionen Euro, knapp ein Fünftel der gesamten Personalkosten, einsparen könnte. Herausgekommen ist ein radikales Spar- und Umbauprogramm, das die bislang beschauliche hannoversche Kirchenwelt in ihren Grundfesten erschüttert.
Zwar war allen Gemeinden schon seit Jahren klar, dass es zu tiefen Einschnitten kommen würde, und mancher mühte sich bereits nach Kräften ums Sparen. Jetzt jedoch wird es erstmals konkret. Massive Kürzungen drohen bei der Diakonie, vor allem bei der Altenarbeit, der Suchtkrankenhilfe und beim Beratungszentrum, bei der Jugendarbeit sowie bei den Gemeinden.
Aus heute knapp 70 in Hannover, Garbsen und Seelze sollen bis spätestens in fünf Jahren durch Zusammenschlüsse und Auflösungen auf gut 30 schrumpfen, Pfarr- und Gemeindehäuser aufgegeben werden. Puschmann warnte jedoch davor, nur auf Zahlen zu blicken: "Das darf nicht die Diskussion über die Inhalte bestimmen."
Massiver Stellenabbau
Nachdem er und die anderen Mitglieder des Stadtkirchenvorstandes den Delegierten den Entwurf eines Stellenrahmenplanes für die Jahre 2009 bis 2012 vorgelegt hatte, war allen klar, dass es bei angestellten Mitarbeitern zu betriebsbedingten Kündigungen kommen könne.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende des LINKSBÜNDNISSES in der Regionsversammlung und Vorsitzender der Partei 'DIE LINKE' in der Region Hannover, Jörn-Jan Leidecker, hat in einem Brief an Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann umgehend dafür geworben, die drei bedrohten Arbeitsplätze bei der Jugendkirche in der Nordstadt zu erhalten. Laut Medienberichten drohen auch dort massive Personalkürzungen.
Der Superintendent von Hannover-West, Christian Sundermann: "Ohne persönliche Härten wird es nicht gehen." Pastoren müssten mit Versetzungen rechnen. Der Stadtkirchentag wird 2008 über den Plan entscheiden.
Friederike Franz, Vorsitzende der Evangelischen Jugend und gerade einmal 17 Jahre alt, versteht nach eigenen Worten schon jetzt die kirchliche Welt nicht mehr. Alle fünf Einrichtungen der offenen Jugendarbeit sollen geschlossen werden, zehn Mitarbeiterstellen sind in Gefahr.
Jugendkirche auf Halbmast
Die Jugendkirche in der Nordstadt, auch eines der leuchtenden Projekte des Stadtkirchenverbands, soll zwar weiter existieren, von 2009 jedoch faktisch die Hälfte ihrer drei Mitarbeiter verlieren. "Die evangelische Kirche verabschiedet sich aus der sozialen Verantwortung, die sie für die Jugendlichen in dieser Stadt hat", erklärt Franz.
Laut der Landeskirche solle in der Jugendarbeit unterproportional gekürzt werden. Davon sei in Hannover jedoch nichts zu sehen. "Es kann nicht sein, dass sich eine Institution wie die Kirche nur noch mit sich selbst beschäftigt", resümiert sie frustriert. "Über die Grenzen Hannovers hinaus ist die Jugendkirche ein Beispiel für erfolgreiche Jugendarbeit", betont Leidecker, der das Nordstädter LINKSBÜNDNIS in der Regionsversammlung vertritt, immer wieder. "Das Projekt geniesst hohe Anerkennung und ist stark im Stadtteil verankert." Es bringt Jugendarbeit und Kirche zusammen.
Mit der euphorischen Verteidigung der Sparpläne tun sich auch zunächst neutrale Kirchenvertreter offenbar schwer. "Die Vorschläge machen deutlich: 'Es geht!' ", so Stadtsuperintendent Puschmann. Kirche werde in Hannover weiter erkennbar und handlungsfähig bleiben - wenn auch nicht mehr überall mit dem kompletten Angebot, denn die hannoversche und die bremische evangelische Landeskirche haben im ersten Halbjahr 2007 ein deutliches Plus bei ihren Kirchensteuereinnahmen verzeichnet.
Trotz Kirchensteuermehreinnahmen bleibt Sparkurs bestehen
Die hannoversche Landeskirche, mit mehr als drei Millionen Mitgliedern die grösste deutsche Landeskirche, nahm im ersten Halbjahr knapp zehn Prozent mehr an Kirchensteuern ein als in den ersten sechs Monaten des Vorjahrs, wie ein Sprecher am Montag mitteilte. Im Gesamtjahr 2006 lag das Aufkommen danach bei rund 327,3 Millionen Euro.
Die Kirchensteuer beläuft sich in Niedersachsen auf neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer. Von dem gesamten Kirchensteueraufkommen gehen den Angaben zufolge vier Prozent an das Land Niedersachsen als Kosten für den staatlichen Einzug der Steuer.
Auch die Bremische Evangelische Kirche nahm in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres mehr Kirchensteuern als im ersten Halbjahr 2006 ein. Die Einnahmen seien aufgrund der guten konjunkturellen Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr um rund 16 Prozent auf netto 23,5 Millionen Euro gestiegen, liess ein Kirchensprecher verlauten. Das kräftige Plus begründe allerdings keine Umkehr in der Sparpolitik der Stadtkirche.
Einiges sei jedoch "noch nicht zu Ende gedacht", bemängelte Puschmann vorsichtig und meinte zum Beispiel die Kürzungen bei der Jugendarbeit - und den Wegfall seiner eigenen Stelle, die nach seiner Pensionierung nicht wiederbesetzt werden soll: "Hier muss eine Leitungsfunktion sein und bleiben." Ein erstes Aufbegehren gegen die Pläne ist bereits massiv zu verzeichnen.