Die katholische Kirche erreicht mit ihrer religiösen Botschaft nur noch eine Minderheit der deutschen Bevölkerung. Anders gesagt: Von zehn verschiedenen Milieus, die die deutsche Gesellschaft prägen, lassen sich ganze drei, höchstens vier von der Kirche ansprechen. In den Pfarrgemeinden sind es sogar nur zwei. Das ist das Ergebnis einer Studie über religiöse und kirchliche Orientierungen, die das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut 'Sinus Sociovision' aus Heidelberg im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt hat.
Das Ergebnis der Studie ist so neu und unbekannt nicht; es liefert jedoch Belege und eine Menge anschauliches Material zum Verständnis eines lange beobachteten Phänomens, und es wurden bereits schon Konsequenzen gezogen und die Angebotsstruktur verändert: Stichwort Jugendkirchen.
Teilweise wird seit Jahren von einigen gefordert, den Anspruch, alle zu erreichen, aufzugeben und sich auf die im Glauben verhafteten zu konzentrieren. "Mit unseren Gottesdiensten ereichen wir viele Konservative, Etablierte, Traditionsverwurzelte", fasst Dekan Markus Kölzer den Status quo zusammen.
Denn die Kirche hat ein Problem: In ihr sind nur noch drei bis vier Milieugruppen vertreten - von insgesamt zehn Milieus, in welche die Soziologen aus Heidelberg die Deutschen aufgeteilt haben. Tatsächlich stellen diese Milieus aber nur knapp 20 Prozent der Bevölkerung (13 Prozent Traditionsverwurzelte, 6 Prozent Konservative, 11 Prozent Etablierte), unter den kirchentreuen Katholiken sind es fast die Hälfte. Diese konservative ältere Klientel der Kirche schätzt feste Rituale. Im Klartext:
Innerhalb der Kirche herrscht ein völlig verzerrtes Bild der deutschen Gesellschaft. Und ausserhalb der Kirche werden viele Menschen kaum noch oder gar nicht erreicht.
So radikal lassen sich die Ergebnisse der Studie "Religiöse und kirchliche Orientierungen in Deutschland", wie sie betitelt wurde, zusammenfassen - ein kirchliches "Milieu-Handbuch", das vor kurzem vorgelegt wurde. Seitdem sitzen Haupt- und Ehrenamtliche der Kirche über Grafiken, die in ihren blubbernd-runden Formen an Pop-Art erinnern.
Aber künstlich ist die Aufteilung in Hedonisten, Experimentalisten, Konsum-Materialisten oder Traditionsverwurzelte sowie sechs weitere Typen keineswegs:
Fernsehsender richten ihr Programm mit Blick auf die Quote nach so entlarvten Bedürfnissen ihrer Zuschauer aus.

Das Ergebnis der SINUS Lebenswelt-Studie, dass fast jedes Milieu irgendwelche Erwartungen an Kirche hat und grundsätzlich von ihr erreichbar ist, sollte die Jugendkirchen bestärken, in ihrem Engagement für zielgruppenspezifische Zugänge zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen, weiterhin neue Formen von Jugendpastoral auszuprobieren. Sie sind die derzeit wohl exponiertesten Vorposten zur Erkundung der weitgehend kirchenfremden jugendlichen Lebenswelten.
In für den christlich-religiösen Mainstream ungewöhnlichen und ihn provozierenden Ausstellungen, in kreativen Projekten, in alle Sinne ansprechenden und hohen körperlichen Einsatz fordernden musik- und tanztheatralischen Inszenierungen schliessen sie an den Selbstverständlichkeiten vieler Jugendlicher an und bringen sie ihrerseits diese zugleich umgekehrt mit ihnen bislang unbekannten Welten in Berührung.
"Die Kirche steht vor einer historisch zu nennenden Weggabelung, sie leidet an einer erheblichen Milieuverengung", sagt Matthias Sellmann von der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle der Bischofskonferenz in Hamm. "Kirche und heutige Kultur passen kaum mehr zusammen", resümiert der Soziologe und Theologe die Ergebnisse, die er kürzlich als von den Bischöfen beauftragter Projektleiter im Münsteraner Franz-Hitze-Haus vorstellte.
Das Kernproblem: Sender und Adressat - Kirche und die verschiedenen Milieus und Altersgruppen - funken weniger denn je auf einer Wellenlänge. "Wenn aber die Signale, die die Kirche aussendet, bei den Adressaten nicht ankommen, dann werden sie auch nicht verarbeitet", so Sellmann. Die Folge: Der christliche Glaube verliert an Plausibilität, er hilft nicht mehr zur Lebensbewältigung.
Im übertragenen Sinne will die Kirche aber, dass die Menschen nicht abschalten, wenn sie die christliche Botschaft hören. "Unter dem Titel 'Lebensraumorientierte Seelsorge' beschäftigen wir uns mit schon seit zehn Jahren im Dekanat mit der Frage, wie Kirche den Menschen nahe kommt", weiss der Mainzer Dekanatsreferent Jürgen Nikolay zu berichten. Die Sinus-Milieus gäben das praxisorientierte Rüstzeug - Christliche Jugendarbeit ist ganz nah dran an den Lebensthemen junger Leute, und sie gibt ihnen einen Ausdrucksraum und einen Deutungsrahmen.
Bei all dem ist nüchtern allerdings davon auszugehen, dass abgesehen von ausserordentlichen Anlässen wie etwa einem Jugendkirchentag die Zahl der Jugendlichen, die sich für solche Begegnungen mit der Kirche ansprechen lassen, überschaubar bleiben wird und dass die missionarische Jugendarbeit tatsächlich noch in den Kinderschuhen steckt; und noch überschaubarer ist bis zu diesem Zeitpunkt die Zahl derjenigen, die aktiv daran mitwirken. "Unsere Neuorientierung", sagt denn auch Dekanatsreferent Nikolay, "ist ein ständiger Neuanfang".