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Liefert Jugendkirche Impulse für Werteorientierung? Zum 1. PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Freitag, 21. September 2007
Aus Sicht der jüngeren Generation bedeutet Erziehung heutzutage vor allem ein Vorbild zu sein und Werte handlungsorientiert vorzuleben, so lautet ein wichtiges Ergebnis des Generationenbarometers 2006, das jetzt in seiner letztendlichen Auswertung vorliegt. Viele, die in erster Linie mit Jugendlichen zu tun haben, fühlen sich angesichts nicht akzeptierter religiöser und verfallender moralisch-ethischer Wertvorstellungen sowie offener gesellschaftlicher Normenverluste mit dieser Rolle überfordert.
 
Verstärkt und mit nachhaltiger Konsequenz für die christliche Erziehung ist dies vor allem beim Umgang des Klerus mit der Jugend zu beobachten: Ratlosigkeit und hektische Betriebsamkeit gepaart mit einem Unverständnis und den daraus resultierenden Fehleinschätzungen gerade der städtischen Jugend gegenüber, aber nicht nur dieser.
 
Namhafte Theologen haben darauf hingewiesen, dass die zurzeit in vielen Medien einseitig angekündigte Wiederkehr des Religiösen nur eine Verkürzung der Realität sei. Man könne ebensogut von einem "Megatrend Gottvergessenheit" sprechen, sagte der Wiener Theologieprofessor Ulrich Körtner kürzlich bei einem Symposion zum 60-jährigen Bestehen der Evangelischen Akademie Baden. Das vielerorts latente Interesse an religiösen Themen werde zu oft mit Religion selbst verwechselt, so Körtner.

Der Heidelberger Theologe Hermann Timm pflichtete ihm bei. Die Rede von der Wiederkehr der Religion werde vor allem in den Medien "elefantös" übertrieben. Auch der Freiburger Soziologe Michael Ebertz äusserte sich auf dem Symposion zum Thema. Das vermehrte Interesse an religiösen Themen habe seiner Meinung nach keineswegs automatisch zu einer grösseren Hinwendung zur Kirche geführt.

Grundsätzlich sei zudem festzustellen, sagt der Soziologe Winfried Gebhardt vom Institut für Soziologie der Universität Koblenz-Landau im Interview, dass sich christliche Jugendliche mehr für das kirchliche Event als für die Botschaft der Kirche interessierten: "Immer weniger Jugendliche interessieren sich für die Inhalte des Glaubens oder Positionen der Kirche."
 
Ein Beispiel sei etwa die ablehnende Haltung der katholischen Kirchen gegenüber den Protestanten. Jugendliche seien "wie fast alle heutzutage Anhänger eines trivialisierten Laien-Ökumenismus. Konfessionelle Unterschiede spielen im Denken der meisten Kirchenmitglieder, ob Jung oder Alt, keine entscheidende Rolle mehr", so der Soziologe Gebhardt. "Man lässt sich nicht mehr sagen, was das evangelische oder katholische Profil zu sein hat."

Vor dem Hintergrund des katholischen Weltjugendtages im August 2005 in Köln hatten mehrere Soziologen von verschiedenen Universitäten die Religiosität von Jugendlichen in Deutschland analysiert. Ihr Ergebnis: Von einer "Renaissance der Religiösität" könne man nicht sprechen, im Gegenteil: Glaube macht einsam, und: "Die Unkenntnis über Inhalte und Formen des katholischen Glaubens war enorm.
 
Aber gerade deshalb fanden die Jugendlichen das Kölner Angebot mit Kreuzwegen, Andachten und Pilgerwegen ganz toll - als eine neue, geheimnisvolle Erfahrung. Katholizismus erlebten sie als Sammelsurium aus vorgegebenen und selbst entwickelten Formen - alles unter dem Dach der Kirche", so Gebhardt.

Warum bleibt dennoch ein nicht zu unterschätzender Teil der Jugendlichen Mitglied der etablierten christlichen Kirchen? Die meisten wollen ihre Eltern und Grosseltern nicht verärgern, ausserdem sind Familienfeste wie Ostern, Fronleichnam und natürlich die Adventszeit, die in Weihnachten gipfelt, mit kirchlichem Segen für viele schöner.
 
In vielen Gegenden, vor allem in ländlichen Gegenden, wird man auch "schief angesehen", wenn man aus der Kirche austritt. Immer weniger Kirchenmitglieder halten sich allerdings an moralische Vorschriften ihrer Kirche - fallen somit in ihrem christlichen Selbstverständnis eher negativ, mit einer Doppelmoral beseelt, auf.

Es gibt überzeugte fundamentalistisch geprägte Katholiken, die Sex vor der Ehe praktizieren, katholische CSU-Politiker, die, obwohl verheiratet und in der Öffentlichkeit stets Wert auf ihre katholische Vorbildfunktion und die Unantastbarkeit der Familie legen, sich eine Geliebte 'zulegen' - und die Ehe "bis dass der Tod uns scheidet" ist durch die Trennung der Bischöfin Margot Käßmann von ihrem Ehegatten auch ins Wanken geraten, sorgte für nicht unerhebliche Kontroversen - auch auf katholischer Seite. Wie so oft besteht ein tiefer Graben zwischen Tradition, Anspruch und Wirklichkeit.

Heutzutage leiden die Kirchen daran, dass viele Jugendliche nicht mehr alles glauben, was die Kirche lehrt. Nicht alle Katholiken glauben noch daran, dass die Mutter von Jesus ihr Leben lang, auch nach Schwangerschaft und Geburt, Jungfrau war. Manche Katholiken denken, dass es Gottes Willen nicht widerspräche, wenn Frauen Priester werden dürften. Nicht alle Katholiken glauben an Engel oder an die "Heiligkeit" der Heiligen. Immer weniger gehen zur Beichte oder zum Gottesdienst.

In diesem Jahr wurde verstärkt versucht, die Religiosität Jugendlicher aus dem deutschsprachigen Raum statistisch aufzuarbeiten. Die Resultate dieser Umfragen werden in den nächsten Folgen dargelegt und es wird versucht, der Frage nachzugehen, inwieweit Jugendkirche Impulse für eine positive Werteorientierung im christlichen Kontext vermitteln kann.
 


Hier eine Statistik am Rande: Der Brite Michael Martin von der Cambridge University hat in mühevoller Kleinarbeit eine Liste der am wenigsten religiösen Länder der Erde aufgestellt - Spitzenreiter ist dabei das Land, dessen Bewohner von sich selbst am häufigsten sagen, dass sie nicht an Gott glauben.

Die Liste liest sich dann so:

  • 1. Schweden
  • 2. Vietnam
  • 3. Dänemark
  • 4. Norwegen
  • 5. Japan
  • 6. Tschechei
  • 7. Finnland
  • 8. Frankreich
  • 9. Südkorea
  • 10. Estland

Deutschland folgt auf Platz elf, dahinter liegen Russland, Ungarn, die Niederlande, Grossbritannien und Belgien, auf Platz 19 folgt Israel, auf 20 Kanada.
 
Erstaunlich ist, wie diese Liste der der reichsten Länder der Welt gleicht, auf der sich mit Norwegen, Japan, Dänemark, Schweden, Grossbritannien, Finnland, Niederlande, Belgien, Deutschland, Frankreich und Kanada gleich elf Länder wiederfinden.

Zu viele, als dass die Parallele zufällig sein kann. Unbeantwortet aber bleibt die Frage nach Huhn und Ei: Macht Religion arm? Oder Reichtum ungläubig? Lehrt nicht das Christentum Armut und Bescheidenheit?
 
 
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