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Jugendkirche für möglichst viele Lebenskulturen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Sonntag, 16. September 2007

 
Unter dem Motto "Kirche mit Zukunft - es geht weiter" fand am 15. September in der Hammer Christuskirche ein Reformtag statt, zu dem sich 250 Delegierte aus der gesamten westfälischen Landeskirche versammelt hatten. Es ging nicht zuletzt um den Aufbau und den Fortbestand von Jugendkirchen. Die Initiatoren erwarteten von dem Treffen neue Impulse für Gemeinden, Kirchenkreise und Gestaltungsräume, vorzugsweise für Jugendliche.

 
Präses Alfred Buß hat eine "ermutigende" Zwischenbilanz des Reformprozesses in der westfälischen Landeskirche gezogen. Nach dem die Kirche wie auch andere gesellschaftliche Gruppen 30 Jahre lang die Bedeutung des demografischen Wandels nicht wahrgenommen habe, stehe die Landeskirche jetzt an der Spitze der Bewegung und stelle sich auf die daraus resultierenden Herausforderungen ein, sagte Buß am Samstag auf dem Hammer Reformtag.

Auch sprach er sich dafür aus, die vielfältigen Angebote des kirchlichen Lebens stärker aufeinander zu beziehen. "Wir müssen weg von dem Zwang, dass alle alles machen", sagte der leitende Theologe der EKvW. Ebenso sollte die Kirche "weg von starren Strukturen, hin zur Beweglichkeit" betonte Buß und nannte als Beispiel die Idee der Jugendkirche, die in Westfalen bislang noch nicht umgesetzt ist.

Auf der Tagesordnung standen die Themen

- kirchliche Kernangebote

- die Mitarbeitenden in der Kirche

- kirchliches Handeln in der Welt

- die kirchliche Selbstorganisation.


Diskussionen und Dispute rund um die UhrDazu waren knapp 250 Vertreter und Delegierte der Evangelischen Kirche von Westfalen in Hamm zusammengekommen, um über den weiteren Reformprozess zu diskutieren. Mit diesem Treffen unter dem Leitwort "Kirche mit Zukunft - es geht weiter" reagierte die westfälische Landeskirche auf das im Januar in Wittenberg verabschiedete Impulspapier der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) mit dem Titel "Kirche der Freiheit", um nach dem vor sieben Jahren initiierten Reformprozess eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Der Präses der viertgrössten evangelischen Landeskirche nannte es eine Chance, wenn die grossen Stadtkirchen, die auf Grund ihrer Innenstadtlage kaum noch eigene Gemeindeglieder hätten, dennoch stark besucht würden. Dazu heisst es in einer der zwölf verabschiedeten Thesen, es bedürfe mehr Mut in den Gremien, neue Formen des gemeindlichen Lebens auszuprobieren. Auch deshalb könne die wohnortnahe Kirche heute nicht mehr selbstverständlich sein, ergänzte Buß.

Darüber hinaus müsse auch eine Qualitätsdiskussion über die in den Gemeinden geleistete Arbeit einschliesslich der der Pfarrer geführt werden. Buß sprach sich darüber hinaus dafür aus, auch über Modelle wie eine Jugendkirche, wie sie der Kirchenkreis Soest vorschlägt, nachzudenken, um möglichst viele Lebenskulturen zu erreichen.

Der Präses wertete es als hoffnungsvolles Signal, wenn heute besondere Gottesdienste wie zum Schulbeginn oder zum Abitur grossen Zulauf hätten. Andererseits sei es nicht sinnvoll, in jeder Gemeinde alles vorzuhalten, "von der Krabbelgruppe bis zur Aufführung der Johannespassion". Die Gemeinden müssten sich auf ihre Stärken besinnen und an ihrer Profilierung arbeiten.

In Westfalen vollzieht sich eine Flexibilisierung bzw. Ausdifferenzierung alternativer bzw. parochieergänzender Gemeindeformen, z. B. in Jugendkirchen, Citykirchen oder Richtungsgemeinden. Ausdrücklich bezeichnete das Thesenpapier die Verkündigung des Evangeliums als Aufgabe aller Getauften.

Dem Pfarrer komme dabei allerdings eine Schlüsselrolle zu. Der Reformprozess sei kein Selbstzweck, stellte Buß abschliessend fest. Die Reform bleibe zwar eine ständige Aufgabe, aber eine nicht zur Ruhe kommende Kirche überfordere viele Menschen.

2008 soll der Reformprozess seinen vorläufigen Abschluss finden. Ob seine Anregungen dann schon überall angekommen sind, bleibe abzuwarten, sagte Buß. Danach sei es die Aufgabe der damit beauftragten Gremien, bei Bedarf nachzusteuern.

 Zum Thema Jugendkirche in Hamm selbst siehe auch:


http://www.jukis.org/Der Kirchenkreis Hamm 'baut Jugendkirche auf'


http://www.jukis.org/Projekt Jugendkirche in Hamm wird vorangetrieben

 



Präses BußIn einem Interview, das im Vorfeld des Hammer Reformtages gwährt wurde, gibt Präses Alfred Buß Einblick in die Themen und setzt den Hammer Reformtag in Relation zum Zukunftskongress der EKD in Wittenberg.

Herr Buß, was ist der Hammer Reformtag?

Ein Tag, an dem Mitarbeitende aus Kirchenkreisen und Gestaltungsräumen spüren werden: Wir haben viele Stärken, wenn wir sie nur aufeinander beziehen. Bei uns ist viel los. Auch im Rückbau fällt uns viel Neues ein und - es ist ein Reichtum, aufeinander angewiesen zu sein. Aus dieser Haltung bitten wir um den Heiligen Geist.

Wie wird der Hammer Reformtag konkret ablaufen?

Eingeladen sind Delegierte, die im Reformprozess schon lange die Spur aufgenommen haben und erschnuppern konnten, worum es geht. Wir werden ungefähr 250 Leute sein, die in Hamm zusammenkommen. Aus 31 westfälischen Kirchenkreisen beziehungsweise elf Gestaltungsräumen, dazu die Kirchenleitung, das Kollegium des Landeskirchenamts, Fachleute aus den Ämtern und Werken und selbstverständlich alle Superintendentinnen und Superintendenten. Die werden an diesem Tag schauen, wie der Impuls "Kirche mit Zukunft" aus dem Jahr 2000 und der Impuls "Kirche der Freiheit" aus dem Jahr 2006 so aufeinander bezogen werden können, dass sie nach vorne weisen. Wie können die zwei Impuls-Stränge so nebeneinander gelegt werden, dass daraus Gleise werden, auf denen wir in die Zukunft fahren können. Beide Stränge haben viel miteinander zu tun, sie sind aber doch unterschiedlich.

Dabei entdecken wir auch unser Reformpapier "Kirche mit Zukunft" neu. Wir sehen, wo wir auf dem Hintergrund der Diskussion in Wittenberg zu dem EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" nachschärfen müssen und wo unsere Szenarien ein schärferes Profil haben. Ich will ein Beispiel nennen: "Kirche der Freiheit" sagt, wir müssen den Gemeindebegriff weiterentwickeln. Aber das Papier spricht von "Profilgemeinden", so, als sei Gemeinde neu zu erfinden. "Kirche mit Zukunft" sagt: In jeder Gemeinde gibt es Grundangebote und Schlüsselangebote. Grundangebote, das sind: Gottesdienste, Konfirmandenunterricht, Amtshandlungen und vieles mehr, was selbstverständlich überall vorgehalten werden muss, wo Gemeinde anzutreffen ist. Schlüsselangebote suchen nach dem Schlüssel zu der besonderen Situation vor Ort. Hier gilt es, Kirche vor Ort und gemeinsame Dienste aufeinander zu beziehen.

Ein anderes Thema ist die Frage nach der Qualität von Gottesdiensten und Kasualien. Oft wird diese Frage abgewehrt. Qualitätsstandards werden als Infragestellung der bestehenden Praxis gehört. Man kann die Frage aber auch umgekehrt verstehen: Was könnt ihr besonders gut? Wie können wir das fruchtbar machen für die anderen, und was können die anderen besser als ihr? Es ist eben ein Reichtum, aufeinander angewiesen zu sein. Kollegiale Beratung muss in unserer Kirche selbstverständlich werden. "Best practice-Modelle" entdecken und verbreiten - das ist ein Impuls aus Wittenberg, der unseren westfälischen Reformprozess stärkt und schärft.

Und so werden wir nachgucken, wie wir die zwei Stränge so nebeneinander legen, dass sie uns wirklich in die Zukunft fahren lassen. Damit wir nicht auf der Strecke stehen bleiben und von gestern sind.

Wo, meinen Sie, stehen wir im Moment im Reformprozess?

In der EKD ganz weit vorne. Das merke ich z.B. in der Kirchenkonferenz der EKD, wenn nach Wittenberg gefragt wird. Viele Prozesse, die andere noch angehen müssen, sind bei uns längst im Schwange. In Westfalen hat sich inzwischen sehr viel durchgesetzt in den Köpfen und Herzen. Bei Reformprozessen ist es immer so, dass man nicht wirklich merkt, was sich verändert. Ein Veränderungsprozess vollzieht sich ja ständig. Das nimmt man aber meist erst wahr, wenn man ein älteres Bild von sich selber sieht.

Wenn wir genau hingucken, ist vieles schon selbstverständlich geworden: Was hat allein Finanzausgleichsgesetz bewirkt! Und was das Kirchenbild der EKvW, die Wiedereintrittstellen, die Mitarbeitendengespräche, die Zusammenarbeit in den Gestaltungsräumen, das Haushaltssicherungskonzept, der Grüne Hahn, die Konzeptionsentwicklung für Gemeinden und Kirchenkreise, aber auch Events wie die Nacht der offenen Kirchen, Tag der Lehrerinnen und Lehrer oder der Presbyterinnen und Presbyter. Es ist selbstverständlich geworden, dass wir mehr und mehr zusammenrücken, miteinander arbeiten, und nicht jede und jeder weiter allein auf eingefahrenen Gleisen unterwegs ist.

Es gibt auch Widerstand. Immer wieder. Aber das gehört zu Reformprozessen. Es kommt nur darauf an, dass die Widerständler nicht das Tempo bestimmen und dass man nicht zu viel Kraft bei ihnen lässt. Pflegen müssen wir die Lokomotiven, die nach vorne ziehen.

Denn wir haben die Aufgabe, Rahmenbedingungen dafür zu entwickeln, dass es auch morgen eine gestaltbare und finanzierbare Kirche gibt für unsere Kinder und Kindeskinder. Dafür brauchen wir Leute, die nach vorne gehen. Und die sollen sich in Hamm versammeln mit der Bitte um Gottes kreativen Geist.

Sie sagten, wir müssen "Kirche der Freiheit" und "Kirche mit Zukunft" zusammenbringen. Wir haben aber ja zunächst auch unseren eigenen westfälischen Reformprozess. Wie geht das zusammen?

Nichts geht zusammen, wenn wir weiter Textexegesen von "Kirche der Freiheit" fertigen, nach Schwächen suchen und darüber lamentieren. Ein Impulspapier ist ein Impulspapier, nicht mehr und nicht weniger. Die Frage lautet jetzt: Hat es etwas in Bewegung gesetzt? Ein guter Impuls setzt sich ja fort. Und hier frischt Wittenberg unseren westfälischen Reformprozess auf. Unser Impuls "Kirche mit Zukunft" ist jetzt schon sieben Jahre alt. Was alt ist, gilt schnell als verbraucht. "Kirche der Freiheit" setzt eigene Akzente und gibt unserem Reformprozess neue Frische. Im Spiegel von Wittenberg entdecken wir manchen Schatz aus unserem Reformprozess wieder und halten ihn plötzlich nicht mehr für einen alten Hut.

Was soll der Hammer Reformtag bewirken?

Er soll die Stärken stärken und nicht die Defizite beklagen. Der Defizitansatz lauert in unserer Evangelischen Kirche gerne als gefährliche Falle. Aber Freude schafft Motivation und nicht Tristesse. Werbend können wir einladen: Schau mal, welche Chancen es gibt.

Und der Reformtag soll entlastend wirken. Unsere Kirche konstituiert sich auf drei Ebenen: Gemeinde, Kirchenkreis, Landeskirche. Die Frage ist, welche Aufgabe auf welche Ebene gehört. Wir brauchen Aufgabenklarheit und Ebenenklarheit. Das ist entlastend für alle.

Der Hammer Reformtag ist ein ausserreguläres Ereignis, wie bezieht sich das auf die nächste Synode?

Es gibt keine Synode ausserhalb der Synode. Das Stichwort heisst Impuls. "Kirche mit Zukunft" war ein Impuls. Wie, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Und jetzt ist der Impuls von Wittenberg dazu gekommen. Das Procedere für Hamm kupfern wir ja von Wittenberg ab. Jede Landeskirche stellte in Wittenberg ein bestimmtes Kontingent von Teilnehmenden. Diese sollten die Impulse von Wittenberg aufnehmen und dann wieder mitnehmen in die eigene Landeskirche. Analog geht es hier bei uns um Gestaltungsräume und Kirchenkreise. Also: der Impuls aus Hamm geht in die Verfassungsorgane zurück.

Auch Themen der Landesynode werden auf dem Reformtag vorbereitet. Eine Arbeitsgruppe wird beispielsweise zum "Pfarrbild" eingerichtet.

Es bleibt dabei: Unsere Kirche wird ausschliesslich von Presbyterien und Synoden geleitet, den von der "Basis" gewählten Gremien. Wir brauchen im Moment auch nicht allerorten das lang gehegte Ausschusswesen, sondern innovative Veranstaltungsformen für neue Impulse, die gezielt in Richtung Presbyterien und Synoden gegeben werden.

 
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