Normalerweise sind Jugendliche für Kirchenbesichtigungen nicht so sehr zu haben. Doch in Schwäbisch Hall ist das anders. Dort erwartet der evangelische Pfarrer Johannes Veller die Kinder und Jugendlichen mit bestimmten Aufgaben: So müssen sie z.B. im Kirchenraum den Heiligen Michael entdecken oder christliche Themenbereiche im Kirchenraum erkennen.

Und in der gedrungen wirkenden Hauptkirche der Stadt gibt es wahrlich viel erstaunliches ausfindig zu machen. Ursprünglich war die Kirche eine 3-schiffige Basilika. Die Michaelskirche, mit ihrer berühmten 53 stufigen, zwischen 1507 und 1510/11 erbaute Treppe (seit 1925 Bühne der sommerlichen Freilichtspiele) majestätisch über dem Marktplatz thronend, ist ein interessanter Ort für Entdeckungen.
Wenn man die 53 Stufen erklommen hat, erklärt Johannes Veller, worum es bei der Kirchenerkundungstour an diesem Tag geht: Um den Heiligen Michael, um Drachen, Teufel, Tod und Hölle. Und wo diese Begriffe in der evangelischen Kirche zu entdecken sind, dürfen die Jugendlichen erst mal auf eigene Faust erkunden. "Zehn Minuten habt ihr Zeit, ihr müsst also nicht rennen", sagt Veller.
Und schon sind die Jugendlichen unterwegs, gucken in den Raum der Stille, bleiben vor dem grossen Altarbild stehen. Ins Auge fallen neben den Altären und Gemälden auch die zahlreichen Zeugen der Bildhauerkunst aus 500 Jahren; sie bestaunen die mittelalterliche Gebeinkammer im Chor der Kirche, in der unter Glas Knochen aufbewahrt werden und ganz nebenbei entsteht eine rege Diskussion über Gott, das Gute und das Böse in der Welt und was passiert, wenn Menschen sterben, über Himmel und Hölle und ihre Vorstellungen davon. "Kriege ich das überhaupt mit, wenn ich tot bin?", lautet eine der Fragen.

"Diese Themen interessieren alle Kinder und Jugendlichen", sagt Veller, der Pfarrer an der Wendelinskirche im württembergischen Eschenau ist und Kirchenbesichtigungen mit Jugendlichen seine "Passion" nennt: "Jugendliche beschäftigten sich gerne mit dem, was Erwachsene morbide oder erschreckend finden und häufig auch tabuisieren. In Kirchen lassen sich solche Themen gut besprechen" - Kirchenraumpädagogik eben.
Entscheidend bei jeder Kirchenbesichtigung sei es, sich auf ein Thema zu beschränken, erklärt der Theologe. "Manchmal lassen wir uns die Orgel beschreiben oder beschäftigen uns nur mit dem Taufstein." Dabei komme es darauf an, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, die Kirche selbst zu entdecken und sie nicht mit endlosen Vorträgen zu langweilen.
Ausserdem müssten sich Erwachsene auf die Sichtweise von Jugendlichen einlassen, "da kann man auch selbst immer wieder etwas lernen", ist Veller überzeugt. Zum Beispiel dann, wenn sich die Neunjährigen über ihre Vorstellungen von der Hölle unterhalten: "Alles ist voll Feuer" - "Da werden die Seelen auf Pfähle gespiesst" - "Da brennen Menschen", heisst es da.
Die Bilder, die die Jugendlichen entwerfen, sind dramatisch, meist auch ziemlich blutig - mittelalterliche Schauermär vermischt mit Compugames. Veller hört zu, ab und zu erklärt er etwas. Zum Beispiel, dass Christen an ein Leben nach dem Tod glauben, dass es einen Gott gibt, der den Teufel, den Drachen und das Böse überwunden hat und auf den die Jugendliche vertrauen können.
Lange Zeit sei das Thema ansprechenderer Führungen für Jugendliche von den Kirchen kaum beachtet worden. Inzwischen hätten mehr und mehr Pfarrer erkannt, wie wichtig es sei, Jugendliche mit den Räumen vertraut zu machen, so der Seelsorger.

Auch Claus Jesch, Referent im Bereich missionarische Dienste der württembergischen evangelischen Landeskirche, weiss, dass Jugendliche eine eigene Vorstellung von Kirchenräumen haben. "Sie sind einfach neugierig, was sich in einer Kirche versteckt."
Das Thema "Kirchenführungen für Kinder und Jugendliche" sei deshalb auch Teil der Kirchenführerausbildung, die seit drei Jahren in der Landeskirche angeboten wird - und die in der Regel lediglich Kinder und Jugendliche bis zum Konfirmandenalter oder, im katholischen Bereich, bis zur Kommunion der Kidis mit einschliesst - und danach? Da besteht enormer Nachholbedarf, was das Entdecken von Kirchenräumen für junge Erwachsene angeht.
Lediglich die Errichtung von Jugendkirchen scheint da bisher eine langsame Änderung im Verhältnis Jugendlicher zur Kirche erkennen zu lassen. Aber vielerorts wird aufgrund der teilweise selbstverschuldeten Finanzmisere gerade im Bereich Jugendkirche der Rotstift drastisch angesetzt - und dann entsetzt mit Hinblick auf die schwindenden Kirchensteuereinnahmen fragen: Wo ist der Nachwuchs hin?
Die Jugendlichen in Schwäbisch Hall haben sich mittlerweile einen Zeichenblock und Stifte geholt: Sie zeichnen, was mit St. Michael, seinem Drachen, Tod oder Teufel zu tun hat, also auch Jesus, der die Verstorbenen aus der Hölle in den Himmel führt. "Die Teufel wollen ihn davon abhalten", sagte ein Junge wissend, "aber sie schaffen es nicht".
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