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Jugendkirche beim Abschlussgottesdienst der Kirchentage PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Dienstag, 12. Juni 2007
Pfarrerin Mechthild WernerEs ist ein trüber Sonntagmorgen am Rhein. Nur an den Poller Wiesen hat die diesig-graue Tristesse keine Chance. Sie geht unter im orangenen Wedeln zehntausender Schals. Zum Abschlussgottesdienst des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages am Kölner Rheinufer kamen am Sonntag rund 100.000 gläubige Christen zusammen, die sich winkend vom Kirchentag unter der Losung "Lebendig und kräftig und schärfer" verabschiedeten. Dabei teilten 1.500 Helfer an 106 Tischen das Abendmahl an die Gläubigen aus.

Die Predigt hielt Pfarrerin Mechthild Werner aus Erfurt über einen Text aus dem 1. Buch der Könige - nahm den biblischen Bericht vom Propheten Elia, der sich in der Wüste zum Sterben niederlegt und mit den Worten "Steh auf und iss" zu neuem Handeln angeregt wird (1. Könige 13), zum Anlass, das Handeln jedes einzelnen zu hinterfragen.

Die Predigt war von Kritik an den Ergebnissen des G-8-Gipfels in Heiligendamm bestimmt. Vor den Gottesdienstbesuchern sagte Werner, der Gipfel in Heiligendamm habe in der Bekämpfung der weltweiten Armut und des Klimawandels nur bedingt etwas bewirkt. "Wir brauchen einen Klimawandel in den Köpfen und Herzen". Die G-8-Staaten würden mit ihren "Häppchen Entwicklungshilfe" wenig zur Linderung der Not beitragen, so die Meinung der Pfarrerin, die mit ihrem "Wort zum Sonntag" bekannt wurde und von Gross-Zimmern nach Erfurt zog.

Sie forderte zudem dazu auf, stärker für die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. "Wir sind Mittäter in Wirtschaft, Politik und den Kirchen. Gerade von christlich geprägten Ländern geht die globale Zerstörung aus.  "Es wird ein weiter Weg, für die Schöpfung einzutreten, aber der Schöpfer geht voran."

"Die Erde haben wir uns untertan gemacht, weniger ehrfürchtig als fürchterlich", kritisierte sie das eigene Gefühl der Ohnmacht. "Besser als nichts und doch ein Almosen", fasste sie das Ergebnis des G8-Gipfel zusammen, hob zugleich das Engagement der Menschen hervor, die währenddessen für eine gerechte Welt auf die Strasse gingen.

"Da hilft kein Hocken über Statistiken und Sachzwängen", mussten sich die Politiker auf der Tribüne der Poller Wiesen - zu denen SPD-Chef Kurt Beck, NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker zählten - anhören. Stattdessen forderte Werner von allen: "Da muss der Hintern hoch und nicht wieder einschlafen. Raus aus der Höhle." Das gelte trotz der Ohnmachtsgefühle, die immer wieder aufkämen und gerade angesichts der "dürftigen Ergebnisse" des G-8-Gipfels.

"Sich schuldig bekennen, um wieder aufzustehen – das sei die evangelische Botschaft. "Bewegen wir etwas", ermutigte Werner ihre Zuhörer. "G-8" bedeute für sie in Zukunft "Gebt acht" aufeinander und auf die "eine wunderbare Welt".

Es war ein eindringlicher Aufruf, der im Kern den Tenor dieses Kirchentags trifft: mit geschärftem Bewusstsein bei sich selbst anfangen. Der "Ruf nach Heiligendamm", den der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber mit 50 Religionsvertretern von Köln aussandte, war zwar gut gemeint, doch wer hat ihn wirklich vernommen? Signale vom Kirchentag an die Politik können doch wohl nur der Gewissensberuhigung dienen.

Für viele Besucher, die so froh und glücklich zusammen einen Gottesdienst feiern, war der Abschluss ein besonderer Höhepunkt. Gerade der gemeinsame Gottesdienst so vieler verschiedener Menschen, egal aus welcher Kirche sie stammen, hat nachhaltig beeindruckt: "Ein ganz anderes Bild von Kirche, die doch oft nicht als lustig, sondern langweilig gilt", war die einhellige Meinung der Jugendlichen. "Gigantisch" hörte man allenthalben, wenn das Gespräch auf den Schlussgottesdienst kam, die grosse Gemeinschaft, die gemeinsam singt und betet und: "Ein biblischer Text bezogen auf heute, dazu sehr deutliche Worte." Die politische Predigt der Erfurter Pfarrerin Mechthild Werner hat ihren Nerv getroffen.

Worte, die nach vier Tagen sehr politischer Diskussionen bei den Teilnehmern durchaus auch mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurden. Wolfgang Wallrich, Pfarrer der Deutschen Gemeinde in Stockholm und sein Gemeindemitglied Harald Wagner sind tief bewegt. "Eine erfrischende Predigt, scharf und deutlich. Wir haben alle teil an der ganzen Entwicklung, wir müssen hochkommen." Diakon Mario Zeisig ist weniger angetan: "Der Gottesdienst als Höhepunkt des Kirchentages bot nichts, was wir nicht schon in den vergangenen vier Tagen gehört hatten. Es war eher eine politische Ansprache als eine Predigt", bemerkt er enttäuscht.

In dem Gottesdienst wurde auch das Abendmahl gefeiert, zu dem alle Getauften eingeladen waren. Die katholische Amtskirche hatte ihren Gläubigen allerdings die Teilnahme verboten. Auch beim ökumenischen Kirchentag 2010 in München wird es aller Voraussicht nach kein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten geben.
Mechthild Werner, geboren 1962, ist Grenzgängerin zwischen Kirche und Medien. Ab 1990 Pfarrerin in einigen Gemeinden der Pfalz. Daneben freie Autorin und Moderatorin in Hörfunk und Fernsehen. Bis 2005 Sprecherin des "Wort zum Sonntag" in der ARD. Autorin und Herausgeberin von Praxisliteratur. Fortbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer zur Präsenz im Gottesdienst.

Als ausgebildete Theater- und Spielpädagogin zudem Projekte rund um "Playing Arts". Kulturarbeit mit Erwachsenen. Moderation grosser Kirchenveranstaltungen und Gottesdienste für Fernstehende. Lebt mit Ehemann Ingo Senft-Werner, dpa-Redakteur, und zehnjährigem Sohn Till in Erfurt. Arbeitet seit November 2005 mit halbem Dienstauftrag als Koordinatorin für das "Elisabethjahr" der EKM.

Kontakt:

Pfarrerin Mechthild Werner
Farbengasse 3
99084 Erfurt
fon  0361 – 66 36 969
funk 0179 – 87 17 423
 
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