Jugendliche aus ganz Bayern bauten eine Weidenkirche
Die Vision von einer "natürlichen Kirche, die sich verändert und lebendig ist" wurde in den Osterferien zur Realität. Das Besondere daran: Der Bau besteht fast nur aus Naturmaterialien.
Aber jetzt steht sie endlich, die Jugendkirche. Ein grosser Kirchenraum: 30 Meter lang und im Chorraum zwölf Meter hoch. Noch ist sie ziemlich braun; jeder Bogen ist deutlich zu erkennen. Aber das erste Grün spriest bereits hervor und vermittelt einen Eindruck davon, wenn die Weiden ihr Rankgerüst vollständig erobert haben werden.

Dies ist nicht die erste Weidenkirche auf Gottes Erdboden. In Rostock und in Kaiserslautern stehen die ersten Exemplare. Vor genau zwei Jahren, im Frühjahr 2005, liessen sich einige Mitarbeiterinnen im Amt für Evangelische Jugendarbeit davon inspirieren; dies war die Geburtsstunde der Pappenheimer Weidenkirche.
Wie bei "gewöhnlichen" Kirchenbauten auch, vergingen die folgenden zwei Jahre mit Planungen aller Art. Ein Architekt musste gefunden werden, ein Modell wurde gebastelt; dann die Frage: Wohin eigentlich?
Ein Ort der Begegnung mit Gottes Schöpfung
Die Wahl fiel recht schnell auf Pappenheim: idyllisch an der Altmühl gelegen, mit grossen Wiesen, die einer Kirche Platz bieten könnten; für alle Bayern zentral gelegen. Und da Grossprojekte gemeinsam leichter zu bewältigen sind als allein, schloss die Evangelische Jugend Bayern im Frühjahr 2006 einen Kooperationsvertrag mit der Landvolkshochschule Pappenheim und der Evangelischen Landjugend.
Die Behörden, aufgeschreckt durch das Unglück der eingestürzten Eishalle in Bad

Reichenhall, veranlassten eine Statikprüfung, bei der herauskam: 30 Kubikmeter Beton müssten in den Altmühlauen versenkt werden; die Stahlrohre müssten einen Durchmesser von zehn Zentimetern haben (doppelt so dick wie die jetzt verwendeten). Dies war der einzige Moment, wo Karin Mack, Leiterin des Projekts Weidenkirche aus dem Amt für Jugendarbeit, Zweifel bekam, ob die Weidenkirche sich wirklich realisieren lassen würde.
Doch zum Glück liess sich die Stahl- und Betonflut vermindern. Im Herbst 2006 schliesslich war klar: Es kann losgehen. Löcher mussten ausgehoben, Weiden geschnitten, der Untergrund musste befestigt werden.
Die Pappenheimer Weidenkirche – das Sommermärchen 2007
Rund 100 ehrenamtliche Jugendliche aus Bayern hatten sich für das aussergewöhnliche Projekt begeistern lassen: in zwei Workcamps errichteten sie bei der Landvolkshochschule in Pappenheim ein kuppelförmiges Metallgerüst, das 300 Meter langen Weidensetzlingen als Rankhilfe dient.
Als dann die Weidenkirche Gestalt annahm, war dies für Karin Mack ein bewegender Moment: "Als der Chorraum stand, konnte man auf einmal einen Kirchenraum aus dem Schotter wachsen sehen. Das war beeindruckend." Alle Mühe war vergessen, als später auch noch das ganze Kirchenschiff in die Höhe ragte. Somit wurde die Vision der Verantwortlichen von einer lebendigen Kirche, die wächst und sich verändert, zur Realität.
Im Rahmen einer Mittagsandacht wurde am 14. Mai der Altar und das Eisenkreuz vom Stifter Anton Schindler an die Evangelische Landjugend Bayern übergeben und aufgestellt.
Mit einem Festgottesdienst wurde in Pappenheim eingeweiht.
Am 17. Mai hatte dann Landesbischof Johannes Friedrich die die erste bayerische Weidenkirche mit einem Festgottesdienst eingeweiht. Daneben beteiligten sich unter anderem Landesjugendpfarrer Gerd Bauer, Dekanatsjugendpfarrerin Ulrike Werner, Landjugendpfarrer Günther Werner sowie die Vorsitzende der Evangelischen Jugend, Judith Wüllerich, an der Ausgestaltung des Gottesdienstes.
Für Landesbischof Dr. Johannes Friedrich ist die Pappenheimer Weidenkirche "das Sommermärchen 2007". In seiner Predigt, die auf dem biblischen Text "Seht, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?" (Jes 43, 19a) basierte, bescheinigte er den Verantwortlichen die Gabe, eine "Sehnsucht nach Neuem" zu wecken. Von dieser Sehnsucht hätten sich die jungen Helfer anstecken lassen und ihre Arbeitskraft zur Verfügung gestellt.
Zusammen mit zahlreichen Jugendlichen teilten sie das Abendmahl an die vielen Gottesdienstbesucher aus - eine Gemeinschaftsaktion, die auch das gute Miteinander während der Planung und Realisierung des Projektes wieder spiegelte.

Judith Wüllerich, Vorsitzende der Evangelischen Jugend Bayern und selbst zwei Wochen Weidenkirchenbauerin, wünschte sich, dass die Weidenkirche ein Ort werde, "wo junge Christen gemeinsam ihren Glauben leben und feiern. Der Geist des Herrn soll im wahrsten Sinne des Wortes durch die Kirche wehen."
Jugend ist Gemeinde
Eine Kirche im Grünen bleibt dennoch etwas Besonderes - diese Ansicht vertrat zumindest die Vizepräsidentin der Landessynode, Frau Dorothea Deneke-Stoll: "Viele Menschen fühlen sich gerade in der Natur Gott sehr nah. Ich bin mir sicher, dass die Weidenkirche ein Ort ist, wo Kirche nahe am Menschen ist und erfahrbar gemacht werden kann."
Dies bestätigte auch der Präses des BDKJ, Johannes Merkel, der sich nach den Naturerfahrungen des verregneten Gottesdienstes zu dem Ausspruch hinreissen liess: "Ich habe heute schon gelernt, dass

dies kein Gotteshaus für Weicheier ist".
Rund 400 Besucher drängten sich trotz des kräftigen Segensgusses "von oben" in und um das grüne Gotteshaus, um diesem diesem spirituellen Moment beizuwohnen und gemeinsam mit den Verantwortlichen aus Evangelischer Jugend und Evangelischer Landjugend, den am Bau beteiligten Jugendlichen und zahlreichen Ehrengästen diese Ereignis zu feiern.
In zahlreichen Grussworten lobten Vertreter aus Politik und Kirche das neu entstandene Gotteshaus. Landjugendpfarrer Günther Werner bedankte sich bei den Mitarbeitern der Evangelischen Jugend für die vertrauensvolle Zusammenarbeit während der gesamten Bauphase: "Mit der

Weidenkirche ist die Verbindung zwischen der Landjugend und der Evangelischen Jugend noch deutlicher und lebendiger geworden".
Die Weidenkirche solle ein Ort der Begegnung mit Menschen, mit Gottes Schöpfung und mit Gottes gutem Geist werden. Diesem Wunsch schlossen sich Vertreterinnen der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde, Brigitte Durner und Marianne Model, an: sie überreichten als symbolisches Zeichen für die Ökumene zwei Fliederbüschen in den Farben rot und weiss.
Als besondere Anerkennung erhielten die mit neonfarbigen Baujacken ausgestatteten jungen Bauhelfer eine vom Landesbischof unterzeichneten Dankesurkunde. Und Verena

Wassink, Vorsitzenden des Landesjugendkonventes, überreichte den staunenden Bauleuten eine Weidenkirche-Torte.
Dennoch wäre all das ohne positive Erfahrung von Kirche und Gemeinden, in denen Jugendliche ihre Heimat sehen, nicht gelungen: "Die Evangelische Jugend ist Gemeinde, ist Kirche" würdigte der Landesbischof an dieser Stelle den Jugendverband. Auch wenn sich subjektiv für manche Jugendliche mit "Kirche" die Assoziation von toten Wänden verbinden, so stehe die Weidenkirche gerade für das Gegenteil: "lebendig-organisch, Wachstum und natürlich".