|
 60 Fußballspiele waren in Sachsen Mitte Februar 2007 abgesagt worden. Damit setzte der Deutsche Fußballbund ein deutliches Signal im Kampf gegen sinnlose Gewaltaktionen in Stadien. Internetaufrufe in der rechtsradikalen Szene hatten eine Wiederauflage der jüngsten Gewaltszenen in Aussicht gestellt, die sich nach dem Fußballspiel Catania-Palermo in Italien abgespielt hatten. Was ist los in Deutschland, fragte sich jetzt der Dresdner Bischof Joachim Reinelt, der selbst ein leidenschaftlicher Fussballfan ist.
Als Problem nicht nur in Ostdeutschland hat Bischof Reinelt aus Dresden die Situation bezeichnet. Vielmehr läge ein “umfassenderes" Problem vor: “Die ganze europäische Jugend ist relativ allein mit ihren bedrängenden Problemen. Dann kommen Situationen, in denen die, die tatsächlich einsam sind, um sich schlagen. Da werden politische Anlässe genutzt oder eben auch sportliche. Man will einfach die angesammelte Wut aus sich heraus prügeln."
Das Ballspiel der Maya war ein religiöses Ritual, mit dessen Hilfe Kontakt zu den Göttern aufgenommen werden sollte. Nicht selten, so weiss man heute, gehörten Könige zu den Ballspielern, welche die Unterstützung der Götter suchten. Auch zur Besänftigung der Götter wurde das Ballspiel benutzt. Manchmal soll es beim Spiel auch Blutopfer gegeben haben. Derartiges gibt es in modernen Fussballstadien heute dummerweise immer noch.
Für Präses Alfred Buß, der früher selbst im Tor stand, ist Fussball voller religiöser Rituale und damit ein Gleichnis für das Leben und auch für die Religion, aber: "Der Grund der Religion ist Gott", unterstrich der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW). Deshalb warnte er davor, "Fussball als Religion zu verkaufen", auch wenn der Einzug der Mannschaften und die Gesänge der Fans für viele eine Art gottesdienstlicher Liturgie sind. Der leitende Theologe der westfälischen Kirche hat aber grössten Respekt vor den Fussballprofis, die ein Spiel als missionarische Chance nutzen. Das tun etwa jene Brasilianer in der Mannschaft Bayern München, die ein Transparent mit der Aufschrift "Jesus liebt dich" über den Rasen trugen. "Sie bekennen sich zu ihrem Glauben an Christus, nicht an den Fussball", sagte Buß. Die als Hooligans titulierten 'Randalespinner' werden immer jünger und immer gewalttätiger. Die extrem militante Szene radikalerer Sportfans überschneidet sich zudem in weiten Bereichen mit links- und rechtsextremen Kreisen, wie es in einem Bericht des BKA heisst. "Die Hooligans sind zum Teil gut organisiert und zehn bis 15 Prozent der Szene unterhalten Kontakte zum rechtsextremen Milieu," liessen auch Schweizer Behörden verlauten. Zum Teil gebe es aber auch Überschneidungen zwischen jungen unorganisierten Hooligans und den Mitläufern bei linksextremen Demonstrationen. Eine Entspannung sei nicht in Sicht.
Ganz generell hat nach Beobachtungen der Polizei die Intensität der Gewalt zugenommen. Gleichzeitig sank das Alter der Täter, von denen zahlreiche jünger waren als 16 Jahre. Ebenfalls beobachtet wurde ein eigentlicher Krawalltourismus. Nach Ansicht der Staatsschützer ist vorerst kein Abflauen der Gewalt bei Sportanlässen in Sicht. Im Gegenteil, eine Zunahme des Phänomens werde von behördlicher Seite beobachtet. Es sei zudem davon auszugehen, dass während der Fussball-Europameisterschaft 2008 Hunderte bis Tausende gewaltbereite Fussballfans sich um entsprechende Stadionkarten bemühen würden.
Auf dem Spielfeld sieht Präses Buß den Fussball als gebändigte Gewalt an. Schon in der Sprache werde dies deutlich, "wenn etwa deutsche Spieler als Panzer bezeichnet werden oder wenn in englischen Zeitungen bei Spielen gegen Deutschland immer noch vom ‚Blitzkrieg’ die Rede ist. " Weil der Kampf um die Tore gebändigte Gewalt sei, könne der Sprung zur echten Gewalt ständig möglich sein. Das würde schon das grosse Polizeiaufgebot bei den Spielen zeigen." Unter den tatsächlichen Fans sei die Gewalt jedoch geächtet. Der Theologe bekräftigte diese Aussage mit dem Hinweis darauf, dass ein Gegenfoul stärker bestraft wird, als ein Foul. Das liege auf der Linie der biblischen Bergpredigt: Jesus fordert seine Jünger auf, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten: "Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem halte auch die andere hin." Hannovers Landesbischöfin Dr. Margot Kässmann: "Lust am Fussball, Spielbein in Aktion, aber mit dem Standbein wissen, wo ich stehe, wo ich Halt finde, darum geht es. Fussball findet nicht nur auf höchster Ebene, sondern im kleinsten Verein und auf dem Bolzplatz um die Ecke statt. Soziale Integration also - das ist ja auch das Anliegen der christlichen Kirchen. Ja, da leistet der Sport ganz viel. Ich bin sehr dafür, dass Kirche und Sport mehr zusammen arbeiten. Wir haben hier etwa einen Nordseelauf unter dem Motto 'Mach nicht halt, lauf gegen Gewalt'. Beim Hannover-Marathon laufen wir (die Bischöfin läuft selbst mit) beim 10-Kilometer-Pro-Toleranzlauf mit. Und es gibt eine Aktion 'fair trade - fair play' mit kleinem Soccer-Court, der Fussball in den Gemeinden nutzt, um ins Gespräch zu kommen."
Bischof Reinelt will das Problem in seiner Diözese offensiver angehen: Hier sei Soforthilfe gefragt. Da habe er auch schon einige Ideen: “Wir werden immer mehr die Projekte Jugendkirche hier im Osten entwickeln. Ich habe sehr grosse Bereitschaft bei einigen Pfarreien gefunden. Ich denke, das könnte sehr wirksam sein, wenn man jungen Menschen zeigt, dass das Leben wieder Sinn macht, dass man eine klare Zielstellung hat, dass man weiss, woher man kommt und wohin man geht. Die Botschaft ist natürlich gerade: Schenkt euch die Liebe, die euch Gott nahe bringt, oder noch besser: “Lasst euch die Liebe Gottes schenken", und ihr werdet glücklich. Und Glück ist das Fundament für eine gute Familie." Niemand hat ein Recht, auf dich herabzusehen, weil du noch so jung bist. Allerdings musst du in jeder Beziehung ein Vorbild sein, in allem, was du sagst und tust: In der Liebe, im Glauben und in deiner ganzen Gesinnung. (1. Timotheus 4, 12) |