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Jugendkirchen: Klettertouren zum Glauben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas Krüger / Eingestellt von Ch. Schwaninger   
Freitag, 31. März 2006

 

                                                                                                                                                                          

Mit Spiritualität und Spektakel versuchen die Kirchen, junge Leute für religiöse Themen zu interessieren

Hilfe, ich kann das nicht, ich falle!“ Katharina ist angst und bange – doch sie gibt nicht auf. Gesichert durch das Seil, hangelt sie sich am Klettergerüst weiter empor. Zehn Meter über dem Boden, der Blick nach unten auf Altar, Kruzifix und die Graffiti an der Kirchenwand – eine atemberaubende Perspektive. Später, als sich die Seilschaften in der „Jugendkirche Tabgha“ mit Pfarrer Bernd Wolharn um das Gipfelkreuz versammeln, sprechen die sonst oft so coolen Jungen und Mädchen von ihrer Angst, der Hilfe durch die anderen, dem festen Halt beim Klettern und überhaupt im Leben.

„Bei Tabgha gilt das Prinzip: Kein Event ohne religiöse Dimension“,


sagt der Theologe Hans Hobelsberger, der die katholische Jugendkirche in Oberhausen im Auftrag der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz wissenschaftlich begleitet. Was vor fünf Jahren als Experiment des örtlichen Katholischen Gemeindeverbandes begann, entwickelte sich, so Hobelsberger, zu einem Modell, das bundesweit ausstrahlt. Tabgha wurde zur Ideengeberin für viele der rund 70 Jugendkirchen-Projekte, die über die Website www.jukis.org ökumenisch vernetzt sind.

Mit einer Mischung aus Spiritualität und Spektakel lockt Tabgha – benannt nach dem biblischen Wunder der Brotvermehrung – nicht nur ohnehin kirchlich engagierte Jugendliche. Beim Klettern im Gotteshaus oder dem Skater-Event „Halfpipe to Heaven“ wagen auch eher glaubensferne junge Leute den Schritt über die Schwelle eines sakralen Raumes. Manche kommen wieder, schreiben, inszenieren und spielen Musicals wie „Genesis 1“ oder „Godspell“ oder arbeiten in Theater- und Fotoprojekten mit.

Und jeden Sonntagabend strömen mehrere Dutzend junge Leute in die Jugendmesse. Da spielt die Band statt frommer Melodien auch mal den Westernhagen-Song „Leben“, oder es dröhnt die „Tote-Hosen“-CD „Ich will nicht ins Paradies“ aus den Boxen – Anknüpfungspunkte für seine Verkündigung findet Pfarrer Wolharn zuhauf.

 

Die Aura der „Location“

Fachleute wissen, dass Kirche mit der Lebenswirklichkeit junger Menschen sonst nur wenig zu tun hat. „Sie erleben kirchengemeindliches Leben oft nur noch als fremde Welt“, diagnostiziert etwa das Evangelische Jugendwerk in Württemberg. Ein nur gelegentliches Angebot von Jugendgottesdiensten oder ein paar neue Kirchentagslieder reichen vielen nicht aus. Mit ihrem Konzept, ein Gotteshaus den Jugendlichen dauerhaft zur Gestaltung und Nutzung zu überlassen, sind Jugendkirchen aus Sicht des evangelischen Theologieprofessors Ulrich Schwab aus München die „zur Zeit innovativste Form kirchlicher Jugendarbeit“. Für die katholische Kirche ist ein solcher Schritt von besonderer Symbolkraft: „Wir stellen den Jugendlichen etwas zur Verfügung, was uns heilig ist“, sagt Tabgha-Forscher Hobelsberger.


Auch der protestantische Nachwuchs weiß die besondere Aura eines Kirchengebäudes zu schätzen. Bei der Auswahl einer „Location“ für die Jugendkirche Hannover gaben die befragten Jugendlichen der Lutherkirche eindeutig den Vorzug: Ein alter Bau sollte es sein, als Kirche gleich erkennbar, mit Turm und Glocken. Altar, Taufbecken und Kanzel blieben auf ihren ausdrücklichen Wunsch an ihrem Platz – unbequeme Kirchenbänke gibt es jedoch nicht mehr. Statt dessen viel freie Fläche zum Tanzen, Träumen und Meditieren. Bei Gottesdiensten, Konzerten und anderen Ereignissen nehmen die Besucher auf Stühlen oder roten Sitzkissen Platz. Den Ankömmling begrüßt das gläserne „Café Kubus“, das den Blick in den pink, blau, grün oder violett angestrahlten Altarraum freigibt.


Auch in Hannover wird seit gut einem Jahr jeden Sonntagabend Jugendgottesdienst gefeiert. „Wenn nichts Besonderes los ist, kommen 20 Besucher – mit steigender Tendenz“, berichtet Jugendpastor Torsten Pappert. Manchmal ist es aber auch proppenvoll – und nicht nur beim Konzert der „Allee der Kosmonauten“ oder der Harry-Potter-Nacht. Die Evangelische Jugend Hannover zeichnete erstmals 150 Mädchen und Jungen aus, die sich in Gemeinden und Jugendzentren ehrenamtlich engagieren.

Auch Alex war darunter, der freitags bei der „Chill Lounge“ die Musik auflegt. Den Abiturienten, zuvor der Kirche gegenüber eher skeptisch eingestellt, zieht vor allem „das ganze Flair“ an. Die 18-jährige Aileen, die im Café Cocktails anbietet und im Fotoprojekt mitarbeitet, möchte, dass die Jugendkirche noch mehr „auf den Punkt“ kommt – nicht nur beim Gottesdienst und dem „Bibeln mit Heiko“.


Auf der anderen Seite muss die Jugendkirche in Hannover noch bekannter werden – große Events haben für Torsten Pappert vor allem einen Werbeeffekt: „Viele betreten nach 10, 15 Jahren erstmals wieder eine Kirche.“ 2006 soll eine Reihe mit christlichen Fußball-Stars im Vorfeld der WM neues Publikum anziehen: Bibelarbeit, Andacht und Event stehen dann im Zeichen des Fußballs. Auch Kirchengemeinden und Schulen profitieren von der Jugendkirche: Jede Woche besuchen fünf oder sechs Konfirmandengruppen oder Religionsklassen das Gotteshaus und behandeln mit dem Jugendpastor Themen wie Beten, Glaubensbekenntnis oder „Meine Traumkirche“.


Während die Jugendkirche in Hannover noch bekannter werden und an ihrem Profil feilen muss, hat Tabgha in Oberhausen nach fünf Jahren ein „relativ gutes Image“ (Hobelsberger) erreicht. Drei Viertel der katholischen Jugendlichen in der Revierstadt kennen Tabgha, die Hälfte war selbst schon mal da. Und die Jugendkirchen-Gäste sind in hohem Maße zufrieden. Nicht nur für die 22-jährige Katharina ist Tabgha ein Zuhause geworden: „Hier wird unsere Sprache gesprochen, es ist Gemeinschaft da, die Botschaft kommt rüber“, sagt die Theologiestudentin, die in der Kirche ihre Angst vorm Klettern überwand.


Doch in ihre Begeisterung mischt sich Sorge um die Zukunft von Tabgha. Die Projektphase endet in einer Zeit großer finanzieller Not des Bistums Essen. Bei der bevorstehenden großen Strukturreform stehen alle Institutionen auf dem Prüfstand, heißt es im Generalvikariat. Aus 260 Pfarreien werden demnächst 34 Groß-Gemeinden, davon drei in Oberhausen – Mittelebenen wie der Katholische Gemeindeverband fallen weg.

Wilhelm Tolksdorf, der Leiter des Seelsorgeamtes der Diözese, geht dennoch davon aus, „dass Tabgha eine gute Zukunft haben wird“. Es gelinge dort, „römisch-katholische Liturgie und zeitnahe Symbolik miteinander zu vereinen“. Die Jugendkirche solle weiter ein Leuchtturm sein können, der über das Bistum hinausstrahle – ein Modell für Gottesdienste und neue Wege in der Begegnung von Jugend und Kirche. Mitte Januar werde klar sein, wie es strukturell, finanziell und personell weitergehe. Bis dahin kann Katharina nur hoffen, dass ihre Angst auch diesmal unbegründet ist: „Gerade die Jugendkirche dicht zu machen, die so vieles angestoßen hat, das wäre ein Armutszeugnis.“



Süddeutsche Zeitung, POLITIK, Freitag 30. Dezember 2005, München Seite 9 · Bayern Seite 9 · Deutschland Seite 9

 


 
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