FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 20.10.03 zu KIRCHENMITGLIEDER ALS KUNDEN, MEHR JUGENDKIRCHEN EINRICHTEN: Der Theologe Michael Ebertz über Kirchenmitglieder als Kunden und die expandierende Sozialkirche Frankfurter Rundschau: Die Kirchen verlieren an Einfluss in der Gesellschaft. Woran liegt das? Michael Ebertz: Die Kirchen haben keine Zwangsmittel mehr gegenüber den eigenen Mitgliedern. Das Befehl-Gehorsam-Modell früherer Zeiten greift nicht mehr. Die Beziehung zwischen der amtlichen Kirche und den Kirchenmitgliedern ist ein Tauschverhältnis geworden. Die Leute suchen sich aus den kirchlichen Angeboten das heraus, was ihnen nutzt. Sie bestimmen selbst, was ihnen wichtig ist.
Die Kirche kann den Menschen nicht mehr von außen auferlegen, was sie aus Sicht der Institution eigentlich zu glauben hätten. Glaube und Religion sind heute selbstbestimmt. Sie werden kaum mehr kollektiv getragen. Doch viele Verantwortliche in den Kirchen haben diese gesellschaftliche Veränderung noch nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Wenn sie es täten, was müssten Sie tun? Dann würde die Kirche eine stärker angebotsorientierte Seelsorge betreiben, das heißt: Sie würde dafür sorgen, dass es Kirchengemeinden unterschiedlichster Couleur gibt, konservative, progressive, sozial orientierte, kulturell orientierte. Sie würde zum Beispiel mehr Jugendkirchen einrichten, Kirchenläden in den Innenstädten und dergleichen. Die Menschen wollen nach ihrem Geschmack und nach ihren Themen und Zeitrhythmen auswählen. Denn eine einheitlich gestrickte Seelsorge gehört der Vergangenheit an. Wenn die Kirchen hier nichts verändern, wird die Kirchlichkeit immer mehr an Bedeutung verlieren. Studien zeigen, dass viele Kirchenmitglieder nicht mehr an den Himmel, die Hölle oder einen persönlichen Gott glauben. Bricht der christliche Glaube ein? Es glauben mehr Kirchenmitglieder - wohlgemerkt: Kirchenmitglieder - an Engel als an den dreifaltigen Gott. Und selbst von den Katholiken, die jeden Sonntag in die Kirche gehen - das sind rund 16 Prozent der Kirchenmitglieder - glaubt jeder Dritte zum Beispiel an die Wiedergeburt, was er offiziell eigentlich nicht dürfte. Das Problem für die Kirche wie für die Gläubigen selbst ist: Es gibt einen Zwang zu diesem Subjektivismus, weil der kirchliche Glaube nicht mehr gesellschaftlich abgestützt ist. Der einzelne Gläubige ist heute auf sich selbst gestellt. Und entsprechend macht er sich eben seine eigenen Gedanken. Dann ist es heute eigentlich beliebig, ob und wie man Kirchenmitglied ist? Die meisten Kirchenmitglieder verstehen sich als Kunden der Kirche - so nach dem Motto: Wenn ich Kirchensteuer zahlen muss, dann entscheide ich auch selbst, was mich an Kirche interessiert und was nicht. Diese Menschen greifen zu bestimmten Zeiten auf die Kirche und ihr rituelles Angebot zurück, vor allem bei Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Bei der Bewältigung und Gestaltung von Lebenswenden, die in der Familie eine Rolle spielen, ist die Kirche nach wie vor als religiöser Dienstleister gefragt. Aber darüber hinaus immer weniger. Wobei inzwischen allerdings auch die alte Koalition zwischen der Kirche und den Familien zerbricht: Die Familien lassen sich nicht mehr von der Kirche in ihre Belange hineinreden. Sie sind zum Beispiel immer weniger bereit, die Kinder im Sinne eines verlängerten Arms der Kirche zu erziehen. Getauft werden die meisten Kinder immer noch, aber das war's dann meist auch. Weiter gehende Ansprüche werden von den Familien zurückgewiesen. Kinder- und Jugendarbeit, Religionsunterricht - das wird alles schwieriger, weil immer weniger selbstverständlich. Damit bröckelt aber auch die früher problemlose Gewinnung neuer, aktiver Mitglieder. Und dennoch hat die Kirche als Dienstleistungsunternehmen nicht an Bedeutung verloren. Da hat sie sogar an Bedeutung gewonnen. Alle neueren Untersuchungen belegen, dass die Menschen die sozialen Dienstleistungen der Kirchen, also etwa die Sozialstationen, die Krankenhäuser, die Ehe- und Lebensberatungsstellen, nicht nur begrüßen, sondern sagen, dass die Kirchen hier noch mehr tun könnten. Dabei beschäftigen Caritasverband und Diakonisches Werk zusammen bald eine Million Mitarbeiter in Deutschland. An der Seelsorgearbeit der Kirchen, jedenfalls im herkömmlichen Stil, sind die Menschen allerdings weniger interessiert. Hier tut sich eine große Kluft auf. Wir können auf der einen Seite eine deutliche Entkirchlichung feststellen, auf der anderen Seite eine Ausweitung der Sozialkirche. Das ist Ausdruck einer Expansion des Sozialstaates, nicht aber des kirchlichen Christentums. Dem Selbstverständnis der Kirchen läuft diese Entwicklung aber doch zuwider? Es findet sozusagen eine Verdiesseitigung des Kirchenverständnisses statt. Und diese Entwicklung geht einher mit einem gewissen Jenseitsverlust der kirchlichen Predigt, das heißt: Die Deutung des Todes mit all den Fragen nach Schuld, Vergebung und Gerechtigkeit wird in den Kirchen selbst kaum mehr thematisiert. Die Kirchen geben damit ein ureigenes religiöses Thema auf. Da brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Menschen fragen, wofür man denn die Kirchen noch braucht. Wenn die Kirchen die entscheidende Frage nach der jenseitigen Gerechtigkeit für die unschuldigen Opfer von Krieg, Verfolgung und Leid nicht mehr stellen, wenn es letztlich egal ist, wie einer sein Leben führt, weil die Botschaft nur noch heißt: "Der Himmel geht über allen auf", dann machen sich die Kirchen tendenziell überflüssig. Dann fragen die Leute, warum sie sich überhaupt an eine Kirche binden sollen. Wenn man genau hinschaut, dann befriedigt die Kirche bei vielen, die sich in den Kirchengemeinden engagieren, im Grunde nur deren Bedürfnis nach Gemeinschaftserleben. Hier unterscheidet sich die Kirche dann aber nicht mehr vom Gesangsverein oder vom Kaninchenzüchterverein. |