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Die Sachwalter des Religiösen büßen ihre ureigenste Kompetenz ein PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
Sonntag, 26. Oktober 2003
FRANKFURTER RUNDSCHAU  20.10.03 / ANALYSE ZUM THEMA  JUNGE MENSCHEN UND KIRCHE

Die Lage ist widersprüchlich: Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche als Institution ab, räumen ihr aber gleichzeitig einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert ein.
von Hartmut Meesmann (Wiesbaden) Die Kirche wird nach wie vor als unabhängige moralische Instanz wahrgenommen, wenn auch ihr Ruf inzwischen merklich angeknackst ist. Die Kirche wirkt als Symbol für ein Miteinander, wie es "eigentlich" sein könnte oder sollte - auch wenn dieselben, die sich eine kirchliche Orientierung wünschen, diese entrüstet zurückweisen, wenn sie ihren eigenen Ansichten widerspricht.

Bei aller Tendenz, die Religion in die privaten vier Wände zu verbannen, wünschen viele sich weiterhin, dass die Kirchen etwa zu Fragen von Krieg und Frieden, der Bioethik oder der Sterbehilfe Stellung nehmen. Dieselben Leute aber haben anscheinend keine Ahnung (mehr) vom Innenleben dieser Institutionen. Denn wenn nach einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung nur 18 Prozent der Bevölkerung die aktive Sterbehilfe "deutlich" ablehnen, viele ihrer Befürworter nun aber eine ethische Erklärung zu diesem Thema von den Kirchen erwarten, dann zeigt dies, wie diffus bis unrealistisch die Erwartungen an die Kirchen sind. Deren Stellungnahme wird in jedem Fall gegen die aktive Sterbehilfe gerichtet sein. Warum wünschten sich viele Zeitgenossen eine Verurteilung zum Beispiel des Irak-Krieges durch die Kirchen, während von einer kritischen Bewertung des derzeitigen Wirtschaftssys-tems nirgends die Rede ist? Geht es da etwa nicht um ethische Fragen?

Vertrauensverlust, Überalterung und Desinteresse - das sind die Trends, die die althergebrachte Volkskirche erschüttern und die dazu führen, dass die christlichen Kirchen an Prägekraft in der Gesellschaft einbüßen. Die Gemeinden, die bereits aus Spargründen und wegen des Pfarrermangels zusammengelegt werden, bluten langsam aus. Der "heilige Rest" steht in der Gefahr, sich abzuschotten und am eigenen Ofen zu wärmen.

Damit aber wird das Gemeindeleben für Außenstehende uninteressant - nicht nur für junge Menschen. Zwar gibt es, wie nicht nur die aktuelle Mitgliederuntersuchung der Evangelischen Kirche verdeutlicht, nach wie vor ein nachgewiesenes Interesse vieler Menschen an ritueller Begleitung durch die Kirchen an den so genannten Lebenswenden: Geburt, Hochzeit, Tod. Doch auch hier sind die Zahlen rückläufig.

Religiöse und quasi-religiöse Rituale sind in der Gesellschaft zwar mehr denn je gefragt. Doch ist das Riten-Monopol der Kirchen längst gebrochen. Die Sachwalter des Religiösen verlieren ihre ureigene Kompetenz an freie (religiöse und nichtreligiöse) Anbieter, so genannte Riten-Designer. Nur durch die Qualität ihrer Seelsorge kann die Kirche noch überzeugen. Selbstverständlich ist (fast) nichts mehr - noch nicht einmal die kirchliche Beerdigung.

Hinzu kommt: Auch all jene kirchlichen Initiativen, die ihre Organisation lebensnäher, zeitgemäßer und damit moderner machen wollen, haben es schwerer als noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Denn: Nur vier Prozent der Bevölkerung und gerade mal ein Drittel der Katholiken und etwas weniger Protestanten halten Reformen in den Kirchen für dringlich. Die jungen Leute sind an der real existierenden Kirche fast gar nicht mehr interessiert. Das bedeutet: Auch Reformbewegungen wie die katholische Kirchenvolks-Bewegung oder die ökumenische "Initiative Kirche von unten" drohen - möglicherweise sehr bald schon - zu vergreisen. Sie verlieren ihr junges Unterstützerpotenzial, was schon heute auf ihren Treffen zu beobachten ist. Wenn aber die internen Reformanstöße versanden, dann bleibt irgendwann allein der harte, überwiegend konservative Kern übrig, der den Abschied von der Volkskirche beschleunigen dürfte.

Mit innerkirchlichen Reformthemen sind nur noch wenige Menschen zu interessieren. Selbst wenn zum Beispiel die katholische Kirche morgen Priesterinnen hätte oder die evangelische Kirche auch einmal eine Bischöfin an ihre Spitze wählte - was beides durchaus zu begrüßen wäre -, ihre schwieriger gewordene Rolle in der Gesellschaft würden die Kirchen dadurch nicht verbessern.

Vielleicht bleibt wirklich nur der Weg des ausgewählten, uneigennützigen politisch-diakonischen und religiös-therapeutischen Dienstes an der Gesellschaft, um wieder mehr Resonanz zu erzielen.

Aber noch eine andere Frage wird künftig kaum zu unterdrücken sein: Ob nämlich den Kirchen angesichts ihres schwindenden Einflusses weiter eine bevorzugte Rolle in der Gesellschaft zustehen soll, die sich in ihrem Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts zeigt. Organisationen der Konfessionslosen und Humanisten heben diese Frage immer wieder auf die Tagesordnung. Noch gibt es in den politischen Parteien, den großen allzumal, kaum sonderliches Interesse, an den bestehenden Kirche-Staat-Verträgen zu rütteln. Aber das könnte sich ändern - in vierzig, fünfzig Jahren vielleicht.
 
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