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Discokirche, Atelierkirche, Supermarktkirche, Sparkassenkirche... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Willi Schönauer   
Sonntag, 11. April 2004


 In Holland ist das alles bereits Realität, uns wird es in den nächsten Jahren einholen: Gemeinden fusionieren, Kirchen stehen leer und neue Nutzungen ziehen in die häufig denkmalgeschützten, bisher sakralen Gebäude ein. Eine auf die Vermarktung der himmlischen Immobilien spezialisierte niederländische Agentur vermittelte alleine in den letzten zehn Jahren über 100 Objekte.

Wo einst Gläubige andächtig beteten, stehen heute Kassenschalter, Geldautomat, Warenregal, Ausstellungsstücke, Staffelei, parkende Autos oder auch der private Wohnzimmertisch. Die Umnutzungen liefen nicht immer glücklich und neben den verunsicherten Gemeindemitgliedern, die nun dort einkaufen sollen, wo sie früher getauft wurden, führte der Rückzug der Kirchen aus der Fläche zu einer weiteren, unerwartet heftigen Welle der Verluste bei den Gemeindemitgliedern.

 

Hier in Deutschland haben die Amtskirchen aus den Fehlern unserer Nachbarn einiges gelernt, früh reagiert und allzu wilden Umnutzungen einen Riegel vorgeschoben. Die Deutsche Bischofskonferenz hat Richtlinien für Umnutzung, Nutzungserweiterung oder die Profanierung von Kirchen erlassen. Für Letzteres sehen diese auch eine Feier der Entweihung vor, da für Katholiken die geweihte Kirche ein « steinernes Glaubenszeugnis » , ein « Heiligtum » , ist. In jedem Fall sei der Erhalt einer Kirche durch Umnutzung dem Abbruch vorzuziehen. Discos soll es nach dem Willen der Bischöfe in Kirchen nicht geben, höchstens ein « ehrbares Gasthaus » . Auch dürften der Symbolwirkung wegen keine Kirchen an islamische Gemeinschaften oder Sekten veräussert werden. Die Richtlinien der lutherischen Kirche gehen in die gleiche Richtung. Dennoch gibt es auch hier bereits Ateliers, Wohnungen und Discos (siehe dazu auch unseren früheren Artikel Disco Pirmasens) in ehemaligen Kirchen.

 Dort, wo früher im Turm vier Glocken zur Messe läuteten, legen sich die Hausherren zur Ruhe. Und unweit der Stelle, wo jahrzehntelang die Ministranten standen, blättert Rolf Link jetzt in den Büchern seiner Privat-Bibliothek. Nur dank seines guten Rufs, den der Architekt bei den Kirchenoberen des Erzbistums Köln hat, konnte er vor rund 15 Jahren die Rondorfer Pfarrkirche "Heilige Drei Könige" erwerben und für rund 1,5 Millionen Euro umbauen. Nun lebt und arbeitet er unter der offiziell entweihten, exklusiven Adresse und öffnet einmal jährlich beim Tag des offenen Denkmals seine vier hohen Wände für die Öffentlichkeit, um die Heizkosten braucht man ihn allerdings nicht zu beneiden.
Andere Kirchen sind zur Vermietung für Veranstaltungen freigegeben, z.B. in Hamburg die St. Johannis-Kirche in Altona und in Berlin die evangel. Heilig-Kreuz-Kirche.

 

Kürzlich hat Agentin Mickey Bosschert in Amsterdam das Kloster der heiligen Rosa von Lima verkauft. Das ehemalige Refektorium ( Speisesaal ) beherbergt jetzt eine Kantine der Heilsarmee, das Che die Stadtbibliothek und das Hauptschiff Büroräume und Studio eines Filmunternehmens. Bosschert unterhält in Amsterdam eine Immobilienagentur, spezialisiert auf Kirchengebäude. Der Maklerin zufolge wurden in den Niederlanden in den letzten zehn Jahren 623 Kirchen veräussert (siehe dazu auch einen Bericht des Bayrischen Rundfunks).



Verfügte die katholische Kirche in Amsterdam 1970 noch über 44 Kirchengebäude, sind es heute gerade noch 20. Auch die Reformierten haben bis zu 40 Prozent ihrer Kirchengebäude verkauft. In Holland wie in England sind die Kirchen auf freiwillige Spenden angewiesen, darum hat hier der Bedeutungsverlust der Kirchen die augenfälligsten Folgen.

 In der angesagten Amsterdamer Discokirche „Paradiso“ gibt es viel Livemusic bekannter Pop-Gruppen, am Wochenende stehen in dem riesigen Gebäude mit hoher Decke und        Empore auch Mega- DJ-Events auf dem Programm. Ebenfalls in Amsterdam befindet sich im Gebäude eines ehemaligen Klosters das Mittelklasse-Hotel Arena, die frühere Klosterkirche wurde zur Clubdisco „Arena Tonight“.


Michael Meier schreibt zum Thema Kirchengebäude-Überschuss am 24.02.04 im Schweizer Tagesanzeiger:

Erster Abriss im Kanton Genf
Im Kanton Genf ist die Finanzlage der protestantischen Kirche so prekär, dass sie laufend Immobilien verkaufen muss. Bisher seien es noch keine Kirchgemeindehäuser, das könne aber noch kommen, sagt Kirchenratspräsident Joël Stroudinsky.

 

Ohne auf Details eingehen zu wollen, kündigt er an, dass nun erstmals in einer Gemeinde eine Kirche samt Gemeindehaus abgerissen werden soll; eine Stiftung will dort für ein Flüchtlingswerk bauen. Ähnlich sieht es im Kanton Basel- Stadt aus. In den letzten 25 Jahren ist die Zahl der Katholiken von 90 000 auf 34 000 zurückgegangen, jene der Reformierten von 80 000 auf 39 000. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Kirchensteuer, die 8 Prozent der Einkommenssteuer beträgt. Beide Kirchen haben etliche Pfarrstellen eingespart und Kirchgemeinden bzw. Pfarreien zusammengelegt. Die reformierte Kirche hat auch bereits ein Kirchgemeindehaus verkauft, in Klein- Basel. Die katholische rechnet ebenfalls damit, dass in Zukunft Kirchen umgenutzt werden müssen.



Was in Hamburg und Amsterdam passierte, könne auch in Zürich Realität werden, sagt Grossmünster- Pfarrer Christoph Sigrist. Als Mitglied des Ökumenischen Forums für StadtKirchenArbeit Zürich denkt er auch über eine erweiterte Nutzung der protestantischen Altstadtkirchen nach. In der Innenstadt gebe es zu viel Kirchenraum, sagt Sigrist. Umgenutzt wurde bisher einzig der Chor der Predigerkirche, er wurde der Zentralbibliothek überlassen. In gewissen Kirchen sind auch Fremdvermietungen an Freikirchen Praxis.



Pfarrhäuser ohne Pfarrer

Bei den Katholiken spitzt sich die Situation zusätzlich durch Priestermangel zu. Im Kanton Zürich ist jede zweite Pfarrei ohne eigenen Pfarrer. In vielen Pfarrhäusern wohnen keine Pfarrer mehr. In Zukunft sollen jeweils mehrere Pfarreien unter einem einzigen Seelsorgeteam zusammengefasst werden. Auch das wird Überkapazitäten an Kirchenraum schaffen.



Neues Leben in City- Kirchen

Speziell die grossen Stadtkirchen in den ehemals dicht bevölkerten Innenstädten werden für viele Kirchgemeinden zur finanziellen Belastung. Statt sie zu verkaufen oder umzunutzen, wird versucht, diese Kirchen neu zu beleben: Die so genannten City- Kirchen übernehmen mit Ausstellungen, Konzerten und Events mehr gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben und haben als Begegnungsorte, Kulturzentren oder Konzerträume ganz unterschiedliche Profile.

In Zürich bietet seit 1991 der Offene St. Jakob am Stauffacher eine Vielfalt von Aktivitäten an. In Basel gibt es seit 1994 die Offene Kirche Elisabethen, in St. Gallen seit 1998 die Offene Kirche St. Leonhard. Auch in den Städten Genf, Bern, Luzern, Freiburg und Chur bestehen City- Kirchen- Projekte.

Entstanden ist die City- Kirchen- Bewegung in den 80er- Jahren zuerst in England und Holland. Im deutschsprachigen Raum eroberte sie besonders die protestantischen Städte von Lübeck bis Basel.





Ausverkauf in Deutschland

Auch in Deutschland, wo die Kirchensteuern bisher reichlich flossen, kommt es zu einem Ausverkauf der Kirchen. « Wir stehen erst am Anfang eines Prozesses » , sagt Annegret Reitz- Dinse, Geschäftsführerin der Arbeitsstelle Kirche und Stadt in Hamburg. Vor allem die in den 60er- und 70er- Jahren erbauten Kirchen stellten eine enorme Überkapazität dar und seien nicht mehr finanzierbar. In Hamburg stünden mehrere Kirchen zum Verkauf, aber erst eine sei bisher veräussert worden – an die griechisch- orthodoxe Gemeinde.



In Frankfurt ist der Abriss dreier Kirchen geplant, unter anderen der von Hochhäusern umgebenen Matthäuskirche. In Wuppertals evangelischer Kreuzkirche wohnen seit einem Jahr 14 allein erziehende Mütter und Väter mit ihren Kindern. Vor allem in Ostdeutschland, wo der Sanierungsbedarf der evangelischen Kirchengebäude auf 9 Milliarden Euro beziffert wird, rechnet man mit einem Ausverkauf der Kirchen. Bei den Katholiken wirken sich nicht nur rückläufige Kirchensteuermittel aus, sondern auch der Priestermangel. In den zum Teil überschuldeten Bistümern wird derzeit bei 100 Kirchen eine Umnutzung erwogen.



In der Schweiz ist die Entwicklung noch zwei Schritte hinter Holland und einen hinter Deutschland zurück. Mitgliederschwund und Finanzdruck machen den Kirchen aber auch hier schwer zu schaffen, zumal dort, wo sie vom Staat getrennt sind und über keine Steuern oder Staatsbeiträge verfügen.

Soweit der Auszug aus Michael Meiers Artikel.

 Der Zwang zur Umnutzung von Kirchengebäuden ist eine große Chance für Jugendkirchen. Wenn diese rechtzeitig starten, kann aus „überflüssigen“ oder nur noch schwach genutzten Kirchengebäuden ein Kristallisationspunkt für „Jugendmission“ werden, ein Ort, an dem gegen den landesweiten Trend Gemeinde wächst, selbst wenn diese Jugendlichen dann nicht sofort wieder in die althergebrachte Kirchenstruktur eintreten. Bevor kommerzielle Nutzungen die atmosphärisch ausgesprochen reizvollen Locations für Jugendkirchenarbeit unwiderruflich entziehen, kann ein kaum da gewesener Freiraum für Experimentelles genutzt werden. Seit langer Zeit entfällt dann nicht mehr der Hauptanteil innovativer kirchlicher Jugendarbeit auf den Ausgleich mit konservativen Kreisen der Gemeinde, sie kann sich nun viel effektiver auf das Ausloten von Grenzerfahrungen in Jugendpastoraler Arbeit konzentrieren, den Lebenswelten der Jugendlichen entsprechend. Gleichzeitig ist das der effektivste Weg, um dem wachsenden spirituellen Interesse Jugendlicher Raum zu geben, im wörtlichsten Sinn, und damit Abwanderungen zu anderen Gruppierungen vorzubeugen. Es macht daher auch Sinn, mit Jugendkirchenarbeit zu beginnen, selbst wenn noch kein geeignetes Gebäude zur Verfügung steht – es werden bald genug Gebäude zur Disposition stehen. 

 
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