Die Kirche scheint die allgemeine demographische Entwicklung vorweg zu nehmen. Wo Gottesdienstbesucher nicht ganz ausbleiben, werden sie immer älter. Eine Gruppe scheint dabei besonders die Ungleichzeitigkeit kirchlicher und moderner Lebenswelt zu repräsentieren: junge Erwachsene. Im sozialen Netz der gemeindlichen Aktivitäten fallen sie meist heraus, zu alt für die Jugend, zu jung für z.B. Gebetskreise, die oft von Seniorenkreisen nicht zu unterscheiden sind und zu ungebunden für die Familien. Zu einem Studientag mit dem Thema "Junge Kirche" waren Frau Rhein und Herr Wehrle geladen.
Singles erscheinen in der traditionellen Wahrnehmung als ein Fall für die Berufungspastoral, es wird jedenfalls schwer nach dem Abschied von den Hochschulgemeinden noch ein Obdach in der Kirche zu finden, das man mit Gleichaltrigen teilen könnte. Mit vielen Fragen, Erfahrungen und Erwartungen startete der Studientag zum Thema „Junge Kirche" in der Studienbegleitung des Karl Rahner Hauses.
Unter dem Thema sind zwei Aspekte zusammen geführt: die aktuelle Entwicklung der Seelsorgeeinheiten und die Sitautation junger Erwachsener (18-35) in den Gemeinden. Der ungewisse, aber unvermeidliche Umbruch im klassischen Gemeindemodell spiegelt mit Blick auf die jungen Erwachsenen nicht nur einen Mangel im Priesternachwuchs wieder. Die sich wandelnde Sozialstruktur, berufliche Flexibilität und abnehmende Bindungen vor Ort stellen das lokale Integrationsmodell Gemeinde–Verein in Frage – zu sehr verstreuen sich durch hohe Mobilität die Lebensschwerpunkte junger Erwachsener. Eine verbindliche regelmäßige Teilnahme an Angeboten ist für das Milieu „moderner Performer" zeitlich nicht erschwinglich.
In einer überaus erhellenden und praxisnahen Einführung in die Sinus U27 Studie, die in Zusammenarbeit von BDKJ und Heidelberger Sinus Institut entstand, zeigte Sabine Rhein von der diözesanen Fachstelle für Junge Erwachsene, die Milieuverteilung junger Kirchgänger plastisch auf. Das trotz der starken kirchlichen Verwurzelung im traditionellen Milieu Priesterberufungen ausbleiben spricht daher für einen tiefgreifenden sozialen Wandel.
Der quantitative und qualitative Zusammenhang von sozialer Stellung und Werteorientierung, den die Sinusmilieus abbilden, führte zur Überraschung nicht weniger Teilnehmer in anschaulichen Beispielen die unsichtbaren, aber wirksamen Milieugrenzen vor Augen. Sabine Rhein plädierte aus der Praxis deshalb entschieden für eine Wahrnehmung der Milieusituation der Gemeinde und eine bewusste Orientierung und Schwerpunktsetzung. Dass außerhalb der „bürgerlichen Mitte" und „postmaterialistischer" Milieus kaum andere junge Gruppen kirchlich beheimatet sind, zeigt noch einmal, dass eine kirchliche Identifizierung nicht außerhalb eines sozialen Idiolekts geschieht.
Die gesellschaftlich einflussreiche Gruppe der „modernen Performer", welche dem Motto „work hard – party hard" folgt, zeigt durchaus eine Offenheit für spirituelle Sinnsuche, ist aber hierarchischen Strukturen und ihrer traditionellen Milieufärbung gegenüber ebenso skeptisch wie den hohen Idealen einer postmaterialistischen Alternativkultur abseits des erfolgreichen Mainstreams. Milieuspezifische Angebote seien deshalb bei der Pastoral der Fachstelle angesagt, sie berücksichtigen sowohl die ästhetischen als auch die medialen Differenzen der Zielgruppen.
Die Frage, ob die eine generationen- und milieuübergreifende Gemeinde noch zukunftsfähig sei, oder ob nicht der zunehmenden gesellschaftlichen Ausdifferenzierung mit „Personalgemeinden" entsprochen werden sollte, die schwerpunktmäßig junge Erwachsene, Familien, oder Jugendliche beheimaten, drängte sich dabei immer mehr auf und wurde kontrovers diskutiert. Pfarrer Franz Wehrle aus der Seelsorgeeinheit Freiburg Südwest sprach sich für eine mutigere Akzentuierung der Gemeinden aus.
Er ist nicht nur an der Entwicklung der Pastoralen Leitlinien beteiligt gewesen, sondern begründete auch das Mannheimer Evangelisierungsteam mit, das mit unkonventionellen gemeindeübergreifenden Angeboten junge Erwachsene und kirchlich Fernstehende anzusprechen versucht. Das Modell wurde mit den „Wegen Erwachsenen Glaubens" in Freiburg fortgesetzt. Interessanterweise berichtet Pfarrer Wehrle bereits aus seiner Kaplanszeit von der fehlenden Jugend, von der damals niemand gesprochen habe.
Den Abschluß des Studientages bildete eine gemeinsame Visionsarbeit zur Kirche der Zukunft. Will die Kirche ein offener und authentischer Gesprächspartner für die Suchbewegungen der Gegenwart sein, so wurde unter anderem festgehalten, wird sie nicht umhin kommen Milieublindheiten zu reflektieren. Wo das kirchliche Machtmonopol mit Milieugrenzen zusammenfällt, wird die Kommunikation selbstredend erschwert und im Ernstfall unmöglich.
Ob solche Angebote den kritischen Konsumenten im Supermarkt der Religionen noch zu verkaufen sind, wird dabei wohl der Markt entscheiden. Den Fragen der jungen suchenden Zeitgenossen wird man sich jedenfalls nur um den Preis der Selbstisolierung entziehen. Dass die Evangelien aber von einer „Jungen Kirche" erzählen, die mutig Freiheitsräume eröffnet, Leiden zur Sprache bringt und Hoffnung freisetzt bleibt mitteilenswert und ist in die Sinnhorizonte und Sprachwelten junger Menschen zu übersetzen.
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