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Jugendkirche für drei Jahre PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pierre roh   
Sonntag, 28. Februar 2010

Bremens erstes Gotteshaus nur für Jugendliche öffnete am gestrigen Samstag seine Pforten. Unter dem Namen «Garten Eden 2.0» können nun die jungen Menschen die Kirche nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. «Die Jugendkirche setzt kein fertiges Konzept vor», betont Projektleiterin Almut Schmidt. Nach Angaben der Bremischen Evangelischen Kirche soll Kreativität eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielen: Neben den Gottesdiensten gehören Tanzen, Musik, Theater und Berufsberatung zu den Angeboten. Auch ein Internetcafé und ein Probenraum für Musikgruppen sind vorgesehen.

Es ist so voll, dass in den Gängen Papphocker aufgeklappt werden, die vom Kirchentag im Mai übrigblieben. Seit langer Zeit dürfte die einstige Philippuskirche nicht mehr so viele Gottesdienstbesucher gesehen haben: Etwa 200 überwiegend jugendliche Gäste kamen Seewenjestraße in Gröpelingen, um mit Projektleiterin Almut Schmidt, Landesjugendpfarrerin Ruth Fenko und Renke Brahms, dem Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) , ein fröhliches Fest mit viel Musik und reichlich Applaus zu feiern.

Im Mittelgang ist ein Kreuz aus Blumenbeeten aufgebaut, die Gäste sollen dort Osterglocken-Setzlinge einpflanzen um "die Kirche aufblühen zu lassen." Durch die Stuhlreihen laufen Mädchen und verteilen Knetgummi: Jeder soll "etwas von sich" kneten und zur Erinnerung an die Eröffnungsfeier an ein großes Holzkreuz kleben. Ab 15 Uhr gab es Mitmachaktionen, Ausschnitte aus den Musical-Proben, eine Lesung des jungen Literaturclubs Gröpelingen, Essen und Trinken und vieles mehr.

Um 17 Uhr begann der Jugendgottesdienst mit Renke Brahms und Ruth Fenko. "Wir danken für den Mut, hier Prioritäten gesetzt zu haben", sagt zu Beginn des Gottesdienstes Projektleiterin Almut Schmidt, und "schön, dass die Kirche so voll ist und es hier so lebendig zugeht", freute sie sich. "Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung: Prioritäten setzen für junge Menschen in unserer Kirche."

Kommunikation mit der Jugend, daran mangelt es der Kirche wie an kaum etwas anderem. "Vielen Jugendlichen heute ist die Institution Kirche von vornherein fremd und deshalb gleichgültig - sie wollen sie nicht einmal mehr verändern", fand eine Studie des Rates der Evangelischen Kirche heraus. Die Kirche sei "auf dem religiösen Markt für Jugendliche nur noch eine Anbieterin für Sinnfragen neben anderen." Sie könne "auf keinen Bonus rechnen und nur wenig voraussetzen."

In der Kirche und auf dem Außengelände stellte sich das Projekt an diesem Tag ausserdem mit einem umfangreichen Programm vor - die Aktionen reichten von Fitness über Kunstinstallationen und Gedicht- und Dicherlesungen des Jungen Literaturclubs Gröpelingen bis hin zu einer Rap-Werkstatt. 

Bunte Strahler an Aluminium-Traversen tauchten zwischenzeitlich Altar und Kreuz in warmes Licht. Langsam zog der Musikpädagoge Björn Jentsch die Regler am Mischpult hoch, und fast 20 Bremer Jugendliche a gemeinsam mit Schauspielerin und Regisseurin Maria von Bismarck langsam, sich zur Musik zu bewegen: Eine Kostprobe aus dem ersten Projekt, einer Musical-Produktion mit dem Titel "Jakobs Aufbruch", das im Juni Premiere hat, gaben die jungen Darsteller schon am gestrigen Tag. "Dafür", verrieten vorab einige der Darsteller, "haben wir uns zum Beispiel ein besonderes symbolisches Ritual überlegt". 

Musik gab es natürlich reichlich - denn ebenfalls zu Gast in Gröpelingen war an diesem Tag die Bibelrockband "Himmlisch" aus Habenhausen. Dann kommt eine Habenhauser  auf die Bühne, die tatsächlich "Himmlisch" heißt. Der Sänger trägt einen türkisfarbenen Pulli und eine gleichfarbige Sonnenbrille im Haar und versichert, dass ihr Set ausnahmslos aus "bekannten Hits" zum Mitsingen bestehe. Zur Sicherheit werden die Texte trotzdem an eine Leinwand projiziert. 

"Das ist so ein Gänsehaut-Feeling wie beim Kirchentag hier", ruft der Sänger. Und spätestens als ein Mädchen und ein Junge vom Altar zur Kollekte für ein haitianisches Behindertenprojekt aufrufen, erinnert die Stimmung in der Tat an diesen. Kontrapunktisch zum Bibelrock immerhin ging es zu Ende: Abends wurde mit Live-Musik das Rap-Trios D.I.P. und Discjockey JC alias Jan Christian Jerko auf die Kids losgelassen.

"Garten Eden 2.0 - Die Jugendkirche Bremen" heißt das stadtteilübergreifende Projekt der Bremischen Evangelischen Kirche also und das bietet hier vom Internetcafé bis zum Band-Probenraum alles, was Jugendliche brauchen, um sich kreativ auszutoben. Neben Tanzen, Musik und Theater gibt es Gottesdienste, Meditationsangebote oder auch Berufsberatung und Bewerbungshilfen. Junge Menschen von 14 bis 27 Jahren - so die Idee hinter dem Projekt Jugendkirche - sollen hier in den kommenden drei Jahren junge Menschen in einem von ihnen selbst verantworteten Kirchenraum in Kontakt mit dem Glauben treten können.

Auch wenn das Innere des 1967 erbauten Gotteshauses nach dem Ausbau mehrerer Wände und der Kirchenbänke dank eines robusten neuen Holzfußbodens und professioneller Veranstaltungsausstattung mit moderner Licht- und Tontechnik jetzt ein bisschen aussieht wie eine Großraumdisko mit Altar: In dem Gröpelinger Gotteshaus geht es auch weiterhin um die Verkündigung des Glaubens - nur eben jugendgerecht aufbereitet.

"Wir setzen ganz stark auf die Jugendlichen, die ihre Kirche nach eigenen Wünschen und Vorstellungen selbst gestalten können", erläutert Projektleiterin Almut Schmidt. "Die Jugendkirche setzt Jugendlichen können ihre Kirche nach eigenen Vorstellungen verantwortlich mitgestalten und -entscheiden." Neben den von Jugendlichen veranstalteten Gottesdiensten wird es hier zum Beispiel auch Ausstellungen, Konzerte, Theaterstücke und Kinofilme geben.

"Schön, dass der Garten Eden nun in Gröpelingen steht", betonte anschließend BEK-Schriftführer Renke Brahms, "das "2.0" verstehe ich als größtmögliche Begegnung und Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und religiöser Herkunft - dies ist ein toller Ort dafür!"Landesjugendpfarrerin Ruth Fenko gelobte Zurückhaltung. "Macht Euren Kram alleine - unseren Segen habt ihr", bescheidet sie den meist jungen Gästen. Die sollen aus der Kirche einen "Ort größtmöglicher Kommunikation" machen.

Durch junge Menschen bleibt die Kirche lebendig: Dieser Gedanke steht ebenso hinter der Jugendkirche wie generell das Bestreben der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), für Jugendliche attraktiver zu werden. Seit den frühen Neunzigern sind deshalb in Deutschland immer mehr Jugendkirchen entstanden. Auftanken, in chilliger Atmosphäre über Gott und die Welt sprechen, sich kreativ mit unterschiedlichen Inhalten auseinander setzen oder sich sozial und politisch engagieren - all dies ist in der Jugendkirche möglich, die sich als Ort für Jugendkultur, Begegnung und interreligiösen Austausch versteht.

Zu viele und im Unterhalt zu teure Kirchengebäude einerseits und schrumpfende Gemeinden andererseits - sicher führt auch diese Entwicklung dazu, dass man sich innerhalb der Kirche zunehmend Gedanken um eine zielgruppengerechtere Nutzung kirchlicher Gebäude macht. Eine andere mögliche Antwort wurde vor rund drei Jahren in Bremen nach dem Vorbild von Köln, Hamburg oder Berlin mit der Einrichtung der Kulturkirche St. Stephani gefunden. Diese Einrichtung ist inzwischen ein Erfolgsmodell. Sie möchten viele kulturinteressierte Bremer inzwischen nicht mehr missen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge hatte sich vor acht Monaten die Evangelischen Gemeinde in Gröpelingen und Oslebshausen nach fast 43 Jahren von ihrer Kirche getrennt - vor allem im Kirchenchor fühlte man sich bei den Planungen damals übergangen. In die engere Auswahl für die Jugendkirche geschafft hatten es neben der Philippuskirche vor knapp zwei Jahren übrigens auch die Waller Wilhadi-Gemeinde im Steffensweg und die Osterholzer Gemeinde Ellener Brok in der Graubündener Straße. Die Jugendkirche wird nach einem Beschluss der Synode der Bremischen Evangelischen Kirche für zunächst drei Jahre eingerichtet. Dann wird der Erfolg überprüft und über eine Verlängerung entschieden. Der jährliche Etat beträgt 180.000 Euro.


siehe auch    Jugendkirche im Endspurt      

 

 

 

 
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