Der Phrase "die Jugend ist unsere Zukunft" gehört zum ausgeleierten Standard-Repertoire einer jeden gesellschaftspolitischen Rede, wenn alles beim Alten bleiben soll. Auch auf der Syode der Rheinischen Landeskirche war dieser abgenutzte Spruch immer wieder zu hören. Jedoch möchte die Evangelische Kirche im Rheinland tatsächlich mehr für die Jugend tun. Doch so einfach ist das nicht, zumal Simone Mechels einen weiteren Abbau von Hauptamtlichen befürchtet, gegen den sie sich vehement stemmt.
"Organisierte Kinder- und Jugendarbeit braucht ein stabiles Netzwerk von Hauptamtlichen", bestärkt sie der Vorsitzende der Evangelischen Jugend im Rheinland, Thomas Weckbecker. Breche das Netzwerk der Hauptamtlichen weg, sinke das Engagement der Ehrenamtlichen. Sein grösster Wunsch für die Zukunft sei, dass die Jugendarbeit in der momentanen Qualität erhalten oder sogar ausgebaut werde.
Der jüngste Jugendbericht der Rheinischen Landeskirche, der jetzt auf der Landessynode in Bad Neuenahr vorgestellt wurde, weist allerdings erschreckende Fakten aus. Ein Beispiel: Die Zahl der Vollzeitkräfte in der Kinder- und Jugendarbeit hat sich von 1997 bis 2007 um die Hälfte reduziert. Gemeinden und Kirchenkreise müssen sparen. Öffentliche Zuschüsse fliessen nicht mehr so üppig wie einst. Entwarnung ist nicht in Sicht. "Der Abbau schreitet voran", heisst es in dem Jugendbericht (siehe auch →
Jugendkirche trotz Personalabbau ).
450 hauptamtliche Kräfte wirken noch in der Kinder- und Jugendarbeit. Viele von ihnen arbeiten Teilzeit, weil mehr nicht finanzierbar ist. "Dabei sind die Hauptamtlichen dringend notwendig", sagt Landesjugendpfarrerin Simone Mechels. "Sie garantieren die notwendige Professionalität - etwa in der Bildungsarbeit. Sie halten das Netz an Ehrenamtlichen zusammen." Mechels weiter: "Zudem sind die Hauptamtlichen für die Fort- und Weiterbildung unverzichtbar."
Ein Blick in die aktuelle Shell-Studie zeigt, dass junge Menschen durchaus Interesse an Religion haben. Die Hälfte der befragten Jugendlichen bezeichnet sich als religiös. Knapp 70 Prozent halten eine Kirche für wichtig, die sich sozial und ökologisch engagiert. Trotzdem: "Der Blick in die Zukunft ist nicht rosig. Die Jugend von heute tritt ein schweres Erbe an", erläuterte Mechels.
Grund ist unter anderem die Wirtschaftskrise. Mechels befürchtet eine weitere Zunahme von Armut. Aber nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart sei düster. Denn etwa 1,9 Millionen Kinder werden in Familien, die von Hartz IV leben, gross. Die Schere zwischen Arm und Reich sei auch schon in der Lebenswelt der Jugendlichen geöffnet, so ihre Erfahrung.
Um diese Jugendlichen nicht zu verlieren, greifen die ersten klammen Kirchenkreise zu Pool-Lösungen: Mehrere Kirchengemeinden finanzieren einen Jugendleiter gemeinsam. Ein anderer Weg sind die 23 Jugendkirchen-Projekte der Rheinischen Landeskirche. Hier bekommen Jugendliche alle erdenkbaren Freiheiten, Gottesdienste in ihrer eigenen Sprache, Musik und Spiritualität zu feiern - natürlich mit seelsorglicher Begleitung.
Weckbecker verweist in diesem Zusammenhang auch auf das veränderte Freizeitverhalten Jugendlicher. So fänden Angebote der evangelischen Jugendarbeit häufig am Nachmittag statt. Ganztagsschulen nähmen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zur Teilnahme. Dazu komme, dass unter den etwa 15000 Ehrenamtlichen in der evangelischen Jugendarbeit im Rheinland ebenfalls viele Schülerinnen und Schüler seien, die ihr Ehrenamt somit nicht mehr ausüben könnten.
Doch Weckbecker stellte auch Lösungen vor. So berichtete er von Projekten der evangelischen Jugendarbeit in Kooperation mit Ganztagsschulen. Es gebe Gemeinden, in denen Jugendarbeit an einem Nachmittag in der Schule sei, "natürlich ohne Pflicht zur Teilnahme". Noch immer erreicht die rheinische Kirche Tausende von Jugendlichen jedes Jahr. Ein Beispiel: 2008 nutzten 25 000 junge Menschen ein Freizeitangebot der Evangelischen Landeskirche.
Doch zugleich sind die kirchlichen Gremien stark überaltert. Auch hier gibt der Jugendbericht Auskunft: 2008 waren von 8551 Presbyterinnen und Presbytern lediglich 336 zwischen 18 und 29 Jahren alt. Die Autoren der Expertise fordern einen "Mentalitätswandel". Auch wenn Jugendliche in Leitungsgremien immer noch selten sind, gibt es positive Entwicklungen: Der 17-jährige Tim Polick ist einer von sechs Jugendlichen, die als Gast an der Landessynode teilnehmen. In seiner Gemeinde in Wuppertal-Cronenberg, berichtete der Schüler, sind drei von zwölf Presbytern und Presbyterinnen jugendlich.
Problematisch für die Jugendarbeit ist auch die Ganztagsschule. Den Jugendlichen fehlt dadurch die Zeit, sich in der kirchlichen Jugendarbeit zu engagieren. "Wir müssen viel stärker in die Schulen rein", so Landesjugendpfarrerin Mechels. Vielleicht muss die Kirche auch intensiver virtuelle Netzwerke wie Facebook und SchülerVZ nutzen. Jugendpfarrerin Mechels gesteht in Bad Neuenahr ein, dort bislang noch außen vor zu sein, obwohl sich nach und nach ein Umdenken abzeichnet, das von den heutigen Jugendlichen ausgeht und die jugendlichen von vorgestern zumindest punktuell positiv beeinflusst.
Als Beispiel für die Veränderungen, die von den Jugendlichen auf die Gemeinde ausgehen, nannte Polik die Einstellung einen neuen Jugendleiters: "Die Presbyter haben uns bei der Vorstellung der Bewerber nach unserer Meinung gefragt und erst dann entschieden." Der Leitende Dezernent im Landeskirchenamt, Dr. Stefan Drubel: "Wir dürfen nicht aufhören, Jugendliche mit ihrem Glauben in unsere Gemeinden einzuladen. Wir brauchen das junge Gesicht des Glaubens, damit wir lebendig bleiben als Kirche", betonte er.
Wenn man die Aussagen zwischen den Zeilen zu verstehen bereit ist, wenn man mit eigenen Erwartungen umzugehen weiss, wenn man bereit ist, auf jedes Kind, jeden Jugendlichen individuell einzugehen - und dazu Zeit und Raum hat - wäre die ideale Voraussetzung für christliche Jugendarbeit gegeben. In den Jugendkirchen wurde diese Voraussetzung zumindest im Ansatz geschaffen.
Beim Studientag "Jugend: Glaube-Kirche-Religion" am 2. Februar 2010, 10.00 bis 15.30 Uhr, werden die wichtigsten Erkenntnisse darüber, wo Jugendliche in Sachen Kirche, Glaube, Religion stehen, vorgestellt, darunter speziell die BDKJ-Sinus-Milieu-Studie "Wie ticken Jugendliche", zu der →
Herr Dr. Hans Hobelsberger von der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, afj und Referat Jugendpastorale Bildung, referieren wird.
Mit der Studie über die Evangelische Jugend, dem ausführlichen Kapitel "Jugend und Religiosität" in der letzten SHELL-Jugendstudie (beide Ende 2006) und der →
SINUS-Milieu- Studie "Wie ticken Jugendliche" des BDKJ (2007) sind in den letzten Jahren Erkenntnisse veröffentlicht worden, die geradezu zu einem klaren "Ja" zu breit gestreuten Aktivitäten mit und für Kinder und Jugendliche zwingen - ergänzt durch andere, oft in Fachzeitschriften versteckte und weitgehend unbemerkte Studien.
Angesichts einer sich immer wieder neu orientierenden Kirche, der anstehenden Umstrukturierungen kirchlicher Arbeitsbereiche und neuer Prioritätensetzung kann der Einsatz für den Erhalt breiter und vielfältiger kirchlicher Jugendarbeit ein gutes Fundament brauchen. Das →
Amt für Jugendarbeit der EKiR, Graf-Recke-Str. 209, 40237 Düsseldorf lädt ein
die Fakten zur Kenntnis zu nehmen,
sie im fachlichen Austausch und auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen konzeptionell aufzugreifen,
gemeinsam zu überlegen, wie wir zwischen der Konzentration auf "das Eigentliche" und totaler Entkirchlichung jedem Jugendlichen individuell gerecht werden,
und mit den eigenen Erwartungshaltungen angesichts eines Spektrums von "frei floatendem" Glauben, Katechetik und "UNESCO-Gott" umgehen können.
Evangelische Jugend im Rheinland – das sind mehr als 100.000 Mädchen und Jungen sowie junge Erwachsene. Allein 10.000 Jugendliche und junge Erwachsene engagieren sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit. Zurzeit gibt es 450 Vollzeitstellen in der evangelischen Jugendarbeit, davon werden 300 durch die Kirchenkreise und Gemeinden finanziert.