
"Wenn man erzählt, dass das Christkind die Geschenke bringt, sollten Kinder wissen, dass das ein Spiel ist", sagt Michael Schnabel, wissenschaftlicher Referent des Staatsinstituts für Frühpädagogik (München) in der "Augsburger Allgemeinen". Der Katholik warnt Eltern davor, ihren Kindern die Mär vom Christkind zu erzählen, stattdessen sollen sie den Kleinen sagen, dass es die Erwachsenen sind, die die Geschenke unter den Baum legen. Unglücklich findet der Theologe die Tradition, dass der Nikolaus mit seiner Rute zur Bestrafung für Ungehorsam herhalten soll. "Religiöse Dinge sollten nicht mit Strafe verbunden sein."
Dieser Meinung ist auch der Pädagoge und Buchautor Wolfgang Bergmann. Er rät Eltern dazu, in der Adventszeit die biblische Weihnachtsgeschichte zu erzählen. Der Pädagoge begründet dies damit, dass "Kinder besonders empfänglich für die besondere Stimmung des Weihnachtsfestes" seien. Jesus auf dem Schoß seiner Mutter, der beschützende Josef sowie die Tiere im Stall seien starke Bilder, die selbst die größten Rabauken beeindruckten. "Ich kenne aus den Märchen kaum Vergleichbares", so Bergmann.
Kinder hätten religiöse Bedürfnisse, so der Pädagoge weiter. Seiner Ansicht nach könne der kindliche Glaube an das Christkind oder den Weihnachtsmann trotzdem so lange wie möglich aufrecht erhalten werden. Es gehe darum, beglückende und versöhnliche Bilder zu schaffen. Der Weihbischof Matthias König ist dagegen prominenter Unterstützer der bundesweiten Aktion "weihnachtsmannfreie Zone" des in Paderborn ansässigen Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken.
So wie viele andere wünscht sich Weihbischof König den heiligen Nikolaus zurück. Der heilige Nikolaus habe viel mehr zu bieten, der Weihnachtsmann sei eine Kunstfigur und Erfindung der Konsum- und Geschenke-Industrie. Am Vortag des Nikolausfestes erinnerte das Bonifatiuswerk in der Paderborner Fußgängerzone an die Bedeutung des heiligen Bischofs von Myra.
Die österreichische Entwicklungspsychologin Ursula Kastner-Koller sagte, es komme darauf an, welche Funktion diese Figuren einnähmen. Pädagogisch gesehen regen Christkind und Co. die Fantasietätigkeit an. Verbinde man den Glauben daran mit etwas Positivem, etwa der Idee, jemandem etwas zu schenken, so sei das aus pädagogischer Sicht nicht schädlich. Bedenklich sei jedoch, wenn die Figuren als Erziehungsinstanzen eingesetzt werden, so Kastner-Koller. "Der Glaube an den Weihnachtsmann gehört zu unserer Kultur einfach dazu", sagt die Psychologin Felicitas Heyne gegenüber dem Nachrichtenportal "ntv". Für die meisten Kinder sei es ihrer Ansicht nach kein Schock, wenn sie erfahren, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.
Es sei, so Felicitas Heyne, eher ein Gefühl von "Oh, schade", das jedoch schnell durch das Triumphgefühl aufgewogen werde, hinter ein Geheimnis der Erwachsenen gekommen zu sein. Mütter und Väter müssten nicht befürchten, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren: "Kinder spüren ganz schnell, dass die Eltern sie nicht 'angelogen' haben, sondern ihnen eine schöne Erfahrung vermitteln wollten." Nach Ansicht der Psychologin haben Kinder keine Probleme damit, gewisse Widersprüche auszuhalten, weil der Weihnachtsmann in der Vorstellungswelt der Kinder Teil der "guten Mächte" sei.
Der Glaube an den Weihnachtsmann ist also weder gut noch schlecht. Die Frage aber, welche Bedeutung die biblische Geschichte von der Geburt Jesu in ihrer Familie haben soll, müssen Eltern individuell für ihre Familie festlegen. Und damit auch die Traditionen, die sie an den Weihnachtstagen befolgen wollen.
Das amerikanische Fachmagazin "Child Development" hat im Jahr 2006 eine amerikanische Studie veröffentlicht, die untersuchte, ab welchem Alter Kinder zwischen Realität und Erfindung unterscheiden können. Forscher erzählten 400 Kindern zwischen drei und sechs Jahren verschiedene Geschichten und wollten dann von den Kindern wissen, ob sie diese für wahr oder erfunden hielten. Dabei stellte sich heraus, dass Kinder ab dem Alter von vier Jahren sehr wohl imstande waren, Realität und Erfindung zu unterscheiden.
Die Figur des Weihnachtsmanns geht auf die Legende um den heiligen Nikolaus zurück. Er ist aber keinesfalls mit diesem gleichzusetzen. Bischof Nikolaus von Myra lebte im 4. Jahrhundert und gilt als Schutzpatron für die Kinder. Traditionell wurde er in Europa als hoch gewachsene, ernste Bischofsfigur dargestellt.
In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte sich die Figur des dicken Weihnachtsmannes im roten Mantel durch. Am 27. November 1927 schrieb etwa die New York Times: "Ein standardisierter Santa Claus erscheint den New Yorker Kindern. Größe, Gewicht, Statur sind ebenso vereinheitlicht wie das rote Gewand, die Mütze und der weiße Bart." Im Jahr 1931 begann Coca Cola mit der bekannten Werbekampagne, die einen rot-weißen Weihnachtsmann zeigt.