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Ohne Öku geht in der Jugendkirche nix PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Willi Schönauer   
Montag, 23. November 2009

Kürzlich gab es in einer süddeutschen Jugendkirche das Casting für ein Musical - viele Jugendliche, fast alle mit erheblichem Talent, bewarben sich, um in den verschiedenen Sparten mitmachen zu dürfen. In der Fragerunde sagte dort eine 17-Jährige: "Ich bin nicht getauft und gehöre keiner Kirche an - ist das schlimm?" Wenn dann ein cooler Mitarbeiter antwortet: "Kein Problem, hier MUSS keiner beten, aber wenn Du mal eine Frage dazu hast, kannst Du sie mir gerne stellen" sind die ersten Schwellen gegenüber Kirche schon abgebaut.


Auf einen Schlag kommen hier 30 Jugendliche zusammen - davon maximal ein Drittel kirchlich sozialisiert - sie sind dabei, um etwas zu lernen, sich auf der Bühne auszuprobieren und ganz nebenbei werden Fragen entstehen, wenn in einer Kirche geprobt wird und vielleicht sogar Musical-Elemente als Auftritt in einen Jugendgottesdienst eingebaut werden.
 
Das Wirkprinzip Jugendkirche funktioniert. Überall dort, wo Menschen es ehrlich meinen mit jugendlicher Beteiligung, dort wo sie IHRE Kirche ganz neu erfinden dürfen, wo gemütliche Oasen und "fette Deko" im Kirchraum zum Verweilen einladen, wo über Klettergerüsten eine Gipfelkreuz-Andacht gefeiert wird, wo Musik-Video-Clips und Ausschnitte aus angesagten Kinofilmen zu regelmäßigen Elementen im Gottesdienst werden, verzeichnen Jugendkirchen etwas Ungewöhnliches in der Kirchenlandschaft: Stabil bleibende oder sogar wachsende Anzahl von jugendlichen Stammgästen.
 
Bei Unterrichtseinheiten frage ich SchülerInnen, was ihnen so in den Sinn kommt, wenn sie an Kirche denken. Eines der häufigsten Worte, das an der Tafel erscheint, ist: langweilig . Ein vernichtendes Urteil, denn wo etwas langweilig ist, geht man nicht hin, da wird nicht einmal mehr diskutiert - Abstimmung mit den Füßen, das Ende von Nachwuchs in der Kirche.

Statt dessen sollte Kirche für Jugendliche wie ein Überraschungs-Ei sein: "Spannend, was zum Spielen und was zum Naschen". Diesen Wandel hinzubekommen, ist nicht ganz leicht - aber es lohnt sich, besonders in Jugendkirchen, wo eine Angebots-Dichte möglich ist, die ähnlich der "kritischen Masse" in der Atomphysik eine Kettenreaktion ermöglicht.
 
Dort wo es richtig gemacht wird, nehmen Jugendliche Impulse mit und kommen gelegentlich zum "Nachtanken" wieder vorbei, frei floatende Jugendliche ohne bisherige Kirchenbindung docken an und beginnen - egal ob konzeptuell vorgesehen oder nicht - Jugendgemeinde zu bauen. Manche Jugendkirchen-Theoretiker machen daraus einen Prinzipien-Streit: Hier das "Raumaneignungs-Konzept" und "Tankstelle Kirche", dort das Konzept "Jugendgemeinde". Dabei kommen doch bei praktisch jedem JuKi-Projekt beide Formen vor - nur in unterschiedlicher Gewichtung.
 
Bei sogenannten Tandem-Modellen, bei denen sich bisherige Heimat-Gemeinde und Jugendkirche einen Kirchenraum teilen, hört die Wirkung von Jugendkirche übrigens nicht bei den Jugendlichen auf: Mancher Erwachsene ist gerne Zaungast bei JuGodis und weiteren Events, auch hier sehnen sich eine bemerkenswerte Anzahl von Personen nach  weniger traditionellen Angeboten und hungern nach lebendigen, emotional packenden, unkonventionellen Gottesdiensten - für sie gibt es bisher noch weniger Zielgruppen-Angebote. Dieses Problem haben auch ältere JuKi-Projekte, wenn die erste Generation Jugendlicher aus dem Zielgruppen-Alter herausgewachsen ist, aber weiterhin die traditionellen Kirchenangebote nicht nutzen will. Da bleibt nur eine aktive Vitalisierung der bisherigen Heimat-Gemeinde.
 
Jugendkirche ist erfolgreich als niedrigschwelliges Angebot an kirchenferne Jugendliche und inspirierender Ort für kirchennahe - Experimentierfeld für neue Formen von Gottesdienst und Glaubensentfaltung. Vorurteile gegenüber Kirche ("langweilig") werden messbar abgebaut, eigene Ideen können ohne langwierige Prozesse eingebracht und umgesetzt werden, weil ein Team von Ermöglichern und Rücken-Freihaltern gute Rahmenbedingungen dafür geschaffen hat, ohne den Freiraum gleich wohlmeinend nach eigenen Vorstellungen zu besetzen.
 
Jugendkirchen gibt es mittlerweile rund 190 mal im deutschsprachigen Raum, eine richtige Bewegung, von ganz klein bis ganz groß, ständig werden es mehr (siehe auf www.jukis.de ), nun hat auch Nürnberg seine eröffnet - und was für eine! Das ist die gute Nachricht.

Weniger gut ist die Tatsache, dass wir noch weit davon entfernt sind, im Umkreis von 25 km überall eine Jugendkirche zu haben - denn erst dann hätten alle Jugendlichen die Chance, zumindest zweimal im Monat so ein Projekt besuchen zu können. Statt dessen gibt es wöchentlich ein ungeheures Angebot von traditionellen Gottesdiensten Sonntag Morgens für immer weniger BesucherInnen (Zielgruppe dort: ältere Frauen ab 55 mit Interesse an Orgelmusik).
 
Viele Jugendkirchen kämpfen - um ihr Überleben, um die Verlängerung ihres viel zu kurzen Projektzeitraums, gegen Vorurteile, gegen viel zu geringe Sachmittel, gegen zu gering bemessene Personalausstattung, gegen überzogene Ansprüche von außen, gegen Angriffe von Traditionalisten innerhalb und außerhalb der Kirche, gegen schwerfällige Kirchenstrukturen, gegen Neid, gegen Logistik-Probleme und Baumängel….

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Ein Stadtjugendpfarrer hat es einmal so formuliert: Eine völlig überzogene Front, dadurch kaum eine Chance, diesen "Krieg" zu gewinnen. Das klingt ganz schön pessimistisch, beschreibt aber treffend die Realität. Wie soll sich da der "Hoffnungsträger der Kirchenerneuerung", das "Leuchtfeuer in  rabenschwarzen Nacht" auch noch um Vernetzung untereinander kümmern?
 
In der freien Wirtschaft würde man erfolgreiche Unternehmenszweige verstärken: Sie ausbauen und zu Kompetenzzentren weiterentwickeln, damit der Erfolg vervielfacht werden kann. Die ejn, die evangelische Kirche Bayerns und der Dekanatsjugendpfarrer sind hier in Nürnberg mutig den steinigen Weg gegangen und haben Zeichen gesetzt. Kirche insgesamt muss das jedoch erst noch lernen, obwohl es auf der Hand liegt. In Sonntagsreden werden Jugendkirchen inzwischen gerne lobend zitiert, aber im rauen Alltag ist noch kein wirklich günstiges Klima geschaffen, um die Jugendkirchen-Entwicklung gut voranzubringen.
 
Letzte Woche war ich wieder einmal auf einer Jugendkirchen-Versammlung im ländlichen Raum. Dort betonte der leitende Gemeindepfarrer, wie sehr er es begrüßen würde, wenn ALLE, besonders die Jugendlichen, wieder regelmäßig zum zentralen Gemeindegottesdienst Sonntag morgens um 10 Uhr kommen würden.

Zehn Jahre Jugendkirchen-Entwicklung und Diskussion sind an ihm einfach spurlos vorübergegangen, er hatte überhaupt nichts verstanden - da wurde mir erst wieder klar, dass wir noch ganz am Anfang einer kirchlichen Entwicklung stehen.

Um so wichtiger ist rasches Handeln und engagiertes Unterstützen von Jugendkirchen - sonst haben wir bald nur noch leere Kirchen. Ein Jugendlicher fragte mich kürzlich: "Ist das Gotteslästerung, wenn wir so viele verrückte Sachen in der Kirche machen?" Ich finde, es wäre eine Sünde, wenn nicht.

siehe auch:

Ja zur Jugendkirche - wenn sie gut gemacht ist 1

Ja zur Jugendkirche - wenn sie gut gemacht ist 2

Ja zur Jugendkirche - wenn sie gut gemacht ist 3

Ja zur Jugendkirche - wenn sie gut gemacht ist 4 

 
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