 Pfarrerin Susanne Stock wird durchaus vorangetrieben von der Frage, wie dem ständigen Mitgliederschwund durch Kirchenaustritte zu begegnen sei. Ebenso und folgerichtig von der Vision von einer Jugendkirche, einer Kirche von der Jugend für die Jugend. Ihre Augen leuchten bei dieser Vorstellung. "Das wäre wirklich klasse." Sie weiß, dass jenes durchaus gewöhnungsbedürftig wäre, jedoch: "Veränderungen hat es in der Kirche immer gegeben - und sie soll es immer wieder geben."
Als Pfarrerin Susanne Stock jenes am Samstagabend vor der Evangelischen Gemeinde in der Hellweger Pauluskirche sagt, hat sie eigentlich den Reformationstag im Sinn. Doch die Veränderung gilt an diesem Abend vor allem für sie selbst. Nach neuneinhalb Jahren verlässt sie ihre Heimatgemeinde. "Nicht wehmütig, nicht traurig, sondern ganz erfüllt", sagt sie.
"Ich hatte eine schöne Zeit hier, mit der Gemeinde, den Kollegen und dem Presbyterium”, erklärt die Pfarrerin. "Wenn es am Schönsten ist, soll man bekanntlich gehen. So will ich es halten und verabschiede mich nach neun Jahren aus der Kamener Gemeinde. Es war eine gute Zeit mit intensiven Kontakten und einer Arbeit, die mir viel Freude gemacht hat. Jetzt wartet eine neue Aufgabe auf mich."
Sie ist seit April 2000 als Vertretung in ihrer Heimatgemeinde tätig, arbeitete erst im Wechsel mit Pfarrer Brandhorst, dann in der Seelsorge von Behinderten und zuletzt in Kooperation mit Pfarrer Böker. Dazu hat sie fortlaufend in der Seelsorge für die Senioren im Pertheswerk gewirkt. Diese Arbeit sei ihr besonders ans Herz gewachsen, wie auch die Kinderbibelwoche. Den Abschied hatte die Pfarrrerin im Entsendungsdienst - so die offizielle Bezeichnung - letztlich aber selbst betrieben: "Ich wollte eine Veränderung, auch weil meine Stelle hier immer nur im Rhythmus von drei Jahren verlängert wurde."
Die 45-jährige Pfarrerin im Entsendungsdienst übernimmt für ein Jahr eine Vakanzstelle in Königsborn und begleitet dort den Fusionsprozess von Christus- und Paul-Gerhardt-Gemeinde: Zumindest mit einem Viertel ihrer Zeit soll sie den anstehenden Zusammenschluss der Paul-Gerhardt-Gemeinde und der Christus-Gemeinde begleiten. Auch diese Stelle ist zunächst auf ein Jahr befristet. "Was danach kommt, kann ich noch nicht absehen", erklärt Pfarrerin Stock.
Ersatz wird es in Kamen für die scheidende Pfarrerin nicht geben. "Die Aufgaben müssen neu verteilt werden, möglicherweise werden Ehrenamtliche mehr Aufgaben übernehmen müssen", so die Pfarrerin. "All das macht erst einmal sicherlich Angst - doch es gibt auch eine Chance für einen Neubeginn." Doch erst einmal der Abschied: Ein Abschied, der der Gemeinde in der Pauluskirche sichtlich schwer fällt, nicht enden wollen an dem Samstagabend die Danksagungen, darunter auch die des Sohnes Paul.
"Ohne dich wird es ärmer werden", sagt Pfarrer Klaus-Dieter Suk, der auf hunderte Gottesdienste, Kindergottesdienste, Taufen, Trauungen und Beerdigungen, die Stock begleitet hat, verweist. Dazu Presbyteriumssitzungen, Ausschüsse, Dienstgespräche. "Eine Frau geht die Dinge anders an als wir Männer - diese Sicht wird uns fehlen." Das bestätigt Pfarrer Hans-Martin Böcker: "Sie hat Dinge wahrgenommen, die wir in unserer Männerwirtschaft auch einmal übersehen haben."
Und sie wird durchaus vorangetrieben von der Frage, wie dem ständigen Mitgliederschwund durch Kirchenaustritte zu begegnen ist. Wie von der Vision von der Jugendkirche, einer Kirche nur für die Jugend. Ihre Augen leuchten bei der Vorstellung. "Das wäre wirklich klasse." Sie weiß, dass jenes durchaus gewöhnungsbedürftig wäre. "Eine abgedunkelte Kirche erfüllt mit metallischen Klängen, Gebetsrunden auf dem Fußboden. Vielleicht chaotisch, aber nicht weniger ehrlich suchend nach Erfüllung und Spiritualität", sagt sie beispielhaft.
Ihre Erfüllung in Kamen hat sie nach neuneinhalb Jahren gefunden. "Es war eine wirklich gute Zeit, Stadt und Gemeinde sind zur Heimat geworden", sagt sie. "Jetzt aber freue ich mich auf die neue Herausforderung, ich habe viele Ideen im Gepäck." Ganz den Koffer packen wird sie aber nicht, Susanne Stock wird weiterhin in Kamen wohnen bleiben. Und so wird sie womöglich auch ihrer ehemaligen Religionslehrerin, Helga Westerholz, noch manches Mal über den Weg laufen.
"Vielleicht hat der Unterricht an der Glückaufschule ja ein bisschen zu der Berufswahl beigetragen", sagt Helga Westerholz, die nunmehr die Ev. Öffentliche Gemeindebücherei betreut, bescheiden. Und so gab es als Abschiedsgeschenk von ihr, ganz klar, ein Buch. Ein anderes Buch überreichte Magdalene Labbé vom Christlich-Islamischen Arbeitskreis, in dem Susanne Stock mitgewirkt hat: Eine neue Übersetzung des Korans.
Und so hat Susanne Stock Geschenke, Ideen und Visionen reichlich für den Weg über die Stadtgrenze - für künftige Veränderungen, die es in der Kirche ja immer schon gegeben hat. Und für eine Verjüngung, die diese dringend benötigt - Jugendkirche eben.
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