Moderiert wurde die Veranstaltung, die dieses Jahr unter dem Motto "Fairness" stand, von Sandra Hoffmann, einer freien Mitarbeiterin des Offenen Kanals Giessen, die ihre Aufgabe vor allem dann besonders gut machte und den "Stadtpromis" auf den Zahn fühlte, wenn einer der Befragten glaubte, die Heranwachsenden mit schwammigen Antworten abspeisen zu können.
Die sechs Podiumsteilnehmer, darunter die designierte Giessener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD), Polizeibeamter Hartmut Sartor von der Arbeitsgruppe Gewalt an Schulen (AGGAS) des Polizeipräsidiums Mittelhessen, Stadtrat und Mitglied der Sportkommission, Egon Fritz, Sportjournalist Albert Mehl sowie Kinder- und Jugendtherapeutin Monika Schindler, konnten dem einen oder anderen Flanierer manches Mal auch wirklich leid tun. Die Kids fragten direkt, ohne Umschweife und vor allem äusserst kritisch. Wer hätte gedacht, dass sich zwölfjährige Mädchen und Jungen mit Themen wie Arbeitslosigkeit,

Gleichberechtigung, Fremdenfeindlichkeit und Doping beschäftigen?
Nicht ganz leicht hatte es vor allem Diskussionsteilnehmerin und Schulamtsdirektorin Christiane Gerlitz-Weller, die von den Schülern buchstäblich mit Fragen bombardiert wurde. So interessierte sich die kleine Lea Schwarz von der Gesamtschule Giessen-Ost dafür, ob Gerlitz-Weller die Verteilung von Schulgeldern fair finde oder gar die Unterbringung von Schülern in Containern, worunter die Gesamtschüler derzeit aufgrund einiger Umbauarbeiten leiden müssen. Gerlitz-Weller befand die Container für schön und annehmbar und erzählte noch einiges über Sanierarbeiten und Konjunkturprogramme. Fragt sich, ob die Schulamtsdirektorin je Unterricht in einem Container hatte.
Umso behutsamer gingen Stadtjugendpfarrer Martin Schindel und Stadttheater-Intendantin Cathérine Miville auf die Fragen und kritischen Statements der Heramwachsenden ein, die sich besonders für Mivilles Meinung zu niedrigen und damit unfairen Gehältern von Künstlern und Schauspielern am Theater interessierten. Besonders beliebte Podiumsteilnehmer waren aber vor allem die designierte Oberbürgermeisterin und der Trainer der Bundesliga-Basketballer der Giessen 46ers, Vladimir Bogojevic. So wurde dieser vor allem zum Thema Doping und Fairplay befragt. Mit Dietlind Grabe-Bolz gingen die Kids nicht gerade zimperlich um, keine Spur von Scheu oder gar Ehrfurcht vor der Stadtprominenz.
So fragte gleich zu Beginn der junge Antonius vom Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, ob sie eine Volksabstimmung über den Bau des geplanten Grosskinos am Berliner Platz fair finde. Und die künftige Oberbürgermeisterin antwortete aus vollem Herzen "Ja!". Ihrer Ansicht nach würde es der Stadt gut tun, wenn über wichtige Entscheidungen Meinungsbilder hergestellt, Menschen, die von gewissen Entscheidungen betroffen seien, befragt würden.

"Vor allem aber können einige von uns im Stadtparlament von Euch Schülern noch eine Menge zum Thema fairer Umgang und Diskussionsführung lernen", befand Grabe-Boltz. Für viel Beifall bei den Heranwachsenden sorgte die Auffassung der künftigen Oberbürgermeisterin, die sich wiederum an ein Zitat des niederländischen Malers Vincent van Gogh hält: "Fairness ist, wenn ich ein wenig in der Sonne stehe, ohne einen anderen dabei in den Schatten zu stellen."
Es hat sich gezeigt, dass das politische und soziale Bewusstein der Heranwachsenden nicht unterschätzt werden darf. Doch wenn Jugendliche erleben, dass ihre Eltern sich nicht für die Wahlen interessieren, da es den Politikern nur noch um Machterhalt geht, woher soll das Interesse an demokratischer Mitbestimmung kommen, wenn sie irgendwann selbst an die Urne schreiten dürfen? Wer selbst gewählt hat, fiebert am Wahlabend mit. Man gehört irgendwie dazu. Zu den Gewinnern oder zu den Verlierern. In jedem Fall ist man an Wahltagen ein aktiver Teil einer lebendigen Demokratie und deshalb unterstützt die Jugendkirche diese Aktion.
In einigen Bundesländern können Jugendliche bei Kommunalwahlen zwar schon ab 16 wählen, doch für eine Teilnahme an der Bundestagswahl ist ein Mindestalter von 18 Jahren vorgeschrieben. Anders bei U18: Diese Initiative ermöglicht es seit einigen Jahren auch Kindern und Jugendlichen, zu einer eigenen Bundestagswahl zu gehen.