Das dürfe nicht sein, wurde Protest in der Gemeinde laut: Wahlkampfsprüche und Parteiprogramme hätten in der Kirche nichts zu suchen. Ein Gegner brachte seine Empörung dem Rottenburger Bischof zu Gehör und erhielt kurz vor der Debatte Rückendeckung. Gebhard Fürst bat die Sillenbucher, wenn es aus Platzgründen möglich wäre, in das benachbarte Gemeindehaus umziehen. So wurde es auch gemacht.
"Es gibt eine Regelung, profane Veranstaltungen nicht in sakralen Räumen stattfinden zu lassen", betont Thomas Broch, der Pressesprecher der Diözese Stuttgart-Rottenburg. Im katholischen Verständnis sei die Kirche mehr als nur ein Versammlungsort. Im Tabernakel würden die geweihten Hostien aufbewahrt, die die Anwesenheit Jesus Christi bedeuteten. "Da ist es eine Frage der Grenzziehung, was geht und was nicht", sagt Broch. Eine Politrunde in der Kirche könne durchaus religiöse Gefühle verletzen. Deshalb habe der Bischof, der die Bürger übrigens explizit zum Wählen aufruft, den Kompromissvorschlag auf den Tisch gebracht.
Eine offene Kirche, eine die auch Platz bietet für weltliche Fragen, wünscht sich der Sillenbucher Rudolf Fiege. Der Diplomtheologe hat das Podium mitgeplant. "Sonntag und Alltag sind nicht so scharf zu trennen", sagt Fiege und hätte mit der Veranstaltung gerne ein deutliches Zeichen gesetzt. Es ginge darum, die Kirche für die ganze Wirklichkeit zugänglich zu machen.

Zum Neujahrsempfang lädt der Bundespräsident sämtliche protokollarisch festgelegten violetten, roten und schwarzweissen Amtsträger der beiden christlichen Kirchen. Er drückt ihnen extra fest die Hände. Jede Woche ein anderer Politiker der westlichen Hemisphäre beim Papst. Die Kirchen wissen sehr wohl, was sie an den Politikern haben - gerade in der BRD, wo die Kirchen erhebliche geldwerte Vorteile geniessen und die Kirchensteuer automatisch wie Milch und Honig fliesst.
Die evangelischen Christen in Stuttgart haben die Kirchentore längst geöffnet. Nicht nur für Lesungen und Konzerte. In der Martinskirche beim Pragfriedhof darf beim Jugendkirchenfestival zu Techno getanzt werden, in der Hospitalkirche finden Filmgottesdienste statt und die Leonhardskirche wird zum Speisesaal der Obdachlosen. Während der Vesperkirchenzeit ist dort Halligalli.
"Die Kirche ist ein Raum für die Gemeinde, der vielfältig genutzt wird", sagt der evangelische Pressepfarrer Christoph Schweizer. Wenn der Kirchengemeinderat zustimme, sei laut Kirchenrecht sogar ein Wahlkampfpodium möglich. Doch das sei letztlich eine Stilfrage. Üblicherweise würde dafür das Gemeindehaus genutzt.