Es ist ein schöner Sonnabendnachmittag in Falkensee. Wilfried Krippner kommt gemütlich auf dem Mountainbike angeradelt. Er trägt helle Jeans und ein T-Shirt mit ein paar dunklen Sprenklern. "Das sind Farbreste vom Bänkestreichen", erklärt der 21-Jährige wie zur Entschuldigung. Dann deutet er auf die Aufschrift auf der Brust. "Engel in Aktion" steht dort in grossen Lettern. Seine evangelische Falkenseer Jugendgemeinde kümmerte sich im Rahmen der Aktion im letzten Jahr um einen Spielplatz in Berlin-Köpenick.
Die zehn jungen Leute strichen Bänke und beseitigten Müll, den andere rücksichtslos dahin geworfen haben, wo sonst Kinder spielen. Im Juli halfen Wilfried und einige seiner Freunde beim internationalen Kirchentag in Bremen, bei dem junge Menschen aus der ganzen Welt ihren Glauben feierten, Flyer zu verteilen oder Leute zu lotsen.
Solche Aktionen sind es, die Wilfried an seiner Jungen Gemeinde schätzt. Immerhin spiegelt dieses Geben für ihn auch den christlichen Kerngedanken wider. "Zusammen sind wir stärker als alleine", sagt er schliesslich und klingt dabei erstaunlich reif. Der 21-Jährige ist mittlerweile einer der Ältesten in der Jungen Gemeinde. Viele seiner ehemaligen Mitstreiter sind längst für Studium oder Beruf weggezogen oder haben nicht mehr die Musse, ihren Glauben in der Gemeinde zu leben. Die Neuen sind Konfirmanden um die 14 Jahre, die oft nicht lange bleiben.
"Unser harter Kern sind noch sechs Leute", schätzt Wilfried. Dass Gott bei Jugendlichen im Havelland viel von seiner Strahlkraft eingebüsst hat, weiss er. "In meiner Klasse waren vielleicht fünf Leute, die geglaubt haben". Trotzdem, meint der 21-Jährige, ist Falkensee noch religiöser als andere Gemeinden hier. "Wir haben viel Zuzug aus dem Westen. Und da glauben noch viele Leute", meint der Abiturient des Lise-Meitner-Gymnasiums.
Doch auch Wilfried selbst ist längst nicht immer frei von Zweifeln. "Wenn ich Kriege und Katastrophen in den Nachrichten sehe, frage ich mich manchmal, wo Gott eigentlich ist". Und dann sind da noch die Verlockungen des weltlichen Lebens. "Ich mag Kriegsspiele auf dem PC", bekennt Wilfried. Mit seinen Schulfreunden, von denen die meisten nicht glauben, veranstaltet er oft LAN-Partys, auf denen nach Herzenslust geballert wird.
"Manchmal meinen sie, das sei unchristlich. Aber es macht Spass", so Wilfried, der seit fünf Jahren im Gospelchor Finkenkrug singt, aber auch zu Bands wie den Ärzten oder den Toten Hosen Pogo tanzt. Für den 21-Jährigen ist das kein Widerspruch. Für ihn sind Bibelverse keine Dogmen. Er nimmt eher daran Anstoss und verwertet sie für sich. Oder auch nicht.
Immerhin wählt Wilfried auch die Grünen, seit er es darf. Freie Liebe ohne Trauschein oder Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Homosexuellen, das sind für ihn Selbstverständlichkeiten. Und weil er während der Abi-Zeit lange Haare trug und oft feiern ging, stempelten ihn Klassenkameraden als unverbesserlichen Linken ab, der sowieso verweigert und Zivi wird.
Aus Trotz heuerte Wilfried aber Ende 2008 doch bei der Bundeswehr an. Eine Jugendsünde, die er heute bereut. Die 30-Kilometer-Märsche und das Strammstehen, das war dann nichts für den eigenwilligen jungen Mann. Nach nur drei Monaten schmiss er den Dienst für das Vaterland hin und wurde doch Zivi bei der Sozialstation Falkensee. Wilfried weiss, dass er voller Widersprüche steckt. Doch immer brav und christlich zu sein, wäre ihm zu langweilig.
Und dann gibt es wieder Momente, in denen er sich Gott ganz nahe fühlt. So wie bei seinem Trip ins französische Taizé im Juni. Hier treffen sich jedes Jahr tausende junger Leute aus ganz Europa, um über Gott zu reden. Mönche lesen aus der Bibel und die jungen Gläubigen singen meditative Lieder über Jesus und seine Wunder.
Dreimal am Tag hat er dabei mit 5000 anderen Jugendlichen in einer Kirche gesessen. Sie lasen Bibelverse. Und dann war es für acht Minuten still im Gotteshaus. "Das war beeindruckend. Da war jeder für sich und man war doch zusammen", so Wilfried. In solchen Momenten weiss er, dass es sich lohnt, zu glauben.
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