An der Strassenkreuzung im westfälischen Borgentreich fällt sofort ein Holzschild auf, das dem Besucher den Weg weist: Ein weisses "A" auf schwarzem Grund ist darauf gezeichnet, darüber spannt sich ein Halbkreis, darunter der Schriftzug: "Freakstock". Wer sich nicht weiter damit beschäftigt, würde das Schild für den Hinweis auf eines der vielen Punk- oder Metallfestivals halten, die in diesem Sommer überall im Grünen gefeiert werden.
Auch wer sich dem Zeltplatz am Rand der Gemeinde nähert, dem bietet sich erst das übliche Bild: Ein Parkplatz voll mit Autos aus ganz Deutschland - Berlin, Chemnitz, Hamburg oder München, verraten die Nummernschilder. Dahinter ein Kassenhäuschen, ein paar Duschräume, Ordner in orangefarbenen Westen. An der Rezeption kann man für 50 Cent sein Handy aufladen lassen, eine junge Frau verteilt Programmhefte.
Es ist noch früh am Tag und so haben sich nur wenige Besucher schon aus ihren Zelten bewegt, laufen etwas zerzaust mit der Zahnbürste und dem Handtuch über den Vorplatz. Erst wer etwas genauer hinschaut, bemerkt, was hier anders ist: "Jesus lebt", steht auf dem T-Shirt eines langhaarigen Jungen, auf dem Rücken eines Mädchens ist zu lesen: "Dank Gott weiss ich, dass ich fliegen kann."
Nein, "Freakstock" ist kein normales Musikfestival. Hier treten keine berühmten Bands auf, es gibt auch keine Musikrichtung, die hier vorwiegend gespielt wird. Es gibt hier überhaupt nur einen Superstar, und das ist Jesus.

Er sei der erste und der letzte Gast auf dem Gelände, haben die Veranstalter in ihre Ankündigung zu dem Festival geschrieben. Und wirklich scheint der Mann, den Christen seit jeher als Sohn Gottes verehren, hier allgegenwärtig.
"Jesus ist der Rockstar meines Lebens", sagt zum Beispiel Kathrin Mehrens. Gemeinsam mit vier anderen Besucherinnen sitzt die 28-Jährige um einen Campingtisch am Rand des Festivalgeländes, erwärmt gerade Kaffeewasser auf dem mitgebrachten Kocher. Diesen Satz, der so häufig fällt an diesem Tag, findet sie nicht weiter merkwürdig: "Andere Leute laufen jahrelang Tokio Hotel hinterher - da macht es ja wohl mehr Sinn, Jesus zu verehren", sagt die Erzieherin.
Jordana, die 21-jährige Studentin neben ihr, geht sogar noch weiter: "Ich liebe Jesus und wenn man jemanden liebt, will man nun mal so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen." Ihr gesamtes Leben richte sie nach Jesus aus, er begleite sie ständig: "In die Uni, zum Einkaufen, ganz egal wohin."
Wenn Jordana das in dieser Runde sagt, nicken die anderen Mädchen neben ihr. Ein paar Mal hat sie ähnliche Sätze in der Fussgängerzone gesagt, hat dort laut ihren Glauben ausgesprochen. "Es ist schon erstaunlich, wie heftig die Menschen auf so etwas reagieren", sagt Jordana im Rückblick. Einige waren erschrocken, andere irritiert oder gar wütend: "Es heisst dann immer sofort, dass du zu einer Sekte gehörst", sagt sie.
Dabei verstehen sich die Jesus Freaks als Christen. Glauben an den gleichen Gott wie jeder Katholik oder Protestant, der sonntags zum Beten in die Kirche geht. "Diese Konvention hat mich immer gestört", sagt Jordana, "als wäre nur der ein guter Christ, der einen Schlips anzieht und ein Gesangbuch unter dem Arm trägt."
Beides findet man auf dem Festivalgelände nicht - aber das ist auch schon die einzige Einschränkung der Vielfalt, die hier herrscht. Zahlreiche Bands aller möglichen Stilrichtungen spielen während der "Freakstock"-Tage. Es gibt aber auch zahlreiche Workshops und Seminare. Die tragen Titel wie "Sehnsucht nach dem himmlischen Papa" oder "Ausstieg aus der Selbstsabotage". Und immer wieder sieht man Menschen, die in sich gekehrt dasitzen, die meditieren, beten, allein oder mit anderen.
Aus der Punkkultur ist längst eine multikulturelle Glaubensbewegung gewachsen: Ein bisschen Gothic trifft man hier, ein bisschen Hippie, viele Familien mit kleinen Kindern. Als "Freaks" würde man den Grossteil von ihnen wahrscheinlich nicht bezeichnen, träfe man sie einfach so auf der Strasse.
Auch Martin Hünerhoff ist sicherlich kein Mann, der äusserlich als "Freak" durchgehen würde: Er trägt an diesem Morgen eine schwarze Sonnenbrille, Short und Sneakers, die blonden Haare sind seitlich ins Gesicht gekämmt. "Ich bin noch nicht ganz wach", gähnt der 34-Jährige zur Begrüssung - der erste Abend im Camp war lang, der Tag ist noch jung, und ohne Frühstück kommt auch ein Jesus Freak nicht richtig in Schwung.
Hünerhoff ist PR-Manager und Sprecher des Festivals, dass sich längst zu einer Grossveranstaltung entwickelt hat: 2500 Freaks aus Deutschland und den Nachbarländern sind in diesem Jahr auf das ehemalige Militärgelände im ostwestfälischen Kreis Höxter gekommen. Es gehört heute der koptischen Kirche. Ein paar Gemeindemitglieder wohnen sogar in mitten der Zeltstadt, ihre Vorgärten haben sie sorgsam mit Absperrband vor dem Ansturm der Festivalbesucher geschützt. Sehr offen hätten die ursprünglich ägyptischen Christen die Festivalteilnehmer aufgenommen, sagt Hünerhoff, ein Priester gibt sogar ein Seminar für die Jesus-Jünger - "das zeigt ja, dass sie uns akzeptieren".
Auch das westfälische Dorf hat die jungen Christen nach anfänglicher Skepsis offen aufgenommen: "Anfangs hiess es schon: Hoppsa, was kommt da denn angerollt", sagt Hünerhoff, gerade der Anarcho-Schriftzug machte den konservativen Bewohnern durchaus Sorge. "Als wir hier ankamen, war auch die Dorfpolizei sehr präsent, hat erst mal jeden Blumenkübel einzeln umgedreht", so Hünerhoff.
Kritik am "Freakstock"-Festival äusserte der Münsteraner Religionswissenschaftler Sebastian Schüler. Die "Jesus-Freaks" würden trotz des unkonventionellen Auftretens konservative bis anti-moderne Ansichten vertreten und die Bibel wörtlich auslegen, erklärte Schüler. Freakstock-Sprecher Hünerhoff verwies dagegen darauf, dass die "Jesus-Freaks" für "eine totale Vielfalt" ständen. Das Verbindende sei, mit Jesus und der Bibel leben zu wollen.

Der Bischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Anba Damian, zog jedoch eine positive Bilanz: "Die jungen Leute waren sehr vernünftig und aufgeschlossen", sagte der Bischof. Viele der Teilnehmer hätten auch ein grosses Interesse an der aus Ägypten stammenden Gastgeber-Kirche gezeigt. Als Bischof habe er sich an den Gottesdiensten sowie an der Abschlussfeier des Festivals beteiligt. "Freakstock" fand auf einem ehemaligen NATO-Kasernengelände statt, das nun der koptischen Kirche gehört.
Doch zu ihrem Namen stehen die Jesus Freaks, so provokant er auch sein mag. Auch wenn die rebellierenden Gründer längst älter und ruhiger geworden sind, seit ein paar Jahren mit ihren Familien zum Festival kommen und in Bungalows statt in Zelten schlafen. "Der Name ist schon auch eine Aussage", sagt Hünerhoff im typischen PR-Jargon, "Wir wollen radikal mit Jesus leben, aus der Beziehung zu ihm rausholen, was geht."
Man muss mehrmals nachhaken, bis der 34-Jährige den Öffentlichkeitsarbeiter ablegt und über seine eigene, persönliche Einstellung zum Glauben spricht: "Jesus ist für mich der Hauptbezugspunkt im Leben", erzählt er dann, "das, was mir auch in schwierigen Momenten zeigt, dass es mehr gibt, als man sehen kann." Dass Gott einen Plan für sein Leben hat, glaubt der 34-Jährige nicht: "Er lässt mich auch schon mal in die Irre laufen. Und wenn du dann mit ihm sprichst, sagt er dir: Hey, das war wohl nichts."
Die "Jesus Freaks" als Initiatoren und Veranstalter verstehen sich als Erweckungsbewegung junger Christen in Anlehnung an die charismatischen "Jesus-People" der 60er und 70er Jahre in den USA. In Europa gibt es mittlerweile mehr als 150 "Jesus-Freaks"-Gruppen. Bei ihren Festivals versuchen die Jugendlichen eine unkonventionelle Übertragung traditioneller kirchlicher Formen wie Predigt, Taufe und Abendmahl in ihre Lebenswelt.
Zwölf Jahre lang hatten die "Jesus-Freaks" das nach eigenen Angaben grösste alternative christliche Festival Europas im thüringischen Gotha gefeiert. Zu Spitzenzeiten kamen nach Angaben der Veranstalter bis zu 8‘000 Besucher, im letzten Jahre seien es rund 3‘500 gewesen.